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Ein Bio-Verband für alle

Biokreis lässt Bauern freie Hand über Vermarktung ihrer Produkte

Ein Bio-Verband für alle

Biokreis ist der viertgrößte Bio-Verband in Deutschland und der einzige, der Landwirte, Verarbeiter und Verbraucher zu seinen Mitgliedern zählt. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Die Landwirte wählen die Verarbeiter ihrer Erzeugnisse selbst. Seinen Fokus richtet der Verband mit Sitz in Passau unter anderem auf die Entwicklung regionaler Wertschöpfungsketten und Netzwerke.

Der Verband entstand 1979 aus einer Verbraucherbewegung im ostbayerischen Passau mit der Idee, Landwirte und später auch Verarbeiter zu einer ökologischen Betriebsweise zu motivieren. In den 90er Jahren hat sich der Verein zu einem Anbauverband entwickelt und seinen Fokus auf die landwirtschaftliche Beratung gelegt. 1999 wurde Biokreis zum Bundesverband umstrukturiert, in dem Verbraucher, Verarbeiter und Land- wirte bis heute gleichermaßen mitbestimmen können, um den ökologischen Landbau weiter voranzubringen

„Wir sehen unsere Aufgaben in der Beratung von Landwirten und Verarbeitern, in der Weiterentwicklung unserer Richtlinien, der politischen Interessenvertretung sowie in der Öffentlichkeitsarbeit“, sagt Geschäftsführer Sepp Brunnbauer. Seit 2006 befindet sich die Geschäftsstelle im Stelzlhof, einem ehemaligen Kirchengut in Passau. Neben dem Gebäude befinden sich 60 Hektar Land, die nach den Richtlinien des Biokreis bewirtschaftet werden.

Insgesamt gehören Biokreis 1.200 Landwirte, 150 Lebensmittel-Verarbeiter und 200 Verbraucher an. Der Bundesverband ist untergliedert in drei Landesverbände: Den Biokreis Erzeugerring Nordrhein-Westfalen, den Erzeugerring Mitte in Hessen und den Erzeugerring Bayern, in denen ausschließlich Landwirte Mitglied sind.

„Unser Schwerpunkt liegt in Bayern mit rund 800 landwirtschaftlichen Betrieben, gefolgt von NRW mit 200 und Hessen mit 70. Mitglieder in den neuen Bundesländern werden vom Standort Bayern betreut“, sagt Brunnbauer. Eine künftige Erweiterung durch neue Landesverbände sei jedoch nicht ausgeschlossen. „Da aus unserer Sicht flächenstarke Betriebe genauso gut ökologisch wirtschaften können wie kleinere, ist bei uns jeder Bio-Betrieb, der unsere strengen Richtlinien einhält, willkommen.“

Brunnbauer ist stolz auf die Alleinstellungsmerkmale des viertgrößten Bio-Verbands in Deutschland. Im Gegensatz zu seinen Mitstreitern bündelt und vermarktet Biokreis seine Produkte nicht selbst. Biokreis unterstütze seine Betriebe lediglich bei der Vermarktung ihrer Bio-Produkte und stelle ein funktionierendes Netzwerk zur Verfügung. Die Bauern könnten frei entscheiden, wen sie beliefern sowie Mengen und Preise selbst vereinbaren.

„Durch die direkte Zusammenarbeit befinden sich unsere Landwirte auf Augenhöhe mit ihren Verarbeitern und tragen gleichzeitig mehr Verantwortung für ihre Rohstoffe“, erklärt Brunnbauer. „Die Vermarktung funktioniert bei uns anders als bei anderen Bio-Verbänden, weil unsere Landwirte direkt mit den Verarbeitern und Händlern in Kontakt stehen.“ Erzeuger könnten ihre Produkte auch an Nicht-Mitglieder vermarkten.
Der Verband treffe nur organisatorische Absprachen. „Wir legen zum Beispiel in Vereinbarungen mit Mühlen fest, wie viele Rohstoffäquivalente sie für Biokreis-Ware einkaufen müssen und vereinbaren dazu eine grobe Preismaske. So können wir unseren Erzeugern den Absatz garantieren.“

