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Ernährung

Iss dich gesund!

Eine personalisierte Ernährung soll Menschen dauerhaft topfit erhalten

Iss dich gesund!
Die diversen medizinischen Untersuchungen gipfeln in einem Speiseplan, der auf die Bedürfnisse des eigenen Körpers zugeschnitten ist.

Personalisierte Ernährung bedeutet verkürzt formuliert, dass ein Speiseplan exakt auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Im Allgemeinen ist das Ziel, die Gesundheit zu erhalten. In speziellen Fällen geht es darum, abzunehmen oder sogar ein Leiden zu heilen. Angesichts mannigfaltiger Nährstoffe, Konstitutionen und Krankheitsbilder ist es allerdings äußerst schwierig, einen passenden Speiseplan zu erstellen.

Personalisierte Ernährung geht über eine herkömmliche Diät hinaus, die etwa ein Arzt empfiehlt. Denn hierbei wird eine spezielle Krankheit wie Zöliakie oder Diabetes mit einer einzelnen Strategie behandelt. Die personalisierte Ernährung bezieht erstens weitaus mehr Faktoren ein, etwa das eigene Genom. Zweitens geht es weniger darum, bestimmte Lebensmittel zu vermeiden, sondern solche zu essen, die der persönlichen Konstitution zuträglich sind.

Das Anliegen kann ebenfalls sein, eine Krankheit zu bekämpfen. Häufiger aber geht es darum, die Gesundheit dauerhaft zu erhalten. Als weitere Möglichkeit wird eine Leistungssteigerung angestrebt, weswegen beispielsweise der Football-Star Tom Brady eine präzise auf seine Anforderungen zugeschnittene Diät einhält.

Als neuer Trend schreibt das Smartphone den Speiseplan vor. Diverse Fitness-Apps zeichnen ohnehin eigene Ernährungsgewohnheiten und körperliche Aktivitäten auf. Mit all diesen Werten füttert eine weitere App eine Nährwerttabelle, die errechnet, was auf den Teller soll. Das klingt clever, entbehrt aber jeder wissenschaftlichen Grundlagen, wie unter ‚Stand der Forschung‘ nachzulesen ist.

Eine gründliche Analyse beginnt mit der Epigenetik (also individuellen Änderungen von Genfunktionen) und reicht bis zum Potenzial von Nährstoffen, die helfen, Krankheiten vorzubeugen. Das erfordert beispielsweise eine spezialisierte fachärztliche Diagnose, wobei nachfolgend ein Ernährungsberater bei der Zusammenstellung eines Speiseplans helfen kann.

Stand der Forschung

Aufschlussreich ist eine Studie der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Holger Buxel (Fachhochschule Münster) aus dem Sommer 2019. Unter dem Titel ‚My Food – Personalisierung und Ernährung‘ untersuchte sie drei Bereiche:
- Verbraucher, Unternehmen und Experten wurden befragt, inwieweit personalisierte Lebensmittel für sie relevant sind und inwieweit sie überhaupt angeboten werden.
- Des Weiteren gaben Verbraucher Auskunft, ob sie solche Angebote annehmen und ob für sie eine Genom-Analyse infrage käme.
- Weiter beantworteten sie die Frage, ob sie Apps benutzen würden, die sie beim Lebensmitteleinkauf unterstützen, und als wie hilfreich sie diese einschätzen.

Grob zusammengefasst gibt es ein großes Interesse seitens der Verbraucher und des Lebensmittelhandels. Nur krankt es an der Umsetzung, da es letzterer nur begrenzt leisten kann, personalisierte Lebensmittel anzubieten. Laut DLG-Studie ist allenfalls eine Art Baukastensystem denkbar. Konkret gehe es etwa um einen Müsli- oder Saft-Mix, den sich jeder Kunde zusammenstellen könne. Doch was darüber hinausgeht, betrachten die Unternehmen laut Umfrage eher skeptisch: „Dass für Verbraucher ein Angebot von personalisierten Produkten sehr interessant ist, das speziell an die individuellen Ernährungsbedürfnisse des Einzelnen angepasst ist, denken 15 Prozent“. Daraus lässt sich schließen, dass auch Kantinen vermutlich nur per Baukastensystem auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen können.

