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Ernährung

Fleischlos aus Überzeugung

Wie neue Werte und alte Traditionen den Fleischkonsum bestimmen

Fleischlos aus Überzeugung © BLE

In Deutschland sind es vor allem die jungen Menschen, die Vegetarismus und Veganismus voranbringen. Für sie ist Fleischverzehr inzwischen auf der ‚Dunklen Seite‘ ihres Wertekosmos gelandet. Für westliche Länder mit hohem wirtschaftlichen Status ist dies eine exemplarische Entwicklung. Auf Fleischverzicht aus wirtschaftlichen Gründen folgt hoher Konsum und dann die Besinnung auf neue Werte. Und wie sieht es aus in den Gegenden der Erde, in denen eine Ernährung ohne Fleisch aus weltanschaulichen Gründen langjähriger Bestandteil der Kultur ist?

Fleischgenuss ist tief in der Ernährung westlicher Industrienationen verwurzelt. Eine angemessene Mahlzeit in europäischen Ländern besteht traditionell aus Fleisch als gefühlter Hauptkomponente und dann noch zwei Beilagen. Gerade Männer halten ein Essen ohne Fleisch für keine ‚richtige Mahlzeit‘, immer noch gibt es die Assoziation von Fleisch und Männlichkeit. Dass ein hoher Fleischkonsum gesundheits- und umweltschädlich ist, wird gern vergessen oder schöngeredet.

Fleisch als Wohlstandsanzeiger

Nach dem Krieg stieg der Pro-Kopf-Verbrauch im Wirtschaftswunderland Deutschland immer mehr an. Wachsender Wohlstand = hoher Fleischkonsum – eine aus vielen Ländern bekannte Entwicklung. Für die heute Älteren war Fleisch oft ein Zeichen, dass die dürren Jahre vorbei sind und man sich jetzt wieder etwas leisten kann.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute ist Fleisch in Deutschland spottbillig, zumindest, wenn die Qualität egal ist. Abheben, auch finanziell, können sich die Fleischliebhaber noch durch Biofleisch oder besonders teure Fleischqualitäten wie Iberico, Wagyu oder Kobe-Fleisch, der regionalen Version von Wagyu. Dieses aus der japanischen Stadt Kobe stammende Rindfleisch kostet derzeit über 400 Euro pro Kilo.

Junge Deutsche essen fleischlos

In Deutschland finden die vegetarische oder vegane Ernährung immer mehr Anhänger. Noch vor vier Jahren gab es in der deutschen Bevölkerung etwa 5,3 Millionen Vegetarier und 0,8 Millionen Veganer, heute sind es bereits 6,5 bzw. 1,1 Millionen (Statista 2021). Es könnten auch mehr sein, denn die Zahlen schwanken je nach Erhebung oder Studie.

Nach einer Umfrage für den Fleischatlas 2021 ernähren sich etwa sechs Prozent der Deutschen vegan oder vegetarisch, andere Statistiken gehen von bis zu neun Prozent aus. Bei den 15- bis 28-Jährigen ernähren sich doppelt so viele fleischlos wie in der deutschen Gesamtbevölkerung. Damit hat sich der Anteil von Vegetariern und Veganern in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, denn damals lag er noch bei insgesamt 4,3 Prozent (Fleischatlas 2021).

Fridays for Future bringt vegan/vegetarisch voran

Wichtiger Treiber für pflanzlich dominierte Ernährungsstile ist die Bewegung ‚Fridays for Future‘ und ihr Umfeld. Rund ein Drittel der jetzigen Veganer und Vegetarier haben erst im vergangenen Jahr auf fleischfrei umgestellt. Frauen stellen in beiden Gruppen etwa 70 Prozent.

Vegan ist bei den Studierenden etwas beliebter als bei den Nicht-Akademikern. Wer wenig Fleisch konsumiert, ist umwelt- und insbesondere ernährungs- und tierschutzbewusster. Bei den Veganern sehen sich 75 Prozent als Teil der Klimaschutzbewegung, bei den Vegetariern fast 50 Prozent. Bei den ‚Fleischessern‘ sind das nur 15 Prozent.

