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Ernährung

Stachel im Fleisch

Verdreht: Vegetarier und Veganer propagieren Tierprodukt

Stachel im Fleisch © Mosa Meat

Eine neue Sau wird durchs Dorf getrieben: die zelluläre Landwirtschaft. Sie produziert aus Zellkulturen eine Substanz, die sogar Fleischverächter bewerben. Der Verein ProVeg etwa, der sowohl Veganer als auch Vegetarier vertreten will, initiierte das Cell- Ag-Projekt. Es soll „Bewusstsein und Akzeptanz für zelluläre Landwirtschaft schaffen“. Doch wie so oft – es ist nicht immer alles Speck, was glänzt.

Die Geschichte der zellulären Landwirtschaft ist wenig appetitanregend. Ursprünglich wurden solche Zellen gezüchtet, um sie etwa bei schweren Verbrennungen als künstliche Haut zu transplantieren. Auch sind die technischen Grundlagen naturfern: Am Anfang der Zucht stehen tierische Stammzellen, die allerdings schmerzfrei entnommen werden.

Die unbestimmten Stammzellen können unter anderem zu Muskelfasern heranwachsen, wobei der Euphemismus 'Clean Meat' seine schmutzige Seite offenbart: Als Nährlösung für die Zellen verwendet etwa der Hersteller Eat Just fetales Kälberserum (FKS). Diese Nährlösung wird bereits seit den 1950er-Jahren verwendet, um Zellwachstum in Gewebekulturen zu fördern. Seine Gewinnung erinnert an Schauermärchen der Qanon-Sekte: Direkt nach der Schlachtung wird der schwangeren Kuh der Fötus entnommen, aus dessen Herz das Blut abgesaugt wird. Ob das Kalb noch lebt, ist nach einer Untersuchung  des Recherchezentrum Correctiv umstritten, doch dass es innerhalb von 20 Minuten im Mutterleib erstickt, macht es nicht besser. Allerdings gibt es pflanzliche Alternativen, zu denen auch Eat Just laut eigener Ankündigung bei der nächsten Produktionslinie wechseln will.

Besser als Tofu?

Selbst wenn man Kunstfleisch tierfreundlicher produziert, bleibt die Frage, was daran besser als Tofu, Seitan oder –für Ovo-Vegetarier – Eier ist. Das Interesse an ihm wird deutlicher, wenn man seine Geschichte nachverfolgt. Erste Ansätze, die 2002 veröffentlicht wurden, sollten Astronauten auf einer Marsmission mit einer platzsparend nachwachsenden Proteinquelle versorgen. Ausgangsmaterial hierfür war noch Fischgewebe, das Ziel ist noch heute ähnlich: angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung bei schrum- pfenden Böden die Ernährung zu sichern.

Ein Pionier für vaskuläre Physiologie, Professor Mark Post von der Universität Maastricht, untersuchte ursprünglich die Heilung von Herzgewebe. Seine ersten Versuche, einen In-Vitro-Burger zu kreieren, finanzierte Google-Mitgründer Sergey Brin. Andere prominente Unterstützer waren etwa Kimbal Musk (der Bruder von Elon Musk), Bill Gates förderte die Firma Memphis Meats. Der Microsoft-Gründer und Vegetarier Gates weist auf das zweite Argument hin, das ProVeg anführt, um die Zellkulturen zu bewerben: Es bringe Fleischesser dazu, weniger oder sogar keine Tiere leiden zu lassen, um ihr Steak auf den Teller zu bekommen.

Wer sein Schnitzel liebt, wird sich freilich kaum mit einem geschmacksneutralen Zellklumpen abspeisen lassen. Den ersten 2013 präsentierten In-vitro-Rindfleischburger  beurteilten die beiden Testesser als in der Textur fleischähnlich, aber nicht so saftig. Auch sei der Geschmack nicht allzu intensiv gewesen. Weniger freundlich formuliert: Er war trocken und geschmacksarm, was angesichts der Produktionskosten von zirka 330.000 Dollar dürftig erscheint. Damit das Resultat schmeckt, muss es mit Aromen aufgepimpt werden. Da ihm zudem Fettgewebe fehlt, müssen die Produzenten auch dieses hinzufügen.

