Start / Ausgaben / bioPress 93 - Oktober 2017 / Transgourmet will nachhaltigstes Unternehmen der Branche werden

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Transgourmet will nachhaltigstes Unternehmen der Branche werden

bioPress-Interview mit Nachhaltigkeitsmanagerin Melanie Prengel

Transgourmet will nachhaltigstes Unternehmen der Branche werden
Melanie Prengel ist Nachhaltigkeitsmanagerin von Trangourmet.

Als führender Multi-Channel-Anbieter ist Transgourmet Deutschland mit Hauptsitz in Riedstadt Liefer- und Abholspezialist für gastronomische Profiküchen. Unter dieser Dachmarke sind Transgourmet, Selgros Cash&Carry und Transgourmet Cash&Carry vertreten.

Transgourmet Deutschland ist Teil der Transgourmet Central and Eastern Europe (CEE), die die operativen Aktivitäten im Zustell- und Abholgroßhandel in Deutschland, Polen, Rumänien und Russland bündelt. In Österreich, Frankreich und der Schweiz operieren jeweils eigene Landesgesellschaften, die gemeinsam mit Transgourmet CEE die Transgourmet-Gruppe bilden – Europas zweitgrößtes Cash&Carry- und Foodservice-Unternehmen. Die Holding mit ihren über 26.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von ca. 8,6 Milliarden Schweizer Franken im Jahr 2016 hat ihren Hauptsitz in Basel und gehört zur Schweizer Coop-Gruppe.

Im Interview mit bioPress berichtet Nachhaltigkeitsmanagerin Melanie Prengel über die Ambitionen von Transgourmet. Dazu zählt zum einen die Vergrößerung des Bio-Sortiments, das zurzeit aus über 3.000 Produkten besteht. Zum anderen will Transgourmet das nachhaltigste Unternehmen der Branche werden.

bioPress: Welche Vertriebswege verfolgt Transgourmet?
Prengel: Transgourmet beliefert Großverbraucher in Hotellerie, Gastronomie, Betriebsverpflegung und sozialen Einrichtungen. Als Vollversorger bieten wir ein umfassendes Sortiment mit Lebensmitteln, Ge- und Verbrauchsgütern und Großküchenausstattung aus einer Hand. Darüber hinaus sind wir mit den Selgros Cash&Carry-Märkten im Bereich Abholgroßhandel vertreten.

