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Behr AG: Gemüse-Spezialist bringt Bio in den LEH

Norddeutscher Lieferant mit viel Potenzial in der Fläche

Behr AG: Gemüse-Spezialist bringt Bio in den LEH
Rudolf Behr

Die Behr AG gehört als traditionsreiches Familienunternehmen zu den wichtigsten Gemüsebaubetrieben in Deutschland. Mit einem Bio-Umsatz von 15 Millionen Euro, rund 600 Hektar Bio-Gemüse und 27 Sorten ist der Produzent heute auch im Bio-Markt vorne mit dabei. Über technisches Know-How und humusreiche Böden kann er seinen Bio-Anbau noch um ein Vielfaches erweitern – wenn die Nachfrage mitmacht.

„Wir sind in erster Linie Bauern“, erklärt Rudolf Behr, der das Familienunternehmen heute in vierter Generation leitet. Von der Jungpflanze bis zur Ernte sei die Firma Behr noch selbst für den Gemüseanbau verantwortlich.

Um das Jahr 1882 ging das Unternehmen mit einem kleinen Gemüseanbau in Rosenweide, südlich von Hamburg, an den Markt. Mit weiteren Standorten in Deutschland und einem Ableger bei Murcia, im Südosten von Spanien, wurde die Fläche im Laufe der Jahre vergrößert. 1998 startete Behr in Mecklenburg-Vorpommern, 50 Kilometer östlich von Hamburg, erstmals mit der Produktion von Bio-Gemüse. Heute wird auch in Rosenweide und Spanien Ökolandbau betrieben.

600 Hektar Bio-Gemüse – weiterer Ausbau geplant

Zirka 20 Prozent seiner Ware baut Behr inzwischen in Spanien an, den Rest in Deutschland – „im Winter liefern wir etwas weniger als im Sommer.“ Zu über 3.000 Hektar Freilandgemüse, die der Betrieb heute konventionell bewirtschaftet, kommen rund 600 Hektar Bio-Gemüse.  Bei steigender Nachfrage könne man die jederzeit erweitern:

800 Hektar Rohfläche würden momentan bereits landwirtschaftlich genutzt und seien bereit für zusätzlichen Bio-Gemüseanbau. Zusätzlich zum EU-Bio-Standard ist die Behr AG nach den Richtlinien des norddeutschen Anbauverbands Biopark zertifiziert.

Das Portfolio für den Bio-Handel umfasst 27 verschiedene Gemüse-Sorten: Salate, Broccoli, Kürbisse, Sellerie, Bohnen, Rote Bete, Ingwer und Topinambur. Das Meiste wird per Stück verkauft – und nach Behrs Wünschen soll das auch so bleiben. Von den Plänen des Umweltbundesamts, den Gemüseverkauf mehr auf Gewicht umzustellen, ist der Unternehmer alles andere als begeistert. „Je größer der Salat ist, desto geschmacklich schlechter!“, betont er. Auch die Vorstellung, mit kleinen Größen Dünger einsparen zu können, sei realitätsfern. „Eine Pflanze entscheidet schon ganz am Anfang, wie groß sie mit den verfügbaren Nährstoffen werden kann“, erklärt Behr. Sind nicht genug Nährstoffe vorhanden, geht die Pflanze sofort in die Vermehrungsphase über, um noch Nachkommen zu zeugen. Zusätzlicher Dünger werde dann gar nicht mehr registriert und ermögliche keine Umplanungen mehr.

Bio-Gemüse im LEH: Neue Nachfrage, alte Strukturen

Vor gut 20 Jahren wurde der Gemüseproduzent von der Rewe angesprochen, ob auch die Lieferung von Bio-Ware möglich wäre. „Mehrere Jahre haben wir damit nur Verluste gemacht“, erinnert sich Behr. Im Fachhandel waren seine Artikel nie vertreten und der LEH war anfangs noch weniger stark im Verkauf von Bio-Gemüse. Dann aber wurde das Geschäft zunehmend lukrativ.

„Aktuell machen wir einen Bio-Umsatz von rund 15 Millionen Euro“, so Behr. Alle seine konventionellen Kunden werden inzwischen auch mit Bio beliefert. Das sind alle deutschen Einzelhandelsketten (mit Ausnahme von Lidl). Trotzdem sieht der Unternehmer beim Blick auf die flächendeckende Versorgung der Deutschen mit Bio-Gemüse Probleme.

„Die Bio-Anbaustruktur lebt von vielen kleinen Betrieben“, meint Behr. Das passe aber nicht zum Konzept des Lebensmitteleinzelhandels, der für größere Käuferschichten auch preislich günstigere Produkte anbieten müsse. „Deutsche Kunden achten sehr genau auf das Preis-Leistungsverhältnis.“ Bei den aktuellen Gegebenheiten griffen trotz des nach Umfragen gestiegenen Nachhaltigkeitsbewusstseins noch zu wenige Konsumenten nach Bio-Gemüse. Wenn man die politischen Ziele des Ökolandbau-Ausbaus erreichen wolle, müsse sich da etwas ändern.

