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Auf dem Weg zu 25 Prozent Bio in Europa – mit Transparenz, Kooperation und neuen Ideen

Organic Food Conference zeigt Herausforderungen und Lösungen der Bio-Branche

Auf dem Weg zu 25 Prozent Bio in Europa – mit Transparenz, Kooperation und neuen Ideen
Unter Moderation von IFOAM-Mitarbeiterin Silvia Schmidt (re.) sprachen Anne-Claire Asselin (li.), Gründerin von Sayari, und Hans F. Kaufmann, Pressereferent des BNN, über Probleme und Chancen von neuen Lebensmittelkennzeichen.

Sieben Tage nach dem ersten EU-Bio-Tag traf sich die europäische Bio-Gemeinschaft zur Organic Food Conference, organisiert von IFOAM Organics Europe. Über 150 Interessierte nahmen Ende letzter Woche Online und vor Ort in Warschau an der Konferenz teil. Verschiedene Diskussionspanels beleuchteten die Rolle des Konsumenten auf dem Weg zu mehr Bio, Probleme und Chancen neuer Lebensmittel-Siegel und aktuelle Herausforderungen der Branche von der neuen EU-Öko-Verordnung bis zur nachhaltigen Verpackung.

Im ersten Programmpunkt stand die Bio-Marktentwicklung im Fokus. Mit über 14 Millionen Hektar bewirtschafteter Ökofläche und fast 430.000 Produzenten im Jahr 2019 gewinnt Bio in Europa immer mehr an Bedeutung, wie Helga Willer vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) zeigte.

Krystyna Radkowska, Präsidentin der Polnischen Kammer für Bio-Lebensmittel, gab einen Einblick in den Biomarkt in Polen. 400 Millionen Euro Bio-Umsatz wurden 2020 erzielt, der Ökoflächenanteil lag bei 3,5 Prozent. Die Bio-Vermarktung laufe über viele unterschiedliche Kanäle. Etwa die Hälfte würde über die Supermärkte verkauft, aber auch die über 800 Bioläden spielten eine wichtige Rolle. Erst acht Euro pro Jahr gebe ein Pole momentan durchschnittlich für Bio-Lebensmittel aus. „Vor uns liegt noch ein langer Weg“, kommentierte Radkowska. Die Hälfte der Bevölkerung kaufe noch kein Bio und der polnische Markt sei noch weit vom europäischen Durchschnitt entfernt. Dabei werde ein großes Stadt-Land-Gefälle deutlich: In großen Städten sei der Bio-Konsum viel höher.

Vertrauen, Wissen und Zusammenarbeit für 25 Prozent Bio

„Die polnischen Konsumenten brauchen mehr Vertrauen“, meinte Radkowska. Das bestätigte Sylwester Struzyna, CEO des polnischen Großhändlers Bio Planet. Das größte Problem für den Fortschritt von Bio in Polen sei Misstrauen gegenüber dem Bio-Zertifikat. Es brauche daher öffentliche Kampagnen, die zeigen, dass das System wirklich funktioniert und Bio wirklich keine Pestizide enthält. Bio Planet bringe selbst ein spezielles Magazin heraus, um über die Vorteile und den Nutzen von Bio aufzuklären. „Das Bewusstsein bei den Konsumenten ist elementar“, so auch Chiara Faenza, CSR-Managerin bei Coop Italia. „Bio braucht noch mehr Nachfrage – also auch noch mehr Marketing.“ Zusätzlich seien Transparenz und zuverlässige Kontrollen wichtig, um das Vertrauen der Verbraucher zu stärken.

Barbara Altmann, Abteilungsleiterin der Rohstoffsicherung bei Rapunzel Naturkost, wies auf weitere Entwicklungsfelder in der Bio-Branche hin: Fairness und regionale Wertschöpfung. Die Landwirte bräuchten für die Bio-Umstellung mehr Garantien: langjährige Verträge und höhere Preise. Außerdem müsse die regionale Infrastruktur noch besser ausgebaut werden. Selbst in Bayern, wo Rapunzel beheimatet ist und deutschlandweit am meisten Ökolandbau betrieben wird, gebe es stellenweise noch Lücken in der regionalen Wertschöpfungskette, etwa im Bereich von Getreidemühlen direkt vor Ort.