bioPress: Wie breit ist Ihr Bio-Sortiment aufgestellt?
Prengel: Als Großhändler haben wir sehr viele unterschiedliche Marken im Sortiment. Das fängt mit klassischen Bio-Produzenten wie etwa Voelkel an – übrigens ein Anbieter, der auch auf unseren Messen präsent ist – und endet mit innovativen Start-ups noch lange nicht. Wir arbeiten zum Beispiel mit dem Bio-Getränkehersteller Lemonaid zusammen, der auch schon in unserer Zentrale zur Aktion ‚Woche der Nachhaltigkeit‘ zu Besuch war und für unsere Mitarbeiter eine Verkostung durchgeführt hat.
Wir nehmen laufend neue Lieferanten ins Sortiment auf, aber natürlich gilt immer: am Ende muss der Kunde die Produkte kaufen. Leider fragen viele Menschen im Restaurant oder in der Gemeinschaftsverpflegung noch nicht nach, wo das Schnitzel herkommt, und sie möchten ungern mehr für nachhaltige Produkte bezahlen. Auf der anderen Seite spüren wir gerade in der Gemeinschaftsverpflegung, dass Bio immer wichtiger wird und dass dies immer stärker unser Geschäft beeinflusst. Zum Beispiel führen wir seit einiger Zeit faire Bio-Bananen im Sortiment, weil ein Kita-Verbund dieses Produkt angefragt hatte. Darüber freuen wir uns natürlich und wollen diesem wachsenden Bedarf auch dementsprechend gerecht werden.
Außerdem haben wir großen Erfolg mit unserer Eigenmarke ‚Ursprung‘. Unter ‚Ursprung‘ bieten wir unseren Kunden Produkte aus traditioneller Landwirtschaft vor allem aus Deutschland an – sowohl Fleisch- und Wurstwaren vom Rind, Schwein, Lamm, Wild, Geflügel und Kaninchen, Kuh-, Büffel- und Ziegen-Käse als auch Fisch aus Aquakultur sowie Obst und Gemüse. Wir sind stolz, dass es jetzt schon über 200 Artikel von mehr als 20 Lieferanten sind.
Für jede Produktkategorie wurden eigene Nachhaltigkeitsstandards definiert und in drei Bereiche in ein 3-Level Rating-System aufgeteilt. Unser Nachhaltigkeitssystem orientiert sich an den jeweils bedeutendsten Nachhaltigkeitsthemen. Dabei legen wir die Kriterien von etablierten Labels und Standards wie Bio, dem Label des Deutschen Tierschutzbundes oder Naturland zugrunde. ‚Ursprung‘ ist also keine reine Bio-Marke, viele der Produkte sind aber Bio-zertifiziert. Um einige Beispiele hervorzuheben: wir bieten Bio-Gemüse, unter anderem aus Südhessen, genauer gesagt vom Biolandhof Ackerlei, Bioland-Senf aus der Nähe von München, oder Bio-Pute aus Severin in Mecklenburg-Vorpommern.
Dabei ist die Idee immer, dass die Kunden gleich das entsprechende Informationsmaterial an die Hand bekommen, um die Produkte den Tischgästen gegenüber angemessen in Szene setzen zu können. Deshalb haben wir die Produzentengeschichten entwickelt, die in Wort und Bild zeigen, wo das Lebensmittel herkommt und unter welchen Bedingungen es produziert wurde.

bioPress: Transgourmet stellt in ihrer Zukunftsstrategie die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Wie wird bei Ihnen Nachhaltigkeit gelebt?
Prengel: Am Anfang steht immer die Frage, was überhaupt die gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens ausmacht und was man erreichen will. Vielleicht wissen Sie es bereits – wir haben uns zum Ziel gesetzt, nachhaltigstes Unternehmen der Branche zu sein. In einem Strategiefindungsprozess haben wir dazu in drei Säulen – verantwortungsvolle Produkte und Beschaffung, Ressourceneffizienz und Klimaschutz sowie guter Arbeitgeber und gesellschaftliches Engagement – 24 konkrete Nachhaltigkeitsziele definiert.
Wir haben den Anspruch, in unserem Kerngeschäft nachhaltig zu handeln. Das bedeutet für uns als Lebensmittelhändler natürlich ganz wesentlich eine Verantwortung für die Produkte, mit denen wir handeln. Die Landwirtschaft trägt ja maßgeblich zum Klimawandel bei, und wir haben das Problem, dass wir viele Produkte aus armen Ländern importieren, in denen die Arbeitsbedingungen problematisch sind. Wir wollen unseren Kunden Lebensmittel anbieten, die sozial und ökologisch vertretbar hergestellt wurden, und natürlich auch unsere Kunden dazu animieren, Produkte mit besonders hohen Standards – wie zum Beispiel Bio-Produkte – zu kaufen.
Unser Einfluss ist oft begrenzt, aber wir beschäftigen uns laufend mit diesen Themen und versuchen, nachhaltige – natürlich letztendlich auch wirtschaftlich tragbare – Lösungen zu finden. Auf der anderen Seite sind wir in der Belieferung tätig und haben eine große Lkw-Flotte. Da ist es für uns ein großes Thema, möglichst energieeffizient und immer auf dem neuesten technischen Stand zu sein. Und nicht zuletzt tragen wir natürlich auch Verantwortung für unsere Mitarbeiter und für unsere Kunden.
Von der Geschäftsführung bis zum einzelnen Mitarbeiter spielt Nachhaltigkeit bei Transgourmet eine sehr große Rolle. Neben der fachlichen Arbeit in Projektgruppen und Gremien haben wir zum Beispiel Nachhaltigkeitsbotschafter als Ansprechpartner in unseren knapp 70 Betrieben deutschlandweit eingeführt, die als Bindeglied zwischen Zentrale und den einzelnen Cash- und Carry-Märkten und Logistikzentren fungieren – in beide Richtungen, das heißt als Ideen- und Informationsgeber genauso wie als Empfänger. So begegnen wir der Herausforderung, die Konzepte aus der Zentrale auch wirklich in die Fläche zu bringen.