Technische Innovation erleichtert den Bio-Anbau

Momentan liege die preisliche Differenz von Bio und konventionell bei rund 30 Prozent. „Manche Erzeuger kommen damit aus, für andere ist es zu wenig“, schätzt der Großunternehmer ein. Der Bio-Markt habe sich zwar aus der Nische befreit, die Betriebe seien aber nicht ausreichend mitgewachsen.

Manche Innovationen, welche die Arbeit für Bio-Gemüse-Produzenten vereinfachen würden, lohnten sich erst ab einer gewissen Größe: zum Beispiel kameragesteuerte Hackmaschinen zur mechanischen Unkrautbekämpfung oder eine Freiland-Dämpfanlage. Beides hat die Behr AG mittlerweile im Bio-Anbau in Betrieb. Außerdem habe man 2016 die Bewirtschaftung auf ein breiteres 12-Meter-Beetsystem umgestellt. Hierdurch lasse sich die Anzahl der Felddurchfahrten reduzieren, die Bodenerosion verringern sowie die Dünger- und Wassermenge minimieren.

Auf Augenhöhe mit dem Handel

Die meisten Bio-Gemüse-Betriebe verkauften ihre Ware über Hofläden, den selbstständigen Einzelhändler nebenan sowie die Belieferung von Bio-Fachhändlern. In den Vertrieb des übrigen Lebensmitteleinzelhandels gelangten sie nur gebündelt über Verbände, ohne direkten Kontakt zu den Händlern. Das ist bei einem Großbetrieb wie Behr anders, der schon über die konventionelle Ware seine Verbindungen zum LEH pflegt und außerdem große Mengen liefern kann.

„Unsere Ware verfault – das ist ein großes Glück“, meint Behr. Die Konkurrenz aus Übersee, etwa China, ist damit auch für den profitorientierten LEH außen vor. Außerdem kann er sich für Entscheidungen nicht ewig Zeit lassen, weil er sonst keine frischen Artikel mehr bekommt – ein Verhandlungsvorteil für Gemüselieferanten. Die Preise würden, wie im Gemüsemarkt üblich, jede Woche neu verhandelt, was ebenfalls einen engeren Kontakt mit sich bringe, als es in anderen Teilen der Lebensmittelbranche der Fall ist.

Die größten Kosten im Bio-Bereich entstünden Behr durch die Bezahlung der Arbeitskräfte. Auch in puncto Verpackung müsse man einen höheren Aufschlag einrechnen als im konventionellen Bereich, weil auf dem Bio-Markt kleinere Verpackungseinheiten erwünscht sind.

Dünger ist nicht gleich Humus

Bei der Düngung legt die Behr AG viel Wert auf Kompost und Grünschnitt. Auch Kuhmist und Haarmehlpellets werden von den Landwirten verwendet. Der Vorstandsvorsitzende warnt jedoch da-vor, organische Dünger in Bezug auf den Nährstoffgehalt zu hoch zu bewerten. „Das Wort Bodenfruchtbarkeit ist vielen gar nicht mehr bekannt“, so Behr. Das Bodenleben brauche Bakterien für seinen Stoffwechsel und Humus bleibe der beste CO2-Speicher.

„Jeder, der etwas isst, betreibt damit erstmal Raubbau – er bringt nichts zurück auf den Acker.“ Früher hätten die Leute in den Städten ihre Exkremente noch auf die umliegenden Gemüsefelder getragen. Wer heute vom Kreislauf der Natur spreche und dann mineralisch gedüngte Masse für den Bio-Anbau verwende, belüge sich damit selbst. Jedes Reh sei in seiner Lebensweise umweltfreundlicher als der Mensch.

Die Wende braucht viel Know-How

„Wir brauchen intensive Landwirtschaft und gleichzeitig intensiven Naturschutz“, meint der Unternehmenschef. „Die Natur schafft das nicht von alleine, nachdem wir schon so stark eingegriffen haben.“ Toter Boden, der über Jahre ausgebeutet wurde, brauche eine sehr lange Zeit, bis er sich erholt hat und wieder eine gesunde Grundlage zum Pflanzenwachstum biete. Auf der anderen Seite stünde die stetig wachsende Weltbevölkerung, für die eine nachhaltige Lebensmittelproduktion sichergestellt werden müsse. Viel Wissen und Know-How sei nötig, um das zu schaffen. Die Bio-Bewegung könne die Wende nicht alleine bewerkstelligen und brauche Unterstützung von anderen Teilen der Gesellschaft.

In puncto Natur- und Landschaftsschutz ist die Behr AG in Norddeutschland bereits divers engagiert. Über 150 Hektar an Blühstreifen und -wiesen unterhält das Unternehmen mittlerweile in Zusammenarbeit mit ortsansässigen Imkern. Dazu kommen 1,5 Hektar Wald sowie aus der Produktion genommene Ackerflächen als natürliche Rückzugsräume für Vögel und Insekten. Zwei Hektar Fläche wurden nach UNESCO-Richtlinien als Biosphärenreservat angelegt.

Trotz seines kritischen Blicks auf die Krisenlage von Umwelt und Landwirtschaft bleibt Behr optimistisch: „Wenn das Wasser bis zum Hals steht, kann man besser plantschen.“ Das sei für den Menschen der optimale Zustand, um ins Handeln zu kommen und schnelle Veränderungen umzusetzen.

Lena Renner


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