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40 Prozent Ökolandbau !

Baden-Württemberg: Länderziel ist machbar, sagt eine Studie

40 Prozent Ökolandbau !

Bis 2030 will Baden-Württemberg einen Bioflächenanteil von 30 bis 40 Prozent erreichen. Nach Untersuchungen des Forschungsunternehmens Ecozept sowie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) lässt sich dieses ambitionierte Vorhaben auch in die Tat umsetzen: durch Förderung der bio-regionalen Vermarktung, eine bessere Vernetzung der Marktakteure sowie die Stärkung des mittelständischen Handwerks.

2020 lag der Bio-Anteil an der gesamten Landwirtschaftsfläche Baden-Württembergs nach der AMI bei 14 Prozent. In diesem Jahrzehnt müsste er also um gut das Doppelte wachsen, damit das Mindestziel 30 Prozent erreicht wird. Jährlich wäre ein Flächenwachstum von durchschnittlich neun Prozent oder 20.000 Hektar nötig. Um das zu realisieren, braucht es laut den Autoren ein Marktwachstum in etwa der gleichen Größenordnung, jährlich rund zehn Prozent.

Für die Studie haben die Forscher eine Fachleutebefragung mit Experten aus verschiedenen Produktbereichen und Teilen der Wertschöpfungskette durchgeführt – per qualitativem Interview sowie per Fragebogen. Die meisten der befragten Fachleute halten ein starkes regionales Bio-Wachstum in den nächsten Jahren für möglich. Einzelne gehen davon aus, dass die Bio-Fläche bereits 2025 bei 20 Prozent liegen wird. Einfuhren von Bio-Rohstoffen werden von der überwiegenden Mehrheit mit Blick auf die Möglichkeiten der lokalen Erzeugung als unnötig erachtet. Unter den Skeptikern werden vor allem Zweifel an der nötigen politischen Unterstützung geäußert, aber auch an der zukünftigen Nachfrage und der Umstellungsbereitschaft der Landwirte.

Mehr Getreide, Soja und Obst

Von 2016 bis 2019 hat die Bio-Fläche im Südwesten um 24 Prozent zugenommen: Der Getreide- und Soja-Anbau wurde stark ausgedehnt, aber auch Äpfel und vor allem Streuobstwiesen erfuhren ein enormes Wachstum. Dabei überwiegen bei den Landwirten die kleinen bis mittelgroßen Betriebe: Fast drei Viertel haben maximal 50 Hektar Landfläche.

Bei den Verarbeitungsbetrieben sind Bäckereien und Metzgereien am wichtigsten, gefolgt von Getreideverarbeitern und Ölmühlen. Viele Unternehmen im Bereich der Getreidemühlen und der Obst- und Gemüseverarbeitung verwendeten zumindest teilweise Bio-Rohstoffe. Mit Blick auf die Gesamtzahl ist noch Luft nach oben: Rund 15 Prozent der Betriebe arbeiteten 2018 mit Bio.

Hohe Bio-Nachfrage im Ländle

Die Nachfrage nach Bio ist im Corona-Jahr 2020 bekanntlich besonders stark gestiegen. Laut Haushaltspanel-Daten der GfK aus 2019 kauften die Menschen in Baden-Württemberg 20 Prozent mehr Bio als die Durchschnitts-Deutschen. Höher als in anderen Regionen ist vor allem der Konsum von Bio-Kartoffeln, -Gemüse, -Fleisch und -Molkereiprodukten. Bei der Versorgung spielen Naturkostläden und Direktvermarktungsbetriebe eine wichtigere Rolle als im Deutschland-Vergleich. Knapp 60 Prozent aller Bio-Lebensmittel werden aber auch im Ländle über LEH und Discount verkauft.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums verwendeten 2016 insgesamt 170 Einrichtungen in Baden-Württemberg bereits Bio-Produkte. Dabei seien jedoch nur drei Kantinen und 20 Mensen bereits nach den EU-Vorschriften für den ökologischen Landbau zertifiziert.

Überproduktion gibt es im Bio-Obst-Bereich, der aber traditionell auf Export ausgerichtet ist. Dazu kommen Vermarktungsprobleme im Rindfleischbereich und hin und wieder im Getreidesektor. Insgesamt konnten die Forscher aber einen Nachfrage-Überhang identifizieren, der gute Absatzmöglichkeiten für Erzeuger garantiert. Demnach stehen die Chancen für ein rasches Marktwachstum in den nächsten Jahren gut. Nach der Fachleute-Befragung sind für die meisten Landwirte betriebswirtschaftliche Gründe ausschlaggebend für die Bio-Umstellung, auch wenn die intrinsische Motivation nicht unwichtig ist.

Schulterschluss zwischen Landwirten und Verarbeitern gefragt
Auch die Verarbeitungskapazitäten stellen aus Fachleutesicht keinen Hemmschuh für die Bio-Entwicklung dar. Die Schaffung neuer Anlagen sei weniger nötig als die effektivere Nutzung bzw. Umstellung bestehender (konventioneller) Anlagen. Durch bessere Vernetzung und Information könnten mehr Unternehmen für die Bio-Verarbeitung gewonnen werden.

