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Pestizide nachhaltig verwenden?

Abdrift, Rückstände und Ausstieg: EU-Webinar zum Problemfeld Pestizide

Pestizide nachhaltig verwenden?
v.l.n.r.: Lisa Tostado, Heinrich-Böll-Stiftung; Johanna Bär, Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (BEL); Martin Dermine, PAN Europe; Johannes Heimrath, BEL; Peter Clausing, PAN Germany; Martin Häusling, Europagrüne; Andrew Owen-Griffiths, EU-Kommission; Stephan Paulke, EgeSun GmbH

Wie sehr haben Bio-Landwirte unter dem Pestizidabdrift konventioneller Betriebe zu leiden? Wann kommt die neue Verordnung der EU zur Förderung nicht-chemischer Methoden? Und wie lässt sich der schrittweise Ausstieg vorantreiben? Im Webinar ‚Schau, was kommt von draußen rein…‘, veranstaltet von der Europagruppe der Grünen und dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, trafen sich Politik, Zivilgesellschaft und Vertreter der Bio-Branche zur Diskussion.

Martin Dermine vom Pesticide Action Network (PAN Europe) verdeutlichte den über 200 Zuschauern des Webinars die negativen Auswirkungen des Pestizideinsatzes für Gesundheit, Umwelt und Biodiversität in Europa. Für mindestens 2,3 Milliarden Euro müssten EU-Bürger jährlich aufkommen, um die durch Pestizide verursachten Schäden auszugleichen. Zwar habe die EU die strengsten Regeln weltweit, sie seien aber bei weitem nicht ausreichend. Die Forschungsergebnisse zu gesundheitlichen Risiken hinkten der verfrühten Zulassung hinterher und das Vorsorgeprinzip werde nicht umgesetzt. Dass synthetische Pestizide überhaupt nachhaltig verwendet werden können, ist für Dermine ein Mythos der Pestizidindustrie. Agroökologische Praktiken seien die einzige Alternative.

Ins Thema Pestizidabdrift führte Johanna Bär, Geschäftsführerin des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft (BEL), ein. 2019 hat das BEL gemeinsam mit dem Umweltinstitut München eine Studie zum Ferntransport von Pestizid-Wirkstoffen über die Luft veröffentlicht. An 163 Untersuchungsstandorten in Deutschland wurden dabei insgesamt 138 Pestizide nachgewiesen. Betroffen von der Abdrift seien auch Bio-Äcker und Naturschutzgebiete wie der Nationalpark Bayerischer Wald. Für den schrittweisen Ausstieg forderte Bär die Verbesserung des Pestizid-Zulassungsverfahrens und die sofortige Anwendungsbeschränkung von Glyphosat, Pendimetahlin, Prosulfocarb und Terbuthylazin.

Rückstände bedrohen Koexistenzrecht

Es könne nicht sein, dass die Beweislast bei Kontaminationen bei den Bio-Betrieben liege und sie täglich ihre Unschuld beweisen müssten, kritisierte Stephan Paulke, Geschäftsführer des Bio-Herstellers Egesun und Mitbegründer des BELs. In seinem Unternehmen würden Rückstandsuntersuchungen mit jährlich mehr als 200.000 Euro zu Buche schlagen. Das Koexistenzrecht werde durch den Ferntransport beeinträchtigt und die Pestizidindustrie müsse dringend für die verursachten Schäden der Biolandwirte aufkommen.

Johannes Heimrath, Vorstandsmitglied und Mitbegründer des BEL, verwies in seinem Vortrag auf die weitgehend fehlende Forschung zur Aufnahme von Pestiziden über die Lunge. Ackergifte töteten nützliche Mikroorganismen – auch diejenigen, die sich im Mikrobiom der menschlichen Lunge befinden. Solange der Datenmangel nicht behoben und der Grad der wissenschaftlichen Unsicherheit noch so hoch sei, müsse das Vorsorgeprinzip strikt angewandt werden: Ansonsten stehe das Recht auf körperliche Unversehrtheit in Frage.

Neue Verordnung über die nachhaltige Verwendung von Pestiziden

Bereits 2009 verabschiedete die EU ihre Richtlinie über die nachhaltige Verwendung von Pestiziden (Sustainable Use Directive, kurz SUD), über die ein geringer Pestizideinsatz gefördert und nicht-chemischen Methoden der Vorrang eingeräumt werden soll. Im Rahmen der Farm-to-Fork-Strategie wurde sie von der EU-Kommission überarbeitet.

„Wir werden die Verordnung nicht verwässern“, versicherte Andrew Owen-Griffiths, Vertreter der Europäischen Kommission aus der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. Der Vorschlag stehe fest und trotz des großen Drucks von Seiten der Industrie werde es keine Änderungen mehr geben. Die Veröffentlichung sei lediglich aufgrund des Ukraine-Kriegs verschoben worden und aktuell für den 22. Juni geplant. Als Verordnung soll der neue Rechtsakt eine bessere Umsetzung garantieren, als es bei der bisherigen Richtlinie der Fall war.

Den Ausstieg vorantreiben

„Jeder Bio-Bauer ist ein Verlust für die chemische Industrie“, erklärte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament. Umso wichtiger sei es, dass die Zivilgesellschaft, die sich über die Europäische Bürgerinitiative ‚Bienen und Bauern retten!‘ für den Pestizidausstieg ausgesprochen hat, nicht in ihrer Forderung nachlässt. 40 Prozent des Pestizideinsatzes seien völlig sinnlos und in über 99 Prozent der Fälle seien Bio-Landwirte nicht die Verursacher von nachgewiesenen Pestizidrückständen. Der Einsatz von Pestiziden müsse daher die Ausnahme sein und nicht die Regel.

„Das Thema Pestizidausstieg muss endlich im gesellschaftlichen und politischen Alltag ankommen“, betonte Johanna Bär im Schlusswort. Die BEL-Studie könne eine Grundlage dafür sein. „Wir hoffen, dass die EU-Kommission die richtigen Entscheidungen trifft und die Ziele der Farm-to-Fork Strategie nicht verwässert.“

Einen Appell an die Industrie fügte BEL-Vorstand Johannes Heimrath hinzu: Sie müsse einen Paradigmenwechsel vollziehen, weg von der Kampfmetapher und hin zur Sorgemetapher. „Finden Sie Dinge, die nähren und schützen, anstatt dass sie töten und vernichten.“


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