Biokreis sei auch der einzige Verband, der Bio-Leder zertifiziert. Die Biokreis-Lederrichtlinie garantiert dem Verbraucher ein chromfrei gegerbtes Leder, das nach dem IVN-Standard produziert worden ist und das von einem Tier aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft nach EU-Bio-Verordnung stammt. Eine möglichst hohe Anzahl der Tierhäute kommt aus Verbands- betrieben. Dies ist derzeit einzigartig auf dem deutschen Markt.
Zudem war Biokreis einer der ersten Verbände, der Richtlinien für Heimtierfutter erarbeitet hat. 15 Tiernahrungshersteller sind derzeit Mitglied im Biokreis und produzieren nach dessen Standards.

Eine weitere Besonderheit: „Unsere Geflügelerzeuger und Legehennen-Halter dürfen höchstens 6.000 Tiere pro Betrieb halten. Mit dieser Vorgabe grenzen wir uns klar von der EU-Bio-Verordnung ab“, so Brunnbauer. Zu den Geflügel-Produzenten von Biokreis gehören etwa Freilandputen Fahrenzhausen, Biohennen AG, Bio-Geflügel Stauss und Grosserhof.

Weitere Verarbeiter, die das Biokreis-Label verwenden, sind zum Beispiel Antersdorfer Mühle, Gottschaller Biohofbäckerei, Bio Metzgerei Juffinger, Chiemgauer Naturfleisch, mb-Vermarktung, Fürsten-Reform, Neumarkter Lammsbräu, Biovum, AG Premium Produktions & Vertriebs GmbH, Herrmannsdorfer Landwerkstätten, my muesli, F.X. Wieninger, Hierl Naturkost, Hörrlein Feinkost, Leimer, Georg Thalhammer, Innstolz Käsewerk und die Landkäserei Herzog.

Auch Restaurants können sich zertifizieren lassen. Das ‚Bio-Wirtshaus zum Fliegerbauer‘, das sich im Erdgeschoss des Stelzlhofs befindet, ist eines von 15 gastronomischen Biokreis-Betrieben.

Verarbeiter entscheiden über Verkaufsstellen

Verbraucher finden Biokreis-Produkte sowohl im Fachhandel als auch im LEH. „Unsere Verarbeiter entscheiden, wo sie ihre Produkte vermarkten“, betont Brunnbauer. Die Präsenz der Biokreis-Produkte sei in den letzten Jahren vor allem im LEH immer mehr gestiegen. Darunter gebe es auch Biokreis-Eier beim  Discounter und Gemüse im LEH. „Dort sind wir zum Beispiel inzwischen stark mit Spargel, Sellerie, Rote Bete, Karotten, Lauch, Zucchini, Fenchel und Auberginen vertreten.“  

Auch im Fleischbereich sei Biokreis gut aufgestellt, vor allem mit hochwertigem Bio-Rind. Als beispielhaft nennt Brunnbauer einige kleinere Biokreis-Betriebe, die auf Mutterkuhhaltung setzen. Diese Produkte ließen sich besonders gut vermarkten.

Viele Großhändler vermarkten Biokreis-Produkte über ihre Eigenmarken. Weiling vertreibt über seine Marke ‚Bioladen‘ Rinderhackfleisch von Biokreis. Dennree bietet Rinder- und Schweinefleisch mit Biokreis-Siegel über die Eigenmarke ‚Königshofer‘ an.

„Seit 2014 gibt es unter anderem in denn’s Biomärkten ‚dennree Bayerischer Blütenhonig‘ von unseren Imkern der Honig-Erzeugergemeinschaft Regensburg“, sagt Brunnbauer. „In unserem Imker-Projekt mit Dennree erhalten wir für jedes verkaufte Glas eine Spende von zehn Cent. Mit dem Geld finanzieren wir die Umstellung von Imkern und die Weiterbildungsangebote für die ökologische Imkerei, zum Beispiel den einmal im Jahr stattfindenden Biokreis-Imkertag.“ Die insgesamt 111 Imker produzierten jedes Jahr rund 100 Tonnen Biokreis-Honig.

