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Gesunder Boden – wer zahlt den Preis?

Fairtrade-Vorständin Claudia Brück im Gespräch mit bioPress

Gesunder Boden – wer zahlt den Preis? © Fairtrade, Nipah Dennis
Die KakaoproduzentInnen Dora Atiiga (re.) und Mbawin Moses in Ghana

Das globale Ernährungssystem ist an Grenzen gestoßen. Dennoch tragen Landwirte weiterhin das Produktionsrisiko und kostendeckende Preise sind keine Selbstverständlichkeit. Kann die EU-Richtlinie gegen unfaire Handelspraktiken daran etwas ändern? Welche Chancen liegen in der Transformation durch die Privatwirtschaft? Wie trägt Agrarökologie zu mehr Fairness bei? Und welche Vorreiterrolle nimmt Lidl dabei ein, fair gehandelte Produkte alltagstauglicher zu machen? Über Wege zur Agrar- und Ernährungswende hat bioPress mit Claudia Brück, Vorständin Kommunikation und Politik bei Fairtrade Deutschland, gesprochen. 

bioPress: Frau Brück, bis 2030 will Deutschland 30 Prozent Ökolandbau erreichen. Welche politischen Marktregeln braucht es aus Ihrer Sicht, damit Landwirte zur Bio-Umstellung bewogen werden?

Claudia Brück: Es braucht auf jeden Fall keine neuen formalen Hürden, sondern eine Ermächtigung. Politische Anreizsysteme sollten das Risiko abfedern und die Landwirte bei den nötigen Investitionen unterstützen. 

Ein wichtiger Hebel ist auch die öffentliche Beschaffung, zum Beispiel in den Ministerien. Vor zehn Jahren hat das Entwicklungsministerium begonnen, das Catering bei Veranstaltungen vegetarisch und vegan auszurichten. Unsere Stakeholder waren davon erst einmal etwas irritiert, aber dann folgte ein positiver Schneeballeffekt. Einen solchen Vorbildcharakter würde es auch bei der Umstellung auf Bio geben.

bioPress: Viele Entscheider in der Beschaffung sind allerdings nur am Preis interessiert – die Qualität ist dabei zweitrangig…

Brück: Seit 2014 ist in den EU-Vergaberichtlinien geregelt, dass bei öffentlichen Aufträgen nicht nur der Preis, sondern auch Parameter wie Qualität und Nachhaltigkeit berücksichtigt werden dürfen. Es ist allerdings eine sehr große Aufgabe, die preisorientierten Beschaffer in diese Richtung umzuerziehen.

bioPress: Wo bewegt sich derzeit der Anteil der Fairtrade-Produkte am Lebensmittelmarkt?

Brück: Das lässt sich insgesamt schwer sagen, weil es ja bei vielen Kategorien, wie beispielsweise Käse oder Brot, keine fair gehandelten Alternativen gibt. Wir haben aber Zahlen für die Kategorien, in denen wir aktiv sind. Zwei Prozent des Tees und sechs Prozent des Kaffees werden derzeit fair gehandelt. Bei Bananen sind es 16, bei Schokolade fast 20 und bei Rosen über 30 Prozent. Das ist natürlich nur ein kleiner Teilausschnitt des Markts. Wir sind aber nicht angetreten, um alleine die Welt zu verändern. Wir wollen Beispiele zeigen, dass es auch anders gehen kann.

bioPress: Mehr Fairness für Erzeuger – gehört dazu nicht auch der Schutz vor Ackergiften?

Brück: Der Fairtrade-Standard setzt keine Bio-Zertifizierung voraus. Viele der Erzeuger wirtschaften zwar biologisch, sind aber nicht entsprechend zertifiziert. Wir verlangen aber durchaus eine Produktionsweise, die für den Landwirt gesund ist, wodurch ökologische Kriterien ins Spiel kommen.