bioPress: Welchen Stellenwert haben Frische und Bio? Wie hoch ist der Bio-Anteil?
Prengel: Zunächst einmal sind Qualität und Frische für uns eine Selbstverständlichkeit – das ist Grundvoraussetzung, dass die Qualität stimmt und der Kunde einwandfreie, frische Ware bekommt. Für unser gesamtes Sortiment legen wir übrigens hohe Standards in Sachen Qualitätssicherung an: Alle Transgourmet-Betriebe sind zum Beispiel auf dem höchsten erreichbaren Niveau IFS Higher Level (Logistics und Food) zertifiziert.
Zum Thema Bio – wir haben wie gesagt das Ziel, nachhaltige Produkte und eine nachhaltige Beschaffung zu fördern und dazu gehört natürlich, die biologische Landwirtschaft zu fördern. Eines unserer Ziele lautet ganz konkret, den Bio-Anteil an unserem Umsatz weiter zu erhöhen, und zwar auf über 14 Millionen bis 2020. Im Moment haben wir schon über 3.000 Bio-Produkte im Sortiment, und diese Zahl wächst stetig. Wir sind gut auf Kurs und werden uns nach 2020 natürlich weitere anspruchsvolle Ziele setzen.
Was Siegel-Produkte insgesamt angeht, beobachten wir aber nicht nur bei Bio, sondern auch bei vielen anderen nachhaltig gelabelten Produkten wie Fairtrade oder MSC (für den Bereich Fisch) deutliche Zuwächse. Besonders deutlich für uns spürbar ist aber ein wachsendes Bedürfnis der Verbraucher nach Regionalität, Transparenz und einer emotionalen Verbindung zu landwirtschaftlichen Produkten, die durch globalisierte Lieferketten und Massenproduktion zum Teil verloren gegangen ist. Dies haben wir schon vor Jahren erkannt und unsere Eigenmarke ‚Transgourmet Ursprung‘ eingeführt.
‚Ursprung‘ bietet genau das – Produzenten zum „Anfassen“. Unsere Kunden können unsere emotionalen Produzentengeschichten, die wir ihnen für ihre Kommunikation zur Verfügung stellen, in ihre Speisekarte aufnehmen und ihren Gästen weitererzählen. Dadurch erhalten sie die Möglichkeit, den Mehrwert von Produkten aus nachhaltiger Landwirtschaft – zum Teil, aber nicht ausschließlich Bio – authentisch zu vermitteln. Das funktioniert sehr gut.

