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Studie

Pestizid-Abgabe für die Agrarwende

Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung

Die Europäische Kommission will den Einsatz von Pestiziden bis 2030 um 50 Prozent verringern. Eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) im Auftrag eines breiten Bündnisses zeigt, wie sich mit einer Pestizid-Abgabe dieses Ziel in Deutschland erreichen lässt.

Die Autoren der Studie untersuchten, wie eine Abgabe auf Pestizide zu konzipieren ist, die den Absatz an Pestiziden und die damit behandelbare Fläche in Deutschland halbiert. Hierfür haben die Wissenschaftler den Pestizideinsatz in Deutschland und Dänemark genauer analysiert und ein Datenbankmodell entwickelt. Sie simulierten für verschiedene Abgabenkonzepte die Effekte auf Preise, Absatzmengen und die behandelbare Fläche sowie das Aufkommen.

„Seit Jahren gibt es in Deutschland einen stabilen Trend beim Pestizideinsatz“, erklärt Pestizidexperte und Studienautor Lars Neumeister. Die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Pflanzenschutzmitteln sei bisher nicht verringert worden. „Die Zulassungsverfahren erkennen außerdem nicht alle Nebenwirkungen“, ergänzt Studienleiter Stefan Möckel. Die Pestizid-Abgabe sei deshalb eine notwendige Ergänzung. Durch die zusätzliche Kostenlast könne sie Kosten-Nutzen-Abwägungen verändern.

Risikobasiert und differenziert

Das dänische Steuerkonzept von 2013 habe dazu geführt, dass der Verkauf von Stoffen mit einer hohen Toxizität deutlich zurückgegangen ist. Damals wurde das Steuerniveau der Pestizid-Abgabe in Dänemark mehr als verdoppelt und die Wertabgabe auf eine risikobasierte Mengenabgabe umgestellt.

Eine Abgabe, deren Höhe sich an der Höhe der Risiken bemisst, schlägt auch das UFZ vor. In seinem Konzept wird die humantoxikologische Risikobewertung der EU berücksichtigt. Außerdem hat eine höhere Wirksamkeit auch eine höhere Zahllast je Kilogramm Pflanzenschutzmittel zur Folge. Eine Modifikation sieht zusätzlich eine stärkere Besteuerung von Herbiziden und Insektiziden vor. Laut der Studie könnte mit diesem Konzept die mit Pestiziden behandelbare Gesamtfläche am meisten reduziert werden (um 54 Prozent).

„Pestizide variieren in ihrer Wirksamkeit bis zum Tausendfachen“, betont Möckel. Deshalb sei es wichtig, die Wirksamkeit auf dem Feld sowie die Nebenwirkungen und Risiken für die Umwelt in die Abgabe miteinzubeziehen. „Eine Abgabe sollte Herbizide und Insektizide höher besteuern, da von ihnen vielfältige negative Effekte für die biologische Vielfalt ausgehen und zugleich hier viele nicht-chemische Alternativen bestehen", fügt Neumeister hinzu.

Einnahmen für die Agrarwende

Die mit der Pestizid-Abgabe erzielten Einnahmen könnten laut den Autoren dazu verwendet werden, die Agrarwende weiter zu unterstützen: durch die Finanzierung von Schutz- und Ausgleichsmaßnahmen, Beratungsangebote zum integrierten Pflanzenschutz und die Förderung positiver Ansätze.

„Die Gelder aus der Abgabe sollten für den ökologischen Umbau an die Landwirtschaft zurückfließen", sagt auch Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS-Bank, welche die Studie neben einem Dutzend NGOs unterstützt hat. Er ist überzeugt: Die Rahmenbedingungen baldmöglichst zu verändern, werde im Endeffekt allen nutzen – auch der Wirtschaft. Vorreiter, denen ein schneller Umbau gelingt, hätten später einen Wettbewerbsvorteil.

„Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner hat es in ihrer Amtszeit nicht geschafft, die Abhängigkeit der Landwirtschaft von Pestiziden zu reduzieren. Wenn der im Herbst neu gewählten Bundesregierung der Schutz der Artenvielfalt am Herzen liegt, dann muss sie eine Pestizid-Abgabe als ein wichtiges Instrument umsetzen, um die Ziele der europäischen Agrarstrategie Farm-to-Fork zu erreichen", fordern die beteiligten Verbände.

Die Untersuchung wurde beauftragt von: Aurelia Stiftung, BioBoden Genossenschaft eG, Bioland e.V., Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft e.V., Deutsche Umwelthilfe e.V., Foodwatch e.V., GLS Bank, GLS Bank Stiftung, Greenpeace e.V., GLS Treuhand - Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany), Soil & More Impacts GmbH, WWF Deutschland.

Die vollständige Studie finden Sie hier.


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