Fleischbrauerei

Die Bezeichnung 'Laborfleisch' wird gern von den Verfechtern des 'Clean Meat' abgelehnt. Es sei vielmehr mit Bier zu vergleichen, das auch mittels Zusatz von Ferment heranreift. Dr. Kurt Schmidinger, Lebensmittelwissenschaftler  und Gründer des Projektes 'Future Food' zieht daher den Namen 'Fleischbrauerei' vor. Doch würde ein Brauhaus mit fetalem Blut arbeiten, würde sicher niemand das Gebräu trinken. Selbst wenn hierfür ein Ersatz gefunden wird, darf man sich keinen fröhlich blubbernden Bottich vorstellen.

Dies führt zum dritten Pro-Argument für Kunstfleisch: Aufzucht und Verarbeitung brächten anders als eine Rinderherde kaum Treibhausgas und keine Methangase mit sich. Es ist allerdings abzuwarten, ob der prognostizierte geringe Energieverbrauch zutrifft. Die Umweltingenieurin Carolyn Mattick von der University of West Florida schrieb in ihrer Studie 'Zelluläre Landwirtschaft: Die kommende Revolution in der Lebensmittelproduktion', dass die zelluläre Landwirtschaft sogar mehr Energie benötige als die herkömmliche Viehzucht, um die gleiche Masse hervorzubringen. Dem entgegen zitiert progressive-agrarwende.org unter dem Titel 'Kultivieren statt Schlachten?' drei Studien, nach denen die neue Technik "höchstwahrscheinlich deutlich besser abschneidet".

Die zelluläre Landwirtschaft müsse laut Mattick fast sämtliche biologischen Strukturen simulieren, etwa die Haut als Temperaturregler oder den Nährstoff- und Sauerstoffkreislauf der Adern und Organe. Damit beispielsweise statt eines Zellklumpens eine faserige Fleischstruktur entsteht, ist ein feines Skelett nötig, auf dem die Zellen wachsen. Als ein Verfahren werden Spinatblätter so behandelt, dass nur die Blattadern übrigbleiben. Doch je dicker die Zellschicht wird, umso weniger Nährlösung gelangt in sie – es fehlen die Blutgefäße. Stärkeres Wachstum gelingt also nur mit technischem Aufwand.

Nicht zuletzt besitzt ein Rind, das nach Öko-Richtlinien gehalten wird, Abwehrkräfte gegen Bakterien und Viren. Das künstliche Fleisch muss während seines gesamten Wachstums vor ihnen geschützt werden. Diese Probleme zeigen: Die Technik ist eben nicht gleichzusetzen mit der veganen Milchalternative aus Hafer oder dem Fermentationsprozess von Bier.

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Nachdem 2013 der erste In-Vitro-Burger das Licht der Welt erblickt hatte, folgten erste Firmengründungen. Finless Foods züchtet seit 2016 fischähnliche Zellen, um den Raubbau in den Meeren zu stoppen. Ebenfalls 2016 kam Memphis Meats mit Fleischbällchen, dann mit Backhähnchen und Ente à l’orange heraus. Die Firma Hampton Creek stellt seit 2011 Eier-Ersatz her, und benannte sich später in Eat Just um. Im Dezember 2020 wurde ihr gezüchtetes Hühnerfleisch in Singapur zugelassen.
Die Zahl der Start-Up-Unternehmen steigt mittlerweile kräftig an. Bemerkenswert ist, dass auch Großkonzerne an der Technik interessiert sind. Zwei Konzernriesen im Bereich Tierprotein sind Cargill und Tyson Foods, die in Memphis Meats investieren. Diese handeln ganz sicher nicht aus dem Idealismus heraus, Tierleid oder CO2-Ausstoß zu mindern.

Patentrezepte

Fakt ist: In-Vitro-Fleisch ist auch in größerem Stil herstellbar, und bei der richtigen Nährlösung muss kein Tier dafür leiden. Doch das technisch Machbar erschien schon allzu oft als Königsweg und entpuppte sich als Schritt in die falsche Richtung. Anfangs wurden Atomkraft, Gentechnik und industrielle Landwirtschaft bejubelt, dann folgte Ernüchterung oder gar blankes Entsetzen. Ebenso wenig gibt es Patentrezepte, um das Fleischproblem zu lösen.

Nüchtern betrachtet sind weltweit 1,4 Milliarden Menschen übergewichtig, während laut Welthungerhilfe zwei Milliarden mangelernährt sind. Diese Ungleichheit zu bekämpfen, erfordert politische und wirtschaftliche Anstrengungen, und keine Wunderkuren, ähnlich sieht es etwa mit der Bodenpflege in der Landwirtschaft aus. Kurz:  Eine tier- und klimafreundliche Ernährung verlangt nach vielschichtigen Lösungen, die gemeinsame Anstrengungen erfordern. In einer Petrischale wird man sie nur schwerlich finden.