Was braucht es noch, um das EU-Ziel von 25 Prozent Ökolandbau bis 2030 zu erreichen? „Mehr Technologie und Digitalisierung – von der Produktion bis zu den Konsumenten“, betonte Chiara Fienza. „Mehr Wissen über Bio bei den Landwirten“, meinte Sylwester Struzyna. Außerdem seien Kooperationen zwischen Landwirten, Verarbeitern und Handel essentiell. Auch Barbara Altmann wünscht sich mehr Zusammenarbeit – zum Beispiel zwischen den deutschen Bio-Verbänden Bioland, Naturland und Biokreis. „Wir kommen weiter, wenn nicht jeder nur sein eigenes Ding macht.“

Der Planet Score als sinnvolle Ergänzung zum Bio-Siegel

Nicht nur Bio-Kennzeichen sind heute auf Lebensmitteln zu finden. Andere Label wurden vor kurzem eingeführt oder sind aktuell in der Diskussion. Hans F. Kaufmann, Pressereferent des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN), erzählte von der BNN-Verbraucherkampagne zum Nutri-Score. Aus Sicht des BNN benachteiligt die neue Nährwertkennzeichnung Bio-Produkte, etwa durch die Nichterfassung von Zusatzstoffen. Unter dem Motto ‚gut gemeint, schlecht gemacht‘ verbreitete der Verband Info-Flyer und Poster, welche die Problematik kundenfreundlich darstellten. So wurde etwa gezeigt, dass eine Cola light vom Nutri-Score besser bewertet wird als ein Bio-Apfelsaft, der ausschließlich Fruchtsüße enthält. Über 116.000 Aufrufe hätten animierte Online-Sharepics des BNN zur Thematik erhalten. Mitte September hat der BNN Vorschläge zur Verbesserung des Nutri-Scores bei einem wissenschaftlichen Lenkungsgremium eingereicht, dass diese nun überprüfen wird.

Ein anderes Label, das nicht den Nährwert, sondern den ökologischen Fußabdruck von Lebensmitteln abbilden soll, wird aktuell in Frankreich diskutiert: der Planet-Score. Anne-Claire Asselin, Gründerin der Organisation Sayari, die Unternehmen auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit berät, war an der Entwicklung des Planet-Scores maßgeblich beteiligt.

Die neue Kennzeichnung basiert auf dem ‚Life Cycle Assessment‘ (LCA), das für die Ökobilanz eines Produkts die Umweltwirkungen während des gesamten Lebensweges analysiert. Ähnlich wie der (ebenfalls auf Frankreich stammende) Nutri-Score funktioniert der Planet-Score über ein farbiges Ampelsystem und die Buchstaben A bis E. Die drei Hauptkategorien, nach denen ein Produkt beurteilt wird – Pestizide, Biodiversität und Klima – sind zusätzlich zum Endergebnis mitaufgeführt. „Pestizide sind eines der wichtigsten Anliegen bei Verbrauchern – sie wollen darüber besser informiert werden“, erklärte Asselin. Recht geben ihr Umfragen, nach denen der Planet-Score von vielen Verbrauchern befürwortet wird.

Aktuell wird das Label von ersten Betrieben in Frankreich eingeführt, Asselin wünscht sich aber, dass es sich europaweit durchsetzt. Bei der französischen EU-Präsidentschaft im nächsten Jahr stünden Lebensmittel und Umweltkennzeichen auf der thematischen Agenda – eine gute Chance für den Planet Score.

Neues für die Branche von Gesetzgebung bis Upcycling

Eine große Herausforderung für Bio-Produzenten und -Händler stellt die neue EU-Öko-Verordnung dar, die ab dem 1. Januar 2022 in Kraft tritt. Mit ihr wird der Umgang mit Rückständen, die Verwendung von Aromen und Reinigungsmitteln sowie der Import von Bio-Produkten neu reguliert. „Tausende Rezepturen müssen bei einem unserer Mitglieder geändert werden“, so veranschaulichte Alexander Beck, Vorstand der Assoziation der ökologischen Lebensmittelhersteller (AöL), das Ausmaß der Änderungen. Gerade für kleine Hersteller bietet die neue Regelung zur Gruppenzertifizierung aber auch neue Chance. In den kommenden Wochen will IFOAM Organics Europe einen Leitfaden für ökologisch wirtschaftende Unternehmen veröffentlichen, um den Übergang zu erleichtern.