Staatlicher Eingriff? Ja, bitte!

Junge Menschen befürworten in der Mehrheit eine Klimakennzeichnung von Lebensmitteln, strengere Tierschutzgesetze und möchten ein verbindlich vorgeschriebenes Tierschutzlabel. Damit sind sie auf einer Linie mit Fachgremien wie dem Weltklima- und dem Weltbiodiversitätsrat.

Auch diese Experten empfehlen deutlich stärkere Interventionen vonseiten der Politik. Sie sind gegen das Konzept des ‚souveränen Konsumierenden‘, da Konsum- und Ernährungsentscheidungen maßgeblich vom persönlichen Umfeld beeinflusst würden. Verfügbares Angebot, Preise, Marketing usw. beeinflussten Kaufentscheidungen mehr als Wissen über Umwelt, Tierwohl und Gesundheit.

Fleischlose Ernährung kosmopolitisch gesehen

Bei uns haben sich die gesellschaftlichen Normen für viele junge Menschen in Richtung Fleischverzicht gewandelt. In einigen Gruppen gibt es sogar einen Ruf nach staatlicher Lenkung.

Wie sieht die aktuelle Entwicklung in Ländern aus, in denen Fleischverzicht einen traditionellen Hintergrund hat? In denen Religion und/oder Staatsregierung dem Fleischkonsum lange negativ gegenüberstanden?

Israel: Neue Ethik und alte Essgewohnheiten

2016 gab es nirgends so viele Menschen, die völlig auf Fleisch und Tierprodukte verzichten, wie in Israel. Etwa fünf Prozent der Israelis lebten vegan, dazu waren 13 Prozent Vegetarier. Dabei gab es auch dort vor etwa zehn Jahren wohl gerade einmal 2,5 Prozent Vegetarier, von Veganern ganz zu schweigen.

Diese rasante Entwicklung scheint stark auf Tierschutzmotiven zu beruhen. Sehr bekannte, teils sogar militante Tierschützer beeinflussten viele Israelis. Durch die koschere Ernährung waren sie daran gewöhnt, aus Überzeugung rigorose Ernährungsvorschriften einzuhalten. Dazu sind in Israel Milchersatzprodukte sehr verbreitet, um leichter Milchiges von Fleischigem zu trennen. Generell bietet die israelische Küche viele pflanzliche Gerichte, zum Beispiel sind Falafels mit Humus weit verbreitet. Inzwischen ist der Fleischkonsum wieder gestiegen, doch letzte Zahlen von 2020 zeigen immer noch einen Anteil von sechs Prozent Vegetariern.

Indien ist Weltmeister des Vegetarismus

Indien ist ein Beispiel dafür, wie stark der Fleischkonsum allein durch Religionsangehörigkeit der Einwohner beeinflusst wird. Den größten Anteil an der Bevölkerung machen mit etwa 80 Prozent Hindus aus, gefolgt von ungefähr 14 Prozent Muslimen (Volkszensus 2011). Die meisten Hindus leben fast ausschließlich vegetarisch, der Verzicht auf Fleisch ist allerdings kein Dogma. Sie alle nehmen aber grundsätzlich kein Rindfleisch zu sich, da im Hinduismus Kühe heilig sind. In den muslimischen Bevölkerungsteilen betrifft dieses Tabu den Verzehr von Schweinefleisch.

Auch wenn in Indien mit steigendem Wohlstand der Fleischkonsum gestiegen ist, scheint er auf einem niedrigen Niveau zu bleiben. Als Eiweißlieferanten dienen in der indischen Küche hauptsächlich Milchprodukte und Hülsenfrüchte wie etwa geschälte rote Linsen, Strauch- oder auch Kichererbsen. Eine vegane Ernährung kennen die meisten Inder aus der Tradition heraus nicht.

