Start / Ausgaben / bioPress 108 - Juli 2021 / Nahrung für Europa

Politik

Nahrung für Europa

Podcast-Reihe der Europäischen Kommission

Nahrung für Europa © XAVIER LEJEUNE

Was kommt 2022 mit der neuen EU-Öko-Verordnung? Kann man sich auf das EU-Bio-Logo verlassen? Brauchen wir importierte Bio-Produkte aus Drittländern? Und wie vielversprechend ist der neue Öko-Aktionsplan der EU? In einer Podcast-Miniserie liefert die Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung der Europäischen Kommission (DG AGRI) Hintergründe und Analysen rund um Bio in Europa.

Vor kurzem knackte der Bio-Markt in Europa die 40-Milliarden-Euro-Marke und hat sich damit in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Nach den USA steht die EU aktuell international an zweiter Stelle. Janusz Wojciechowski, EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, sieht das Vertrauen der Verbraucher als Schlüssel zum ökologischen Wandel. Die Umstellungsprämie betrachtet er als wichtigen Anreiz dafür, das EU-Ziel einer Öko-Anbaufläche von 25 Prozent bis 2030 zu erreichen.

Es gehe aber nicht nur um Geld, sondern auch um Wissen, fügt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament hinzu. „Der Fehler im System fängt bei der Ausbildung an.“ So werde etwa an Universitäten noch in erster Linie die konventionelle Landwirtschaft gepriesen. Hier müsse der Ökolandbau endlich aus seiner Nische geholt und gleichberechtigt neben dem konventionellen unterrichtet werden.

Mehr Vertrauen und weniger Betrug

Seit 2010 gibt es das EU-Logo für Bio-Produkte. Es schreibt fest, dass mindestens 95 Prozent der Produktbestandteile aus biologischem Anbau stammen müssen. Und auch für die restlichen fünf Prozent gelten strenge Vorgaben. 56 Prozent der Europäer kennen das Logo laut Umfragen.
„Viele Verbraucher haben aber Zweifel und Angst vor Betrug“, meint Irène Tolleret, Mitglied des Europäischen Parlaments. Deshalb müssten Kontrolle

und Qualitätsprüfung verstärkt werden, besonders bei Importware. Allgemein hält sie die Abhängigkeit von Importen für nicht verantwortbar. Stattdessen solle die regionale Landwirtschaft weiterentwickelt und so die Lebensmittel-Produktion in ganz Europa gewährleistet werden. Um Betrug zu verhindern, müsse die EU den Pestizidverkauf überwachen und die Mitgliedsstaaten dabei unterstützen.

Von nur geringen Verstößen berichtet Norbert Lins, Europaabgeordneter und Vorsitzender im Agrarausschuss . So würden in Baden-Württemberg laut dem Ökomonitoring-Programm zu 95 bis 97 Prozent alle Regeln eingehalten.
Dass die eigene Produktion bei weitem nicht ausreiche, um den Eigenbedarf in der EU zu decken, erklärt Beate Huber, Präsidentin vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) Europa. Ihrer Meinung nach könne man sich aber auch auf Bio außerhalb von Europa verlassen. Nachdem die EU die weltweit erste Bio-Gesetzgebung eingeführt hätte, hätten sich viele andere Länder daran orientiert. Gute Gesetze gebe es heute in Japan, Indien und China, aber auch in Nord- und Südamerika.

„Europäische Produkte sind sehr gefragt und haben eine gute Exportchance“, so Huber. Auf der anderen Seite sei in Europa eine große Nachfrage nach tropischen Früchten, Kakao und Tee vorhanden. Größere Märkte sorgten außerdem für eine bessere Qualität und günstigere Preise. Sei die Nachfrage größer als das Angebot, steige auch das Betrugsrisiko. Die EU habe deshalb Interesse daran, dass sich auch andere Märkte entwickeln.
2007 rief Huber mit anderen die Anti-Fraud-Initiative ins Leben, die sich international gegen Betrug im Bio-Sektor stark macht. Momentan gebe es etwa verschärfte Kontrollbedingungen für Importe aus China, Moldawien und der Ukraine. In vielen Ländern fehle es noch am Wissen über Ökolandbau. Hier müsse mehr in Beratung und Forschung investiert werden.

Compliance mit EU-Standards

Am 1.1.2022 soll die neue EU-Öko-Verordnung verpflichtend in Kraft treten. „Mit ihr wurde das bestehende Regelwerk fortgesetzt“, erklärt Wolfgang Burtscher, Generaldirektor für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung bei der Europäischen Kommission. „Es war eine Evolution, keine Revolution.“
Neu hinzugekommen ist etwa die Möglichkeit zur Gruppenzertifizierung: Landwirte können sich jetzt zusammentun, um Kosten und administrativen Aufwand zu reduzieren. Für importierte biologische Produkte gilt außerdem ab sofort das System der Compliance – das heißt, sie müssen mit den EU-Standards übereinstimmen (solange kein anderweitiges Handelsabkommen besteht). Die jetzige Drittländerliste, in der Staaten aufgeführt sind, deren Bio-Produktionsvorschriften die EU anerkennt, wird 2026 auslaufen.

„Vier Jahre haben die EU-Verhandlungen gedauert“, sagt Marc Tarabella, Mitglied des Landwirtschaftsausschusses im Europäischen Parlament. Das sei eben der Preis der Demokratie. Die Regeln seien jetzt besser als vorher – auch wenn es immer noch ein paar merkwürdige Ausnahmen gebe. So sei in einem Hühnerstall mit Hilfe von verschiedenen Abteilen immer noch eine Maximalzahl von insgesamt 240.000 Hühnern möglich.

Neuer Öko-Aktionsplan

Ende März dieses Jahres stellte die EU-Kommission ihren neuen Aktionsplan zur Förderung der Bio-Produktion vor. Laut Nathalie Sauze-Vandevyver, Generaldirektorin für Qualität, Forschung und Innovation, besteht dessen Hauptziel darin, ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu erreichen. Mit seiner Hilfe solle die Nachfrage nach Bio erhöht, die landwirtschaftliche Umstellung auf Bio gefördert sowie die Nachhaltigkeit des Ökolandbaus allgemein gestärkt werden.

Eduardo Cuoco, Direktor der internationalen Bio-Organisation IFOAM EU, hält den neuen Aktionsplan für viel besser und konkreter als den vorherigen. Dennoch könne er noch ehrgeiziger sein – insbesondere, was Steuern zur Unterstützung der Marktentwicklung von Bio beträfe.

„Das konventionelle Modell hat ausgedient“, meint Philippe Baret, Professor für Genetik und Agrarökologie an der Katholischen Universität Löwen in Belgien. Im 21. Jahrhundert bräuchten wir eine Landwirtschaft, die ein Bündnis mit der Natur eingeht. Eine gemischte Landwirtschaft, die sich gleichzeitig der Tier- und Pflanzenzucht verschreibt, müsse wieder etabliert werden. Um landwirtschaftliche Akteure zu unterstützen sei es nötig, mehr Wissen über die Agrarökologie aufzubauen.

Einen vielversprechenden Ansatz sieht Baret in der Farm-to-Fork-Strategie der Kommission, die Konsum, Produktion, Abfall und Umweltfragen mit wirtschaftlichen Fragen verbinde. „Das gibt Grund zur Hoffnung auf europäischer Ebene.“
Alle Folgen des EU-Podcasts können Interessierte bei Soundcloud nachhören.

Lena Renner


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