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Ackergifte

Pestizide in freiem Flug

Neue Studie zeigt, wie Ackergifte sich durch die Luft verbreiten

Pestizide verbreiten sich in ganz Deutschland kilometerweit durch die Luft. Dies belegt die bislang umfassendste bundesweit durchgeführte Studie zur Pestizid-Belastung der Luft, die das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München in Auftrag gegeben haben. Die Ergebnisse der Messungen an insgesamt 163 Standorten in ganz Deutschland zwischen 2014 und 2019 wurden heute in Berlin veröffentlicht.

Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, bekam auf der Pressekonferenz vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und dem Umweltinstitut München nicht nur einen Blumenstrauß zu ihrem Geburtstag überreicht. Es wurde ihr auch jede Menge Munition im Kampf gegen den aktuellen Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide in der Landwirtschaft geliefert. So konnten Wissenschaftler des Forschungsbüros TIEM Integrierte Umweltüberwachung unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Glyphosat in allen Regionen Deutschlands und weit abseits von potentiellen Ursprungs-Äckern nachweisen.

Die Ministerin sagte es geradeheraus: „In dieser Studie ist ersichtlich, dass sich Pestizide durch die Luft verbreiten“. Nach ihrer Meinung ist dies besorgniserregend nicht nur für den ökologischen Landbau, sondern auch für die Natur, denn „es bedeutet, dass diese Mittel überall hin kommen“. Eine Tatsache, zu der es bisher keine staatlichen Untersuchungen gibt.

Es geht dabei nicht nur um einzelne Gifte, sondern auch um die Giftcocktails, die an den verschiedenen Stellen nachgewiesen werden konnten. An rund drei Viertel aller untersuchten Standorte wurden jeweils mindestens fünf und bis zu 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden. Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar. Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren.

Karl Bär, Agrarexperte im Umweltinstitut München: „Die Ergebnisse unserer Studie sind schockierend. Glyphosat und andere Ackergifte verteilen sich als wahrer Pestizid-Cocktail bis in die hintersten Winkel Deutschlands. Pestizide landen in schützenswerten Naturräumen, auf Bio-Äckern und in unserer Atemluft. Wir fordern die Bundesregierung auf, umgehend zu handeln und Mensch und Natur besser zu schützen. Die Ackergifte, die sich am meisten verbreiten – Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor –, müssen sofort verboten werden.“ Diese fünf Wirkstoffe konnten bei den Messungen am häufigsten und weit entfernt vonpotentiellen Quellen nachgewiesen werden. Bär kritisiert, dass der sogenannte Ferntransport von Pestizidwirkstoffen bislang im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft: „Immer wieder werden biologisch bewirtschaftete Äcker durch Ackergifte kontaminiert, ganze Ernten gehen so verloren. Unsere Studie liefert nun einen wesentlichen Grund dafür: Die Pestizide gelangen über die Luft auf Getreide, Obst und Gemüse, das von Bio-Bäuerinnen und -Bauern naturverträglich und ohne den Einsatz chemisch-synthetische Pestizide angebaut wurde. Bislang trägt die Biobranche die Kosten für die aufwendigen Kontrollen ihrer Produkte und für Ware, die nicht mehr als Bio verkauft werden kann, weitgehend selbst. Agrarministerin Julia Klöckner muss die Beeinträchtigung des Bio-Landbaus durch chemisch-synthetische Ackergifte stoppen.“ Solange Pestizide in großem Ausmaß angewendet werden, müssen Öko-Landwirte bei Kontaminationen ihrer Ernte über einen Schadensausgleichs-Fonds entschädigt werden, fordert Boris Frank. Dieser muss durch zehn Prozent der jährlichen deutschen Umsatzerlöse der Pestizid-Hersteller gespeist werden.“

 

Info: Die Studie und ihre Ergebnisse auf den Seiten des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und des Umweltinstituts München


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