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Bioland-Podiumsdiskussion über Wege in eine nachhaltigere Landwirtschaft

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Bioland-Präsident Jan Plagge berichtet von ungelösten Problemen beim Thema Carbon Farming und aktuellen Hindernissen für die Umstellung auf Bio.

Wie relevant ist Carbon Farming für mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft? Was muss sich in der Tierhaltung ändern? Und welche Blockaden hindern Landwirte an der Umstellung auf Bio? In einer digitalen Podiumsdiskussion diskutierte der Anbauverband Bioland heute mit Experten aktuelle Themen in Landwirtschaft und Ökolandbau und ging auf Fragen von Pressevertretern ein.

„Der Ernährungssektor ist für ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich“, eröffnete Hermann Lotze-Campen, Professor für Nachhaltige Landnutzung und Klimawandel an der Humboldt-Universität zu Berlin, die Gesprächsrunde. „Und 70 Prozent der Emissionen in der Landwirtschaft werden durch Tierhaltung verursacht.“

„Der Fleischkonsum geht zwar runter – gerade bei Jüngeren – er ist aber immer noch deutlich zu hoch“, meinte Anne Markwardt, Leiterin des Teams Lebensmittel der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Damit sich die kulturellen Gewohnheiten ändern, brauche es andere Rahmenbedingungen, Aufklärung, Transparenz und ein besseres vegetarisch-veganes Angebot in der Gemeinschaftsverpflegung.

Bessere Tierhaltung durch Bio und eine verbindliche Kennzeichnung

Bioland-Präsident Jan Plagge brachte das Potenzial des Ökolandbaus für eine klimafreundlichere Tierhaltung auf den Tisch: eine flächengebundene Weidehaltung, welche die eigene Futtergrundlage liefert und zugleich Dünger für einen geschlossenen Produktionskreislauf bereithält. „Der Anbau von Futtermitteln wie Kleegras trägt am meisten überhaupt zum Humusaufbau bei“, so Plagge. Aber auch bei vielen Bio-Betrieben sei eine sinnvolle Reduzierung des Tierbestandes im Wiederkäuerbereich nötig.

Lebensmittelexpertin Markwardt wies auf die Dringlichkeit von höheren, gut überwachten Tierhaltungsstandards in der Landwirtschaft hin, kombiniert mit einer verbindlichen Kennzeichnung. Die Mehrheit der Verbraucher stehe voll hinter diesem Anliegen und wäre zu einer Tierwohlabgabe bereit, wenn diese messbar und vertrauenswürdig zu einer artgerechteren Tierhaltung führte. Lotze-Campen sieht in einer höheren Mehrwertsteuer für tierische Produkte eine wirksame Maßnahme, die sich relativ einfach umsetzen ließe. „Es braucht eine Änderung der Preissignale in die richtige Richtung“, betonte er.

Carbon-Farming: Chancen und Probleme

Der momentane Hype um Carbon Farming wurde von Plagge kritisch beleuchtet. Zwar werde die Praxis der Kohlenstoffbindung im Boden sowie allgemein die regenerative Landwirtschaft von der Industrie absolut gepusht und die Kommission sehe großes Potenzial darin, es bestünden aber aktuell noch große Probleme: vor allem in der Messung und Validierung. „Wie sollen Öko-Betriebe honoriert werden, die bereits seit Jahrzehnten Humus aufgebaut haben? Und wie vermeidet man den Abbau des Kohlenstoffspeichers und Verlagerungseffekte?“, fragte Plagge. Die Bioland-Stiftung wolle bei dem Thema Standards setzen und arbeite dafür mit verschiedenen Instituten und Wissenschaftlern an Bewertungssystemen.

„Özdemir muss den nationalen GAP-Strategieplan nutzen“

Für einen möglichen Umstellungsansturm auf Bio sieht sich Bioland gewappnet. Eine Rate von zehn Prozent habe der Anbauverband in vergangenen Jahren bereits gut bewältigt. Aktuell sei das Umstellungsinteresse aber eher gering: Unsicherheit über eine angemessene Unterstützung angesichts der aktuellen GAP-Pläne sowie noch unklare Rahmenbedingungen, etwa in Bezug auf die geplante Tierwohlkennzeichnung, ließen bei Landwirten viele offene Fragen über die wirtschaftliche Grundlage für die Bio-Umstellung.

„Was wir mit den nationalen Strategieplänen erleben, ist ein Armutszeugnis und wird überhaupt nicht den Zielen der Europäischen Kommission gerecht“, klagte Plagge. In einer Administration des Status Quo blieben die Verwaltungsbeamten möglichst nah an den bestehenden Förderinstrumenten und Innovationen seien spärlich gesät. In Deutschland wäre der Zug aber noch nicht abgefahren und Landwirtschaftsminister Özdemir habe positive Signale zu einer attraktiven Ausgestaltung für den Ökolandbau gegeben. Die müssten nun konkret werden, um den Betrieben Planungssicherheit über diesen wichtigen Einkommensbestandteil zu geben.

Bio als Anstoß für alle

Einen allgemeinen Trend zu mehr Tierwohl und Klimaschutz in der Landwirtschaft sieht Bioland explizit nicht als Konkurrenz. „Unser Anspruch ist nicht, exklusiv für die Ökologisierung der Landwirtschaft zu stehen, sondern eine breite Bewegung zu initiieren“, betonte Plagge die Mission des Verbands. Dabei wolle man als Vorbild mit der besten Praxis vorangehen und Bio permanent weiterentwickeln.

Eine Aufzeichnung der Podiumsdiskussion kann auf dem Facebook-Kanal Biolands nachgesehen werden.

Lena Renner


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