Ausländische Mitglieder

Eine Mitgliedschaft bei Biokreis ist nicht auf heimische Erzeuger und Verarbeiter beschränkt. „Mitgliedsbetriebe, die einen Standort im Ausland haben, können mit diesem Betrieb ebenfalls beitreten“, sagt Brunnbauer. So gebe es bei Biokreis auch Produzenten und Verarbeiter aus Rumänien, Tschechien und Ungarn. Das seien im Wesentlichen Ackerbaubetriebe, die Produkte erzeugen, die in Deutschland nicht ausreichend zur Verfügung stehen, wie Soja, Kürbis und Sonnenblumenkerne. Die Produkte könnten sowohl in Deutschland als auch im Ausland mit dem Biokreis-Label verkauft werden. Überdies sind auch österreichische Betriebe Mitglieder im Biokreis.
Biokreis-Produkte, die hauptsächlich im Ausland vermarktet werden, seien Getreide und Geflügelfleisch. Letzteres vor allem in Österreich, Dänemark und Schweden.

Vereinbarungen mit 16 Kontrollstellen

Der ökologische Anbauverband hat zurzeit Vereinbarungen mit 16 Kontrollstellen, die die Mitgliedsbetriebe regelmäßig prüfen. Die Kontrollstelle Lacon befindet sich im selben Gebäude und prüft 80 Prozent der Biokreis-Betriebe. „Unsere Mitglieder können ihre Zertifizierer frei wählen“, sagt Brunnbauer. „Wir schulen die Kontrolleure auch selbst hinsichtlich unserer Eigenheiten, etwa zum Thema Tierwohl.“ Künftig will er jedoch die Zahl der zugelassenen Kontrollstellen eingrenzen, um die Umsetzung der Qualitätssicherung einfacher zu gestalten.

Mit dem Siegel ‚regional & fair‘ zertifiziert Biokreis auch selbst Unternehmen, die kurze Transportwege, langfristige Partnerschaften und faire Preise für die Erzeuger garantieren. „Bisher tragen rund 100 Betriebe das zusätzliche Siegel und signalisieren dem Verbraucher damit ihr besonderes Engagement über die Anforderungen der Richtlinien für den Ökolandbau hinaus. Seit 2007 werden jährlich zwei herausragende ‚regional & fair‘-Betriebe für ihr besonderes Engagement ausgezeichnet“, erklärt der Geschäftsführer.

Brunnbauer fordert gleiche Voraussetzungen für Bio und konventionell
Biokreis setzt sich auch auf politischer Ebene für die Stärkung des ökologischen Landbaus ein. Ein aktuelles Thema sei die neue Düngeverordnung. Brunnbauer: „Ich halte die neuen Vorgaben für falsch. Bio-Bauern brauchen hier eine andere Würdigung und müssen auch in Zukunft in der Lage sein, ihren Dünger auf ihre Felder ausbringen zu können. Entscheidend sind hier die Qualität, die Menge und natürlich der richtige Zeitpunkt.“

Brunnbauers Vision lautet 100 Prozent Bio-Anbau. „Das ist aber nur dann möglich, wenn die Politik aufhört, die konventionelle Landwirtschaft indirekt zu subventionieren. Was wir brauchen, ist Kostenwahrheit und Kostenklarheit und ein Ende der Umlage der Umweltkosten konventioneller Landwirtschaft auf die Allgemeinheit. Wenn sich die Wettbewerbsvoraussetzungen zwischen konventioneller und Bio-Landwirtschaft nicht nachhaltig verändern, sehe ich keine Chance, das 2020-Ziel zu erreichen.“

Immerhin kann Brunnbauer auf die Unterstützung weiterer Produzenten und Verarbeiter auf dem Weg zu mehr Bio zählen. Denn ihr Interesse an einer Biokreis-Mitgliedschaft ist groß: 2016 hat der Verband um knapp zwölf Prozent an Betrieben zugelegt und konnte so seine Fläche um fast 20 Prozent vergrößern.

Sina Hindersmann


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