Dirk Hartmann

 

Die zelluläre Landwirtschaft wird unter Experten kontrovers diskutiert. bioPress fragte vier von ihnen, was sie auf die Argumente der Befürworter antworten.

Felix Prinz zu Löwenstein, Berater der Zukunftskommission Landwirtschaft
bioPress: Der Biolandbau wird angesichts der Klimakrise an seine Grenzen stoßen: Selbst dessen humose Böden und ausgeklügelte Fruchtfolgen werden eventuell nicht immer dagegen ankommen. Inwieweit könnte das In-vitro-Fleisch eine Antwort darauf sein?
Felix Prinz zu Löwenstein: Ausschließlich eine Landwirtschaft, der es gelingt, ihre Bodenfruchtbarkeit zu steigern, wird in der Lage sein, mit den Folgen der Klimakrise fertig zu werden. Dann sind Böden in der Lage, auch bei Starkregen-Ereignissen Wasser aufzunehmen und es für Trockenzeiten zu speichern. Der Einsatz von Mist und die Beweidung durch Wiederkäuer ist ein wichtiges Element in dieser Bodenpflege. In-vitro-Fleisch trägt dazu nichts bei!
bioPress: Entwicklungsländer können zwar Bio anbauen, stoßen aber bei der Infrastruktur auf Probleme, weswegen etwa Getreide und Fleisch verrotten. Eine lokal produzierende Zelluläre Landwirtschaft ist möglicherweise eine Lösung.
Felix Prinz zu Löwenstein: In der Tat steckt in der Vermeidung von Lebensmittel-Verderb (‚post harvest losses‘) in Entwicklungsländern und Lebensmittelverschwendung in Industrienationen ein ganz entscheidender Hebel dafür, ob es möglich ist, auf Dauer eine wachsende Weltbevölkerung mit ausreichend ökologisch erzeugten Lebensmitteln zu versorgen. Dafür braucht es Investitionen in Lagerung, Transport, Kühlketten et cetera, aber keine teure Hochtechnologie, die Kunstprodukte hervorbringt, die ihrerseits ganz genauso bakteriell zersetzt werden und dadurch verderben können wie herkömmliche Nahrungsmittel. Es gibt keinen Grund, jede Art von Lebensmitteln nicht auch verbrauchernah zu erzeugen. Das Beispiel der Millionenstadt Belo Horizonte in Brasilien zeigt, wie eine ökologische Landwirtschaft rund um die Stadt herum, die man intelligent mit der Bevölkerung verknüpft, Hunger erfolgreich eliminieren kann.
bioPress: Es ist aufwendig, Zuchtlinien zu entwickeln, die eine artgerechte Tierhaltung erlauben. Wäre es nicht einfacher und konsequenter, gleich auf In-vitro-Zucht zu setzen?
Felix Prinz zu Löwenstein: Genau hierum geht die Diskussion: Wofür sollen eigentlich Forschungsmittel eingesetzt werden? Für Molekulargenetik und Kunstfleisch und damit für Patente oder für eine systematische Agrar- und Ernährungsforschung, die einen produktiven, Input-armen, sich an den Organisationsprinzipien natürlicher Systeme orientierenden Ansatz entwickelt? Denn auch Forschungsgelder kann man nur einmal ausgeben. Angesichts all dessen, was wir schon mit Technologien angerichtet haben, die maximal weit von natürlichen Systemen entfernt funktionieren, wäre es intelligent, Forschungsgeld in Letzteres zu investieren. Bis jetzt geschieht das nur in homöopathischen Dosen!
Dass all das zu einer grundsätzlich veränderten weil artgerechten Tierhaltung, zu Fleisch-Preisen, die die Wahrheit sprechen, und damit zu einem stark verminderten Fleischkonsum führen würde, wissen wir längst. Und nichts Besseres könnte für Tier, Mensch und den Planeten passieren!
bioPress: Unter welchen Voraussetzungen könnten Sie sich vorstellen, In-vitro-Fleisch auf der Messe Biofach zu präsentieren?
Felix Prinz zu Löwenstein: Ökologische Lebensmittel sollen so naturbelassen wie möglich sein. Ernährungswissenschaftler erkennen immer mehr, welchen Schaden hoch verarbeitete und mit mannigfachen künstlichen Zusatzstoffen versehene Lebensmittel an unserer Gesundheit verursachen. Weil die Interaktion zwischen dem Biom des Bodens, dem der Tiere und dem der Menschen eine so große, erst in neuester Zeit ins Bewusstsein rückende Bedeutung hat, zeigt sich, dass es keineswegs Ideologie ist, wenn Bio-Gemüse in gewachsenem natürlichem Boden erzeugt werden muss und nicht im künstlichen Substrat. ‚Keimfrei‘ erzeugtes Fleisch – oder auch Salat –, abgekoppelt von diesen unendlich komplexen und mit Milliarden von Organismen verbundenen Wirkungszusammenhängen, ist eine echte Gefahr für unsere Gesundheit. Die explosionsartig anwachsenden Nahrungsmittelunverträglichkeiten sollten uns eine Warnung sein! Sie muss man im Zusammenhang mit einer Veränderung unserer Nahrung in den letzten zwei Generationen sehen, die alles an Veränderung übersteigt, was unsere Ernährung in den letzten 10.000 Jahren durchgemacht hat. In-vitro-Fleisch gehört nicht auf die Biofach, sondern ins Gruselkabinett!