Indische Jaina als praktizierende Veganer

Eine Ausnahme sind die Anhänger der dritten indischen Hochreligion, des Jainismus. Ihm gehören mit etwa 4,5 Millionen Menschen zirka 0,4 Prozent der indischen Bevölkerung an. Eine der zentralen Richtlinien des Jainismus ist Gewaltlosigkeit gegen alle Lebensformen. Daher essen die meisten Jainas kein Fleisch, keine Eier und nichts, bei dessen Herstellung ein Lebewesen verletzt wurde, sind also praktizierende Veganer. Manche essen aber Käse und Milch, weil sie davon ausgehen, dass Kühe, Schafe und Ziegen darunter nicht leiden müssen.

Japan: Fleischverbot per Gesetz

Auch Japan gehört zu den Ländern, in denen traditionell eher wenig Fleisch gegessen wird. Tatsächlich war es über viele Jahrhunderte allen Japanern aus religiösen Gründen verboten, das Fleisch vierbeiniger Tiere zu essen. Das erste Gesetz dazu wurde 675 erlassen, rund einhundert Jahre nach der Ankunft des Buddhismus in Japan. Jeder neue Kaiser erließ in den nächsten Jahrhunderten bei seiner Thronbesteigung ein entsprechendes kaiserliches Edikt, das für alle Japaner galt. Ein wichtiger Unterschied zu China, in dem es ähnliche Gesetze gab, aber nur für die buddhistischen Nonnen und Mönche. Über viele Jahrhunderte hinweg war so der Fleischkonsum in Japan bemerkenswert gering.

Gründe liegen im Buddhismus, in dem das Töten von Tieren als falsch gilt, aber auch die einheimische Religion Shinto sah das Fleisch von Tieren als unreines Essen an. Ausgenommen war das Fleisch von Wildvögeln und vor allem von Fischen und anderen Meeresfrüchten. Wale hielten die Menschen damals für riesige Fische und daher bestand kein Verbot, sie zu fangen und zu essen. So hat sich die Zubereitung von Fischen und anderen Meeresfrüchten in Japan zu einer äußerst hohen Kunst entwickelt.

Fleischersatz ist keine neuzeitliche Erfindung

Schon früh gab es nicht nur in Japan, sondern auch in China, Korea und anderen asiatischen Ländern täuschend echte Fleisch-Imitate aus Soja- oder Weizenprodukten, die über Generationen hinweg perfektioniert wurden. Veganes Fleisch, sogenanntes ‚Mock-Meat‘, stand mindestens seit dem 10. Jahrhundert auf dem asiatischen Speiseplan: Es gibt Ente aus Seitan (Mock Duck), Hühnchen aus Tofu oder Lamm aus Shiitakepilzen.

Besonders beliebt sind auch vegetarische Abalone. Die mit Tofu gefüllten Shiitake gleichen in Form, Farbe, Textur und Geschmack den vor allem in Asien als Delikatesse beliebten Meeresschnecken. Was auch unsere heimischen Supermärkte nach und nach anbieten, war im Asia Laden oft schon lange zu haben. So gesehen ist es fast ironisch, wenn nun amerikanische Firmen wie Beyond Meat oder Impossible Foods sich aufmachen, um mit ihren veganen Burgern den chinesischen Markt zu erobern.

Durchschnittlicher Fleischkonsum in China inzwischen höher als in Deutschland

Gerade in Japan und China steigt aber der Fleischkonsum in den letzten Jahren kontinuierlich an. Alte Verbote gibt es nicht mehr, religiöse Gründe sind gerade im kommunistisch geführten China für immer weniger Menschen gültig. Die Einkommen steigen, die Mittelschicht wächst, immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt. Mit steigendem Wohlstand wird mehr Fleisch verzehrt. Wie früher in Deutschland ist es auch ein Statussymbol.

Ein durchschnittlicher Chinese isst mit 63 Kilogramm Fleisch im Jahr jetzt mehr als ein Deutscher. Gleichzeitig gibt es aber in China mit zehn Prozent der Bevölkerung immer noch mehr Vegetarier in der Bevölkerung als hierzulande.

Elke Reinecke


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