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Editorial

Editorial Ausgabe 87/April 2016, 2. Quartal

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die BLE, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, gab eine neue ­Umfrage zum Bio-Einkaufsverhalten in Auftrag. Der Ökobarometer 2016 wur­de im Januar erstellt. Infas hat dafür telefonisch 1.005 Teilnehmer befragt und ein unabhängiges Gesamtbild abgeliefert. Es zeigt sich, dass die Verbraucher die Entwicklung des Bio-Absatzes fernab von jeder Ideologie vorantreiben.

Die wichtigsten Kriterien beim Griff ins Regal sind gentechnikfreie und unbehandelte Lebensmittel, artgerechte Tierhaltung, Regionalität, geringe Schadstoffbelastung und gesunde Ernährung. Die Frage nach der Präferenz der Einkaufsorte ergab im Vergleich zu 2013 eine deutliche Steigerung bei den Bioläden, Bio-Supermärkten und Reformhäusern. Dennoch kauft die Mehrheit ihre Biolebensmittel vor allem im Supermarkt und beim Discounter, also dort, wo die meisten Deutschen regelmäßig einkaufen. Flächendeckende Bio-Angebote bringen schein­bar neue Käufer in die Fachgeschäfte.

Es gab Antworten zu allen Einkaufsstätten,  bis hin zum Interneteinkauf, Kiosken und Tankstellen. Das zeigt, dass Bioangebote tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und die Verfügbarkeit allein im Öko-Fachhandel Vergangenheit ist.

In der Schweiz hat die Bio-Branche die­se Erkenntnis bereits in eine neue Fach­organisation der Bio-Lebensmittelbranche umgesetzt, die Großhandel, Logisitk, Verarbeitung und Einzelhandel umfasst und sich als Ansprechpartner und Austauschplattform für alle versteht.

Dieser Schweizer Pragmatismus würde auch der Bio-Marktentwicklunng in Deutschland gut anstehen. Chemiefreie Äcker, artgerechte Tierhaltung und gesunde Ernährung sollten kein Privileg Einzelner sein. Die Öko-Ideen der 70er bis 90er Jahre sind spätestens seit der Eroberung des Bundeslandwirtschaftsministeriums durch Renate Künast in die Allgemeinheit hinein gesickert bis hin zum Bildungsauftrag für Ernährung im Kindergarten. Zu Zeiten der von den Altparteien geführten Landwirtschaftsministerien undenkbar. Heute ist das Programm vieler CDU/CSU-Ministerien.

Dem gesellschaftlichen Wandel sollten nun auch die Marktkräfte folgen. Den zaghaften Versuchen stehen jedoch noch Blockierer und die Ängstlichen entgegen. Letztere fragen sich, warum sollte ausgerechnet er oder sie den Anfang machen und ins Risiko gehen, wo doch ein regelmäßig kräftiges Wachstum für gutes Auskommen sorgt?

Es könnte kommen wie so oft. Wo Aufgaben nicht angenommen oder gar verhindert werden, treten neue Kräfte auf. Rundherum bieten Startups Alternativen und frische Impulse. Das zeigt sich der bioPress Redaktion bei den Sortimentsberichten. Neben den altbekannten Namen haben wir es regelmäßig mit Newcomern zu tun. Mymüsli beispielsweise steht jetzt im dm-Drogeriemarkt neben Veganz-Produkten.

Und Marken wie Mogli scheuen den Spagat nicht, erfolgreich Handelsgrenzen zu überbrücken, Mogli-Produkte stehen im Supermarkt in der O+G-Abteilung. Auch Fachhandelsmarken finden sich im Regal herkömmlicher Supermärkte. Es gibt dann immer sehr dubiose Argumente für diese Ausnahmen! Irgendwie wird sich durchgemogelt.

Die freien Kaufleute suchen nach Angeboten, die bei den beherrschenden Vorstufen nicht im Lager stehen. Es geht ihnen um Vielfalt im Angebot und nicht um immer mehr vom Gleichen. Die Flächenentwicklung trägt dazu bei, dass mehr Marken-Angebote Platz finden. Und die Vernetzung schafft neue Unabhängigkeiten. Neben dem großen Massengeschäft sind Streckenlieferungen über Nacht möglich und bezahlbar. Die Wünsche dieser Kaufleute sollten von der Bio-Branche akzeptiert und bedient werden. Ohne Ängste.

Es widerspricht dem Ansatz der Wandlungsfähigkeit von der Agrarchemie hin zu ökologischem Landbau, wenn Kaufleuten vorgehalten wird, sie können Bio nicht! Was soll schwer daran sein, die ökologisch erzeugten Lebensmittel der Landwirte in die Regale zu stellen und zu verkaufen?

Geht es dabei mehr um den Erhalt einer Marktmacht und den Verlust eines Alleinstellungsmerkmals? Beides ist überholt. Wer Blockade lebt, verschenkt Chancen. Einziger Trost: Dem Fluss der Zeit hält kein Damm stand.

Erich Margrander 
Herausgeber


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