Tatsächlich steht die Ökologie bei uns heute wesentlich stärker im Blickpunkt als früher, wo hauptsächlich aus der ökonomischen und soziologischen Perspektive gedacht wurde. Mit dem Klimawandel ist vermehrt ins Bewusstsein gerückt, dass wir die Umwelt als integralen Bestandteil für eine zukunftsfähige Landwirtschaft mitdenken müssen. Über Bodengesundheit wird sichergestellt, dass der Anbau auf landwirtschaftlichen Flächen langfristig möglich bleibt und die Bauern dem Klimawandel besser trotzen können. Deshalb hat Fairtrade Deutschland heute die Agrarökologie als politisches Leitbild verankert, mobilisiert Gelder für Umstellungsprojekte und berät Landwirte auch in diese Richtung. 

bioPress: Mit der Kampagne ‚Landwirtschaft braucht Fairness‘ fordern Sie ein Verbot des Einkaufs landwirtschaftlicher Produkte unterhalb der Produktionskosten. Wie kommt es, dass eine solche Praxis nicht längst untersagt ist?

Brück: Der freie Wettbewerb regelt den Preis und Überkapazitäten müssen abgebaut werden – so wird argumentiert. Wir sehen aber, dass sich die Machtachse absolut verschoben hat. Die Höfe sterben, die Leute verlassen die Landwirtschaft, der Nachwuchs bricht weg – sowohl in Europa als auch in Lateinamerika, Asien und Afrika. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wieso wir den Menschen, die für die Ernährungssicherheit weltweit sorgen, das komplette Risiko aufbürden.

Ein kostendeckender Preis sollte immer Teil der Verhandlungen sein. Er ist die Voraussetzung dafür, dass langfristig nachhaltig angebaut werden kann. Fair ist für uns ein Preis, der die Kosten einer nachhaltigen Produktion deckt und dabei Spielraum dafür lässt, Investitionen zu tätigen und gut von den Einnahmen zu leben.

Dass die Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken (UTP-Richtlinie) derzeit in der EU neu verhandelt wird, ist eine große Chance für eine fairere Gestaltung der Politik. Die Aussichten sind gut, dass ein Absatz zur kostendeckenden Preisgestaltung aufgenommen wird. 

Im letzten halben Jahr haben wir mit sehr vielen Politikern im landwirtschaftlichen Ausschuss der EU geredet. Wir hoffen, dass das deutsche Landwirtschaftsministerium unsere Einlassungen für die Richtlinie mit einfließen lässt.

bioPress: Wie lassen sich die tatsächlichen Produktionskosten eines landwirtschaftlichen Produkts objektiv feststellen?

Brück: Mit Preismechanismen kennen wir bei Fairtrade uns ja sehr gut aus. Um die Höhe der Mindestpreise und Prämien festzusetzen, führen wir weltweit Preiserhebungen bei unseren Produzentenorganisationen durch. Mit dem ‚Living Income Reference Price’ haben wir den Preis ermittelt, der nötig ist, damit Erzeuger ein existenzsicherndes Einkommen bekommen.

Wir brauchen eine staatliche Stelle, die genau so eine Preisbeobachtung durchführt und die erforderliche Höhe der Preise vorgibt, sodass entschieden werden kann, wann es sich um eine ‚unfair trading practice‘ handelt. In Spanien, Belgien und Frankreich existieren solche Stellen bereits.

bioPress: Indem auf Massenproduktion verzichtet wird, nimmt man auch höhere Produktionskosten und damit höhere Lebensmittelpreise in Kauf, während viele Verbraucher aktuell knapp bei Kasse sind. Wie gehen Sie mit diesem Zwiespalt um?

Brück: Wenn wir alles dem Ziel einer höheren Ernte und der kurzfristigen Gewinnmaximierung unterordnen, entstehen dadurch Kosten, die heute vielleicht noch nicht sichtbar sind. Die Frage ist, wie lange wir davon leben können.

Bei einem fairen Bio-Produkt werden die ganzen Nachhaltigkeitskosten in das Produkt eingepreist, bei einem konventionellen Artikel werden die gesellschaftlichen Umwelt- und Sozialkosten externalisiert und nicht auf das Produkt aufgeschlagen. Dadurch entsteht diese schräge bis falsche Rechnung, nach der das nachhaltige Produkt immer teurer ist. 

Eigentlich wäre es Aufgabe der Politik, gegenzusteuern. Für nachhaltiges Engagement müsste es Steuer-Erleichterungen geben, während Schäden durch konventionelle Landwirtschaft besteuert werden müssten.

Die Kakaobauern im globalen Süden wissen inzwischen selbst, dass ein monopolisierter Anbau große Probleme für die Bodenbeschaffenheit mit sich bringt. Der Stellenwert von Fruchtfolgen und kleineren, diversen Äckern ist bei den Landwirten angekommen. Diese Veränderung begrüßen wir sehr.