Der Schulterschluss zwischen Bio-Landwirtschaft und regionaler Verarbeitung müsse neu gefunden werden. Vor allem Metzgereien und Bäckereien blieben hier bisher hinter ihrem Potential zurück. Gerade in den Bio-Musterregionen könne man bessere Kontakte zwischen Handwerksbetrieben und Außer-Haus- Verpflegung anregen.

Verbraucher als essentielle Bio-Motoren

Als wichtigste Motoren des Bio-Markts werden einhellig die Konsumenten gesehen. Während der Naturkostfachhandel eine stabilisierende Wirkung habe, werden LEH und Discount als bedeutender für das schnelle Marktwachstum in den nächsten Jahren erachtet. Diese sollen sich dafür laut der Mehrheitsmeinung der Experten stärker in Form von Abnahmeverträgen für Bio engagieren. Die große Marktmacht des Handels wird auch als Risiko gesehen.

Zugpferd AHV: neue Logistik-Strukturen schaffen

Die Außer-Haus-Verpflegung als Absatzweg wurde überwiegend positiv bewertet und biete vor allem in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung gute Perspektiven. Der quantitative Effekt sei jedoch beschränkt – selbst wenn die öffentliche AHV zu 100 Prozent auf Bio umgestellt würde. Bei den Spitzenreitern Kartoffeln, Fleisch und Eier würden dann zehn Prozent der Bio-Erzeugung auf öffentliche Kantinen entfallen – bei den anderen Warengruppen wären die Anteile noch deutlich geringer. Die Autoren gehen aber von positiven qualitativen Effekten aus: So könnten neu geschaffene Verarbeitungs- und Logistik-Strukturen auch kleinen und mittleren Verarbeitungsunternehmen dienen. Die regionale Wertschöpfungskette insgesamt könnte durch die Nachfrage der Gemeinschaftsverpflegung gefördert werden.

Handlungsempfehlungen: mehr bio-regional, Marketing, Vernetzung und Handwerk

Die bereits bestehenden Maßnahmen der öffentlichen Hand zur Unterstützung des Bio-Sektors wurden von den Fachleuten positiv bewertet: Das sind Beihilfen für Erzeuger, Investitionsförderung, Beratung und Gemeinschaftsmarketing.

Dennoch werden noch viele Stellschrauben gesehen. Besonders im Bereich der Tierhaltung stießen Landwirte auf erhebliche Hürden, weil das Baurecht Stallbauten oder -umbauten erschwere und die Finanzierung schwierig sei.

Einige halten eine stärkere Förderung der Bio-Lebensmittel- verarbeitung für wichtig. Das Bio-Zeichen Baden-Württemberg als regionales Siegel wird als sehr gutes Vermarktungsinstrument betrachtet, das viel präsenter sein sollte, und auch die Bio-Musterregionen müssten mehr in der Vermarktung leisten. Bei der finanziellen Förderung der Landwirtschaft und der Zugänglichkeit der Fördergelder sei noch deutlich mehr öffentliches Handeln erwünscht.

Als Strategie für die Zukunft schlagen die Autoren vor, den Wert von bio-regional in der Vermarktung besser hervorzuheben und die Nachfrage durch authentische Kommunikationsbotschaften zu befeuern, die Zusammenarbeit zwischen Erzeugern, Verarbeitern und Handel zu verstärken sowie das mittelständische Handwerk zu fördern
Konkrete Handlungsempfehlungen sind:

  • Beratung der Erzeuger zu Investitionen, Anbau, Umstellung weiterentwickeln
  • Erzeugerorganisationen und Lebensmittelhandwerk fördern, durch breite Informations- sowie Mittelstands-Offensiven
  • Kompetenzlücken in der Praxis durch Forschung und Bildungsangebote schließen
  • Nachfrage unterstützen und regionales Gemeinschaftsmarketing ausbauen, mit allen Registern von Events bis zu Online-Kommunikation und einem stärkeren ‚Bio-Zeichen Baden-Württemberg‘
  • Anreize mit besseren Prämien bieten: für Umstellung, Erweiterungen, Diversifizierung und Innovation
  • Marktforschung: mehr Daten über Wertschöpfungsketten und die Märkte für regionale Bio-Produkte sammeln
  • Vernetzung zwischen Erzeugern, Verarbeitern und dem Handel fördern, für eine bessere Transparenz, weniger Kosten und eine resiliente regionale Wirtschaft, zum Beispiel über einen neuen Bio-Branchenverband
  • Vermarktung fördern, durch Kooperationsprojekte, Direktvermarktung und die Umstellung der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung zu 100 Prozent auf bio-regional

Die Studie wurde als ‚Produktions- und Marktpotenzialerhebung und -analyse für die Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung ökologischer Agrarerzeugnisse und Lebensmittel aus Baden-Württemberg‘ im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums Baden-Württemberg durchgeführt und im Juni 2021 veröffentlicht.

Lena Renner


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