Vieldiskutiert werden momentan in der Bio-Branche die Themen Verpackung und Verarbeitung. Sarah Compson, Managerin für internationale Entwicklung beim Öko-Verband Soil Association, berichtete, dass 55 Prozent der Konsumenten von Bio-Produkten auch eine umweltfreundlichere Verpackung erwarten. Bereits vor zehn Jahren habe ihr Verband erste Öko-Regeln für Verpackung entwickelt. Eine europäische Arbeitsgruppe, bei der etwa auch Naturland und Bio Suisse beteiligt sind, tauscht aktuell Erfahrungen aus und will Standards für nachhaltige Verpackungen setzen.

Vom Weg zum plastikfreien Supermarkt erzählte Steven Ijzerman, Qualitätsmanager beim niederländischen Bio-Filialist Ekoplaza. 2018 eröffnete das Unternehmen in Zusammenarbeit mit der Umweltorganisation ‚A Plastic Planet‘ in Amsterdam das ‚Ekoplaza Lab‘ mit knapp 700 plastikfreien Produkten – und schaffte es damit weltweit in die Nachrichten. Die Verpackungslösungen reichten von Unverpackt über Glas, Papier und Metall bis zu biologisch abbaubaren Verpackungen aus Mais (PLA) und fossilen Rohstoffen (PBS). Ijzerman schilderte einige Probleme der nachhaltigeren Plastikalternativen: „Die Rohware ist knapp und teuer und es ist schwierig, 100 Prozent Bio-Rohstoffe aus nachhaltigen Quellen zu bekommen.“ Außerdem mangele es noch an Akzeptanz bei den Abfallentsorgungsanlagen. Es seien daher auf jeden Fall weitere Innovationen nötig.

Wegweiser für nachhaltige Verpackung und Verarbeitung

Bei der Orientierung im Dschungel der Plastikalternativen hilft das neue Biokunststofftool (LINK), das von der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) entwickelt wurde. Die fünf Materialgruppen biomassebasiertes Polyethylen (Bio-PE), biobasiertes Polypropylen (Bio-PP), Bio-PET, Cellulose und PLA werden dort genau analysiert und nach verschiedenen Nachhaltigkeitskriterien wie der Ökobilanz, aber auch Sozialstandards bei Anbau und Verarbeitung verglichen. „Bio ist als Begriff bei Verpackungen nicht geschützt“, erklärte Johanna Stumpner von der AöL. Daher soll das neue Tool Bio-Herstellern die Auswahl erleichtern.

Was die Verarbeitung angeht, zu der klare Angaben in der Bio-Gesetzgebung fehlen, so bietet das ProOrg-Projekt ein praktisches Tool und einen Leitfaden für Bio-Hersteller. Organisationen und Institute aus acht Ländern (darunter die AöL) haben verschiedene Techniken untersucht und gegenübergestellt, um möglichst schonende Methoden ausfindig zu machen. „Bei der Apfelsaft-Herstellung schneidet zum Beispiel das Pressen besser ab als das Zentrifugieren“, veranschaulichte Robert Pinton, der für die Organisation Asso-Bio mit im Team ist.

Mit einem Blick über den biologischen Tellerrand hinaus stellte Karin Beukel, Mitgründerin des dänischen Startups Agrain, im letzten Programmpunkt das Potenzial des Lebensmittel-Upcyclings vor. Agrain verwendet die Getreidereste aus der biologischen Bier- und Whisky-Produktion, um Mehl, Müsli, Chips und mehr herzustellen. Nächstes Jahr will das Unternehmen erste Pflanzendrinks auf den Markt bringen. „Unser Mehl enthält 20 Prozent Proteine und 50 Prozent Ballaststoffe“, schwärmt Beukel. 50 Millionen Tonnen Getreiderückstände fielen bei Brauereien weltweit jedes Jahr an. Das Upcycling könne daher einen großen Beitrag zur nachhaltigen Ernährungswende leisten. „Dafür müssen jetzt auch die großen Player der Lebensmittelindustrie mitmachen“, meinte Beukel. Das Interesse wachse aber.

In seiner Abschlussrede würdigte Janusz Wojciechowski, EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, den ökologischen Landbau als Teil der Lösung der Klimakrise. Für sein Heimatland Polen sei der Green Deal eine Herausforderung, aber auch eine unglaubliche Chance. Der Ökolandbau biete gerade Kleinbauern neue Möglichkeiten. Polen wolle sie in Zukunft gezielt unterstützen und kurze Lieferketten ausbauen. „So kann Bio auch echte soziale und wirtschaftliche Vorteile bringen“, so der Kommissar.

Lena Renner


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