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Nährwertkennzeichnung

Nutri-Score oder doch nicht?

Ministerin Klöckner in der Kritik

Mitte April hat das Landesgericht Hamburg dem Unternehmen Iglo mit einer einstweiligen Verfügung die weitere Nutzung der französischen Nährwertkennzeichnung Nutri-Score verboten - aus wettbewerbsrechtlichen Gründen. Auch Danone  und Bofrost verwenden neuerdings die Kennzeichnung und Mestemacher plant ebenfalls den Nutri-Score anzuwenden und auf der Verpackung sichtbar zu machen.

Geklagt wurde vom Schutzverband gegen Unwesen in der Wirtschaft e.V. mit Sitz in München, ein Verband der immer mal wieder mit Abmahnungen gegen verschiedene Hersteller in Erscheinung getreten ist. Nach dem Urteil kündigte Iglo an, schnellstmöglich Berufung einzulegen.

Jetzt steht die Ernährungsministerin Julia Klöckner in der Kritik. So wirft ihr die Verbraucherorganisation Foodwatch vor, innovative Unternehmen ins offene Messer laufen zu lassen. Denn die Ministerin habe lediglich eine Verordnung entwerfen und von der EU-Kommission in Brüssel genehmigen lassen müssen, damit der Nutri-Score als nährwertbezogene Kennzeichnung zulässig sei.

Die DANK (Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten) ist der Meinung, dass die deutsche Politik die Entwicklung im Lebensmittelmarkt verschlafen habe und vermutet, der Nutri-Score solle aus Rücksicht auf die Hersteller ungesunder Lebensmittel nicht eingeführt werden. Gerade erst hat neben Großbritannien und Frankreich auch Belgien als drittes Land der EU eine Nährwert-Ampel für Lebensmittel eingeführt.

Jetzt möchte Klöckner aber mögliche Modelle der Kennzeichnung erst einmal einem Best Practice Test unterziehen. Und das, obwohl nach Koalitionsvertrag noch im Sommer dieses Jahres eine neue Kennzeichnung für Deutschland vorgelegt werden soll und das mit der Einschätzung beauftragte staatliche Max-Rubner-Institut in seinem Bericht darauf hinweise, dass Entwicklung und zusätzliche neue Tests mehrere Jahre dauern würde.

Ein alternatives Modell kommt vom BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V.), ein weiteres soll im Auftrag der Ministerin durch das Max Rubner-Institut entwickelt werden. Prof. Dr. Ulrike Detmers von Mestemacher merkte dazu an, wie wichtig es dann aber sei, Vorschulkinder, Schulkinder und junge Erwachsenen beim Best Practice Test mitreden zu lassen. Mestemacher verfolge unter anderem  deswegen weiter das Ziel, das Nutri-Score Label auf den Packungen abzubilden, weil mit dessen Hilfe schon kleine Kinder ein bewusstes Ernährungsverhalten entwickeln könnten.

Inzwischen gibt es noch weitere Vorwürfe von Foodwatch gegen Klöckner: Sie halte eine Studie zurück, die dem aus Frankreich stammenden System Nutri-Score offenbar ein positives Zeugnis ausstelle. Das Ministerium habe kürzlich eine redaktionell bearbeitete Einschätzung des Max-Rubner-Instituts (MRI) vorgestellt - eine seit Herbst 2018 vorliegende Original-Studie mit rein wissenschaftlichen Bewertungen sei aber nie veröffentlicht worden, erklärte Foodwatch unter Berufung auf angeforderte interne E-Mails des Ministeriums.

Elke Reinecke


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