Start / Ausgaben / bioPress 93 - Oktober 2017 / Mehr Bio und Vertrauen

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Mehr Bio und Vertrauen

Die großen Herausforderungen in Food Lieferketten sind schneller Wandel, zunehmende Komplexität und gesellschaftliche Spaltungen

Schneller Wandel

Nach der Übernahme von Whole Foods Market durch Amazon ist leicht vorstellbar, dass Amazon die schwächelnde Metro kauft und aus den Standorten Whole Foods ähnliche Erlebnis Lifestyle-Märkte mit Bistros und Frische-Logistik-Centern macht. Handel ist Wandel. Herausforderungen werden angenommen oder man ist ganz schnell weg vom Fenster. Mit den alten, hierarchischen Top-down Befehlsketten sind die komplexen Herausforderungen nicht mehr zu meistern. Da hilft nur eine Führung, die der Vielfalt und Dynamik der Praxis Raum gibt und sie in alle wesentlichen Entscheidungen einbezieht.

Zunehmende Komplexität

Der Erfolg unserer wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten 60 Jahren beruht oft auf Spezialisierung und Arbeitsteilung. Das ist auch in der Landwirtschaft so und hat unter anderem dazu geführt, dass es in bevorzugten Ackerbauregionen kaum noch Tiere gibt und sich in anderen Regionen die Tierhaltung konzentriert. Das führte in der einen Region durch die großen Güllemengen zur Nitratbelastung des Grundwassers und in der anderen zu einseitigen Fruchtfolgen und mangelnder Zufuhr an organischer Substanz zum Acker. Gegen die Nitratbelastung des Grundwassers wurde nach EU-Anklage schließlich staatlicherseits eine Dünge-Verordnung erlassen. Dass es im Ackerbau nicht so weitergehen kann, erkennen immer mehr Bauern selbst. 

Spezialisierung und das dahinter steckende lineare Ursache-Wirkungs-Denken kommen an ihre Grenzen. Gebraucht wird eigenständiges, systemisches, praktisches Denken, das am einfachsten in gemischten Kreisen entsteht, die die ganze Vielfalt im Raum abbilden. Whole Foods Market hat dafür alle fünf Jahre eine große Mitmach-Zukunftskonferenz mit allen Stakeholdern veranstaltet. 

Spaltung zwischen Leben und Bürokratie

Gesellschaftliche Spaltungen zwischen einflussreichen Eliten und resignierten Otto-Normalverbrauchern, zwischen Stadt und Land nehmen zu. Aber auch die Bauern selbst erleben eine Spaltung zwischen eigener lebendiger Praxis und aufgezwungener Bürokratie. Zur eigenen lebendigen Praxis gehören natürliche Standortfaktoren, betriebliche Bedingungen, regionale Strukturen und menschliche Bedingungen. Bauern müssen all das systemisch ganzheitlich berücksichtigen. 

Die Bürokratie wird von Politik, Recht, Wissenschaft und den Institutionen in Formen von Gesetzen und Verordnungen, Dokumentationspflichten und Kontrollen, oft verbunden mit finanzieller Förderung aufgezwungen. Daran sind die EU, der Bund, die Länder, die Bio-Verbände (Richtlinien) und die Händler (Zertifizierungsanforderungen) beteiligt. Dieser Bereich, „Richtlinien und Kontrolle (Aufwand, zu kompliziert/zu streng, Kosten zu hoch)“ war schon 2003 bis 2010 der mit Abstand wichtigste Grund zur Rückumstellung von Bio- auf konventionelle Landwirtschaft.

Naturland-Bauer Everhard Hüseman hat dazu aus der Praxis unter dem Thema Bürokratie und Kontrollprobleme als Beschleuniger des Strukturwandels berichtet.  Die Bürokratie saugt alle Aufmerksamkeit auf, die eigentlich für die Praxis, den Umgang mit dem Lebendigen gebraucht wird. Dort gibt es noch genug wesentliche Fragen zum Ökolandbau. Der LEH sollte der Bürokratie nicht noch Vorschub leisten, sondern das Gespräch mit Bauern über wesentliche Fragen der Bio-Produktion suchen.

Brücken bauen in Kreisen

Zentrale Bio-Herausforderungen des LEH sind up-stream mehr Bio zu beschaffen und down-stream Vertrauen der Kunden in Bio im LEH zu gewinnen und zu pflegen. Das geht nicht mit wissenschaftlichen Studien und Ausschüssen, weil sie nur in der Bio-Insider-Blase bleiben. Dazu bedarf es neuer Dialog-Formen, die alle Beteiligten auf Augenhöhe in Kreisen zum gemeinsamen Erkunden von Lösungen zusammenbringen, bewährte Methoden zum schnellen Wan­del in großen Gruppen und Mitmach-Tagungen.

Mehr Bio durch gute Zusammenarbeit in den Lieferketten
Solche Zusammenarbeit signalisiert Bauern, dass sie auf Bio umstellen können, sorgt damit für mehr Bio-Produktion, sichert knappe Rohstoffe und hilft mit Schweinezyklen, Angebots- und Nachfrage-Schwankungen umzugehen. Beispiele dafür sind der Mehrbio.de e.V., in dem auf Initiative des Bio-Kartoffel-Erzeuger e. V, Biobauern, Packer und Händler zusammenarbeiten, und die Bio2030 Zukunftsdialoge. Dabei werden pauschale Statements vermieden. Stattdessen sprechen die Praktiker selbst über ihre Erfahrungen, Probleme und Themen in einzelnen Lieferketten und/oder Regionen. Die Vorgaben des Kartellrechts werden dabei selbstverständlich eingehalten.

Vertrauen und Glaubwürdigkeit des PoS

Der Raum, den Zusatznutzen von Bio im LEH zu kommunizieren, ist begrenzt. Aber der LEH führt Bio-Produkte, weil es eine Nachfrage danach gibt und Bio-Produkte den Kundinnen signalisieren „hier kümmert man sich um Natürlichkeit und Gesundheit“. Diesen Claim gilt es immer wieder mit Leben zu erfüllen und mit interessanten Geschichten zur Herkunft und Verarbeitung der Produkte zu untermauern.  Das schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen und geht am besten mit Bauern und Herstellern zusammen. Auch dazu wird das Gespräch zwischen Bauern, Herstellern und Händlern auf Augenhöhe geführt. Das kann im Markt, per Social Media, auf Papier gedruckt und bei Events  kommuniziert werden. Whole Foods Market macht das in allen Märkten schon seit den 1980er Jahren.

Conrad Thimm

Conrad Thimm
Bio-Pionier seit 1977, Dipl. Ing. agr., ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Bio2030 Zukunftsdialoge, zertifizierter Genuine Contact Trainer, Facilitator, Moderator, Coach und selbstständiger Berater für Food- Wertschöpfungsketten regional + international seit 1989. Conrad war in den 1990er Jahren unter anderem Geschäftsführer Bio-Frischmarkt, Abteilungsleiter QS-Bio-Inspektoren bei der Milupa AG, Abteilungsleiter/Produktmanager Naturkind bei Kaiser‘sTengelmann und in den 1980er Jahren Mitgründer + Leiter des Ökoring Niedersachsen. 1977 leitete er als Student an der Uni Göttingen das Symposium Biologische Landwirtschaft, der mit 1.200 Teilnehmern größten Bio-Konferenz .
www.bio2030.de , 
http://www.mehrbio.de/newsletter-nr-0-april-2017/, www.conradthimm.com        
Bio-Kompetenzzentrum
Vortrag Di., 10. Okt., 14:00 h
Presse-Center Ost 
(siehe Programm Seite 85)

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