bioPress: Wie stark werden die nachhaltigen Aspekte bei Beschaffung, Logistik, Lagerung, Lieferwegen und Fahrzeugtechnik berücksichtigt?
Prengel: Als Unternehmen im Lebensmittelgroßhandel benötigen wir natürlich große Mengen an Energie und Treibstoff für Betriebsstätten und Märkte sowie unsere Lkw. Als wachsendes Unternehmen steigt zugleich die Zahl unserer Betriebsstätten und Fahrzeuge. Es stellt daher eine besondere Herausforderung dar, Verbräuche zu verringern, zumal gerade unsere Fahrzeugflotte bereits auf dem neuesten technischen Stand ist. Um unseren Energieverbrauch und unsere Emissionen zu senken, haben wir uns trotzdem anspruchsvolle Ziele innerhalb unserer Nachhaltigkeitsstrategie gesetzt.
Unsere Transgourmet-Lkw-Flotte ist auf dem neuesten technischen Stand und seit fast zehn Jahren auf 82 km/h gedrosselt. Das verringert den Dieselverbrauch, weil gerade bei hoher Geschwindigkeit der Verbrauch stark ansteigt. Zudem haben wir seit 2016 einen E-Lkw im Einsatz, der im Stadtgebiet Berlin CO2-neutral unsere Kunden beliefert. Unsere Berufskraftfahrer werden hinsichtlich vorausschauender und spritsparender Fahrweise regelmäßig verpflichtend geschult. 2016 haben wieder über 250 Fahrer ein Eco-Training im Einzel-Coaching und Gruppentraining erhalten.
Bei unseren Neu- und Umbauten achten wir auf hohe Standards für Energieeffizienz, zum Beispiel auf den Einsatz ressourcenschonender Baumaterialen wie recycelten Beton. Als Beispiel: Transgourmet Deutschland hat 2016 seinen neuen Hauptsitz in Riedstadt bezogen. Dort wurden unter anderem Teppichfliesen aus ausrangierten Fischernetzen sowie Schallschutzpaneele verbaut, die teilweise aus recycelten PET-Flaschen bestehen.
Zudem befindet sich hier der zentrale Serverraum für ganz Europa mit einer innovativen, besonders effizienten EDV-Kühlung. Natürlich achten wir auch auf gute Gebäudeisolierung, Abwärmenutzung, LED-Beleuchtung und eine möglichst umweltfreundliche Kälteerzeugung. Wir beziehen außerdem 100 Prozent Ökostrom und fördern erneuerbare Energien auch mit eigenen Fotovoltaik-Anlagen.

bioPress: Beliefert Transgourmet auf ihren Routen nur die Gastronomie oder stoppen die Fahrzeuge auch bei Lebensmittelkaufleuten oder anderen Einzelhändlern wie Metzgereien und Bäckereien?
Prengel: Wir haben drei große Kundengruppen – Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung und Systemkunden wie zum Beispiel große Caterer. Sie beliefern wir direkt von unseren Lagern aus. Auch beispielsweise Kioske gehören dazu. Mit dem Einzelhandel haben wir insofern zu tun, als wir zum Beispiel die Fischtheken bei Rewe beliefern. Außerdem können Gewerbetreibende aller Art in unseren Selgros-Märkten entweder direkt einkaufen oder sich von dort auch beliefern lassen.

bioPress: Regionalität ist bei Bio ein weiteres Plus. Transgourmet operiert überregional. Gibt es Produktgruppen, die nur regional vermarktet werden? Wie wird Regionalität zum Verbraucher transportiert?
Prengel: Wir haben den Anspruch einer deutschlandweiten Abdeckung. Wir haben zwar auch an den einzelnen Standorten jeweils regionale Produkte gelistet, aber der Regelfall ist das bei uns nicht. Bei der Vielzahl an Standorten und hohen Ansprüchen vieler Kunden an die Verfügbarkeit wäre das auch unheimlich schwer zu realisieren.
Es wäre zudem nötig, eine allgemeingültige klare Definition für den Begriff ‚regional‘ zu finden. In Deutschland gibt es hierzu sehr unterschiedliche Interpretationen – zum Beispiel 100 Kilometer entfernt, aus dem gleichen Bundesland, oder aus Deutschland.
Eine andere Art von regionalem Ansatz verfolgen wir mit ‚Transgourmet Ursprung‘. Hier geht es um die Herkunftsregion. Zum Beispiel weiß der Verbraucher, mein Schweinefleisch stammt vom ‚Lübincher Strohschwein‘ vom Hof der Roders unweit der Ostseeküste. Ich könnte dort im Prinzip sogar selbst hinfahren und überprüfen, wie die Tiere gehalten werden und wie das Lebensmittel produziert wird.

Vortrag auf der Anuga
Melanie Prengel referiert im Bio-Kompetenzzentrum der Anuga zum Thema ‚Europäische Nachhaltigkeits-Partnerschaften – Wie implementiert Coop Nachhaltigkeitsstandards von Coop Schweiz in Partnerländern und -firmen?‘
Wann: Mo. 9.10.2017
           12:30 - 13:30 Uhr
Wo: Congress-Centrum Ost, 
       Presse-Centrum Ost

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