Die Mehrheit der befragten Konsumenten würde sich zwar von einer App beraten lassen, stände aber einer DNA-Analyse skeptisch gegenüber. Die aber stellt eine wesentliche Grundlage für eine personalisierte Ernährung dar. Letztlich lässt sich aus allen Erkenntnissen kein stringentes Konzept ableiten, das für Ärzte, Konsumenten und den Handel funktioniert.  Die vollständige Studie ist auf der Seite http://www.dlg.org unter ‚Lebensmittel – Themen – Publikationen‘ nachzulesen.

Ebenfalls sehr breit ist eine Studie der Dualen Hochschule Baden–Württemberg unter der Leitung von Prof. Dr. Katja Lotz angelegt. Sie deckt so unterschiedliche Themen wie Medizin, Genetik, Gesundheitspolitik oder Kommunikationswissenschaft ab und wird auf der Website www.heilbronn.dhbw.de/perse.html, vorgestellt. Die breit gefächerten Fragestellungen erforscht ein interdisziplinäres Team.

Konkret sollen beispielsweise innovative Konzepte für Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie vermittelt werden. Eine weitere Zielrichtung geben die Lebensmittelindustrie und der Einzelhandel vor: Wie können sie Produkte entwickeln und anbieten, die ohne falsche Versprechungen vermarktbar sind? Resultate sollen bei einem Kongress am 5. Oktober 2021 vorgestellt werden.

Die Universität Stanford wertet derzeit aus, wie Menschen durch Komplettvermessung gesünder werden können. Das Projekt ist als Langzeitstudie angelegt, daher stehen endgültige Resultate noch aus. Bisher ließ sich nur feststellen, dass von der personalisierten Ernährung nur Menschen profitieren, die unter Stoffwechselstörungen wie Übergewicht oder Diabetes leiden. Das entspricht auch anderen Detailstudien wie etwa die des israelischen Weizmann-Instituts für Wissenschaften. Bei 800 Teilnehmern zeigte sich, dass ihr Blutzuckerspiegel unterschiedlich auf das gleiche Essen reagierte, was vermutlich an der individuellen Darmflora liege.

Ebenso stellten die Forscher am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein fest, dass vermutlich die Darmflora entscheidend für eine personalisierte Ernährung sei. Denn den 150 Probanden fiel Abnehmen unterschiedlich leicht, obwohl sie denselben Ernährungsempfehlungen folgten.

Praktische Umsetzung

Als Fazit lässt sich festhalten: So weit man es überblicken kann, liegen wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wechselwirkung eines Individuums mit seiner Ernährung nur eingeschränkt vor. Erweiterte Studien, die alle Faktoren vom Genom bis zum Einkauf einbeziehen, sind noch in Arbeit. Mit Spannung darf man die Ergebnisse der Dualen Hochschule Baden-Württemberg erwarten.

Für den akuten Krankheitsfall gibt es nur wenige praktische Ansätze, und die sind nicht neu. Wer auf die Medizin bauen will, geht zuerst einmal zum Arzt. Ein Ernährungsberater kann nachfolgend aus dessen Empfehlungen eine Diät zusammenstellen.

Wer darüber hinaus eine Genom-Analyse vornehmen lässt, gewinnt daraus keine konkreten Empfehlungen für den Speiseplan. Es fehlt an Detailwissen über Ursachen und Wirkungen, die über Erkenntnisse etwa zur Zöliakie hinausgehen. Desgleichen kann man zwar die eigene Darmflora analysieren lassen, aber daraus keine Aussagen über den bestmöglichen Speiseplan ableiten.

Wer nicht akut krank ist, sondern ‚nur‘ die eigene Gesundheit erhalten will, dem bietet die Forschung zur personalisierten Ernährung ebenfalls kaum etwas, das er im Alltag umsetzen könnte. Es bleiben traditionelle Ansätze, etwa die von makrobiotischen Ernährungsregeln.
Fitness-Apps, die sich als personalisierte Ernährung verkaufen, beeindrucken zwar mit dem technischen Anstrich. Doch angesichts der geringen Datenbasis und ihrer wenig nachvollziehbaren Auswertung stochern sie weitgehend im Nebel – was aber manche Anwender nicht zu stören scheint.

Dirk Hartmann


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