Schauen wir auf die weltweit gehandelten Bananen, so gehören diese heute fast alle zur Sorte Cavendish. Wenn ein Pilz zuschlägt und die ganze Produktion zerschießt, wie es in den 50er Jahren bereits passierte, ist das ganze System kaputt und die Versorgung funktioniert nicht mehr.

Beim Kakao konnte zuletzt nur noch die Hälfte der Menge, die nachgefragt wurde, produziert werden und der Preis schoss entsprechend in die Höhe. Diese Kapriolen werden zunehmen, wenn wir nicht gegensteuern.
bioPress: Welche Rolle können Verarbeiter und der Lebensmitteleinzelhandel bei einer Transformation des Ernährungssystems spielen?

Brück: Mein Eindruck ist, dass in der Lebensmittelindustrie in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden hat. In den 90er Jahren waren die Unternehmen noch ganz auf Werbung und den möglichst schnellen Verkauf der Produkte fokussiert. Heute sind wir an einem Punkt, wo sie sich Gedanken darüber machen müssen, von wo sie auch in 20 Jahren noch eine ausreichende Kakao-Menge beziehen können. Die Turbulenzen in den letzten Jahren haben die Lebensmittelbranche eine Unmenge an Geld gekostet. Die Erkenntnis ist angekommen, dass wir an Grenzen gestoßen sind. Jetzt zu investieren ist wesentlich günstiger als später reparieren zu wollen, was vielleicht nicht mehr zu reparieren ist.

Politisch werden angesichts der Kriege im Iran und in der Ukraine Ressourcen weg vom Thema Nachhaltigkeit und hin zur Verteidigung gelenkt. Der Klimawandel macht aber keine Pause. Meine Hoffnung ist, dass die Entscheidungsträger in Unternehmen angesichts der aktuellen Dürre in Deutschland vielleicht eine größere Flexibilität an den Tag legen als die Politik.

Bei allen großen Einzelhändlern in Deutschland gibt es Menschen, die wissen, dass man langfristig investieren muss. Die müssen wir dabei unterstützen, die richtigen Argumente und Hebel zu finden, um etwas zu bewegen.

bioPress: Worin sehen Sie die Rolle der Verbraucher und wie können wir sie mitnehmen? Wie bekommen wir es hin, dass faires Verhalten mit seinen Kosten akzeptiert wird?

Brück: Dazu gibt es gerade einen Lichtblick aus dem Einzelhandel: Anfang des Jahres haben wir einen Fünf-Jahres-Vertrag mit Lidl geschlossen. Der Discounter verpflichtet sich dazu, für alle Tafelschokoladen der Eigenmarke einen Aufpreis jenseits der Fairtrade-Prämie zu zahlen. Das wird Lidl ein paar Millionen Euro kosten.

Mit dem Geld können wir ein Programm aufsetzen, in dem die Landwirte beraten werden: für ein besseres Know-how, die Umstellung auf Agrarökologie oder auch das Thema Einkommensdiversifizierung.

Um die Akzeptanz der Verbraucher sicherzustellen, wird der Aufpreis nicht an sie weitergegeben. Die Idee ist, Kunden aus allen Schichten, die vielleicht noch gar nichts mit dem Begriff Fairtrade anfangen können, für das Thema zu sensibilisieren. 

Das Projekt wird allerdings nur erfolgreich sein, wenn die Mitbewerber als Folge nicht in den Preiskampf ziehen. Vor ein paar Jahren wollte Lidl nur noch Fairtrade-Bananen anbieten und musste die Entscheidung am Ende wieder zurücknehmen, weil Edeka und Aldi mit einem Preiskrieg reagiert haben. Mit dem Fünf-Jahres-Vertrag gibt es dieses Mal allerdings kein Zurück mehr. Das beste Szenario wäre, dass sich die anderen Einzelhändler ebenfalls am Programm beteiligen, sodass die Programmkosten sinken. 

Dabei bleibt das zentrale Ziel von Lidl natürlich der Profit. Während der Corona-Pandemie hat sich allerdings auch den Einzelhändlern gezeigt, dass langfristige direkte Beziehungen eine bessere Absicherung für alle Beteiligten bedeuten. Das ist eine sehr spannende Entwicklung.

Interview: Erich Margrander und Lena Renner
 

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