Gesundheit
Studie: Fast Hälfte der Landwirte weltweit erleidet Pestizidvergiftungen
Mehr als 400 Millionen Vergiftungsfälle pro Jahr
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Jährlich erleiden weltweit schätzungsweise zwischen 402 und 433 Millionen Menschen eine akute Pestizidvergiftung. Das entspricht rund 46 Prozent der landwirtschaftlichen Bevölkerung, die auf 934 Millionen Menschen geschätzt wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Anfang September in der Fachzeitschrift ‚Frontiers in Public Health‘ veröffentlicht wurde.
Für die verschiedenen Weltregionen zeigt die Studie erhebliche Unterschiede. Die meisten der nicht tödlichen Vergiftungsfälle traten ihr zufolge in Südasien auf, gefolgt von Südostasien und Ostafrika. Die höchste Inzidenz in einem einzelnen Land wurde in Burkina Faso verzeichnet, wo fast 84 Prozent der Landwirte und Landarbeiter jedes Jahr akute Pestizidvergiftungen erlitten.
Beschäftigte in der Landwirtschaft sind den Pestiziden vor allem während der Aufbereitung und der Ausbringung sowie beim Kontakt mit behandelten Pflanzen, kontaminierten Geräten oder Kleidung ausgesetzt. Zu den häufig beobachteten Vergiftungserscheinungen zählen Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Erbrechen und Hautausschläge.
Die Gesamtzahl der Todesfälle durch Pestizidvergiftungen wird auf etwa 11.000 pro Jahr geschätzt. Fast 60 Prozent davon ereigneten sich in Indien, was laut den Studienautoren auf gravierende Probleme beim dortigen Pestizideinsatz hindeutet.
Weltweit nimmt der Pestizideinsatz nach der Datenerhebung weiter zu. Seit 1990 habe sich der jährliche Verbrauch verdoppelt. Im Jahr 2023 erreichte er etwa 3,8 Millionen Tonnen. Dagegen ist Europa die einzige Region, in der der Pestizidverbrauch seit 1990 zurückgegangen ist, was die Studienautoren auf strengere Vorschriften zurückführen. Auch die Sterblichkeit sei gering und wird auf zwei Todesfälle durch Pestizidvergiftung in Westeuropa und bis zu 60 in Osteuropa geschätzt.
Für West- und Osteuropa wurde eine Vergiftungsrate von schätzungsweise sechs Prozent ermittelt, während der Wert für Südeuropa bei 32 Prozent, mehr als 1,5 Millionen Fällen pro Jahr liegt. Allerdings machen die Forscher darauf aufmerksam, dass die verfügbaren Informationen für Osteuropa begrenzt sind, da nur Ungarn in den analysierten Daten vertreten sei.
PAN Germany fordert Verbot hochgefährlicher Pestizide
„Wir dürfen nicht länger hinnehmen, dass diejenigen, die auf den Feldern arbeiten und unsere Lebensmittel anbauen, schädlichen Pestiziden ausgesetzt sind und krank werden. Die neuen Erkenntnisse unterstreichen die Dringlichkeit, den nicht-chemischen Pflanzenschutz zu fördern und hochgefährliche Pestizide zu verbieten“, kommentiert Susan Haffmans, Referentin beim Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany).
PAN Germany verweist in diesem Sinne auf die Empfehlung der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), hochgefährliche Pestizide (HHPs) schrittweise aus dem Verkehr zu ziehen. Auch das Globale Rahmenwerk für Chemikalien sieht vor, diese Stoffe bis 2035 schrittweise abzuschaffen.
„In Lateinamerika hat der Einsatz von Pestiziden – einschließlich solcher, die in Europa verboten sind – in den letzten 25 Jahren infolge der Entwicklung von Monokulturen mit gentechnisch verändertem Saatgut dramatisch zugenommen“, berichtet Javier Souza Casadinho, Regionalkoordinator von PAN Lateinamerika. Auch Familien, die in der Nähe der besprühten Felder leben, und insbesondere Kinder seien gesundheitlich betroffen. Als Weg in die Zukunft hebt er die Agrarökologie hervor.
In Afrika seien besonders Frauen aufgrund ihrer intensiven Arbeit in der Landwirtschaft einem höheren Risiko durch Pestizidbelastung ausgesetzt, so Dorah Swai, Koordinatorin von PAN Anglophone Africa. Schutzausrüstung und Sicherheitsschulungen würden oft nicht angeboten.
Von täglichen Beweisen für das akute und chronische Leid von Landwirten und Landarbeitern berichtet Sarojeni Rengam, Geschäftsführerin von PAN Asia Pacific. Gleichzeitig beherberge die Region viel Know-how im Bereich der Agrarökologie. In ganz Asien zeigten Gemeinschaften, dass pestizidfreie Ernährungssysteme möglich sind.
„Die weltweit größten Pestizidhersteller – Syngenta, Bayer/Monsanto, Corteva und BASF – produzieren einige der gefährlichsten Pestizide der Welt“, sagt Allison Davis, Geschäftsführerin von PAN North America. „Indem unsere Regierungen diesen Konzernen erlauben, Chemikalien zu verkaufen, die in ihren eigenen Ländern oft eingeschränkt oder verboten sind, haben sie ihre Pflicht zum Schutz und zur Wahrung des universellen Menschenrechts auf Gesundheit völlig vernachlässigt.“
Die neue Studie mit dem Titel ‚Worldwide unintentional acute pesticide poisonings: reassessing the occupational and non-occupational burden’ (‚Weltweite unbeabsichtigte akute Pestizidvergiftungen: Eine Neubewertung der belastenden Auswirkungen im beruflichen und nichtberuflichen Bereich‘) hat Vergiftungsdaten aus insgesamt 139 Ländern ausgewertet. 62 Länder wurden in 214 wissenschaftlichen Artikeln behandelt; für 77 Länder liegen Daten aus der WHO-Sterblichkeitsdatenbank vor. Die Übersichtsarbeit umfasst Daten aus den Jahren 2006 bis 2023.