 

Jan Plagge, Präsident Bioland
bioPress: Bei der Bundesdelegiertenkonferenz 2020 sagten Sie: „Das Vorurteil des Klimakillers Kuh ist widerlegt“. Die Aussage galt allerdings nur für den Biobereich. Aber solange nicht jeder konventionelle Landwirt zumindest nachhaltig wirtschaftet, könnte die Zelluläre Landwirtschaft noch vorteilhafter als Bio sein. Ebenso könnten künstliches Hühnerfleisch und Eierersatz das Problem des Kükenschredderns lösen. Sehen Sie hier eine Berechtigung für die neue Technik?
Jan Plagge: Wir brauchen einen echten Systemwechsel, der hinführt zu einer vollständigen ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft. Auf dieses Ziel hinarbeitend sollten wir unsere Kräfte bündeln. Schon mit der industriellen Tierhaltung haben wir uns vollkommen entkoppelt von einer für uns, unsere Mitgeschöpfe und den Planeten gesunden Tierhaltung und Ernährung. Die zelluläre Landwirtschaft löst keines unserer komplexen Probleme – wichtige Wechselwirkungen werden hierbei völlig ausgeblendet.
Wiederkäuer auf der Weide haben ein artgerechtes Le- ben und artenreiches Grünland ist elementar für den Klimaschutz und die Biodiversität. Insofern trägt insbesondere auch die Weidehaltung zum Erhalt eines gesunden landwirtschaftlichen Kreislaufs bei. Zudem löst die zelluläre Methode das Problem der Fehlernährung durch zu viel Fleisch nicht, sondern könnte dieses durch billigere Preise sogar noch verstärken.
bioPress: Sie waren bereit, neue Wege etwa zusammen mit Lidl zu beschreiten. Was hindert Sie daran, auch mit der Zellulären Landwirtschaft Grenzen zu überschreiten?
Jan Plagge: Bei der Partnerschaft mit Lidl ging es uns darum, noch mehr Verbraucher*innen vom heimischen Bioland-Angebot zu überzeugen und einen Beitrag zur Umstellung der Regale und des Konsums insgesamt zu leisten. Das sehen wir als Teil des Weges, mit dem wir unsere Bioland-Ziele erreichen. Die zelluläre Landwirtschaft hingegen ist für mich ein Irrweg, der die Menschen eher noch weiter von einem Leben im Einklang mit Natur und unseren Lebensgrundlagen entfernt.
Eine zukunftsfähige, nachhaltige Landwirtschaft gelingt durch den sukzessiven Ausbau von Bio, möglichst kurze regionale und faire Wertschöpfungsketten und naturnahe Erzeugung ohne den Einsatz von chemisch-synthetischen Stickstoff-Düngern oder Gentechnik. Nur so können wir die natürlichen Lebensgrundlagen für die kommenden Generationen bewahren. Im Übrigen ist der Bio-Ausbau von politischer Seite auch gewollt: EU, Deutschland und viele Bundesländer haben Öko-Flächenziele definiert, auf die es nun hinzuarbeiten gilt. Diese Zielsetzungen stehen auf einer wissenschaftlichen Basis, welche die systemischen Vorteile einer breiten Umstellung auf Bio nachgewiesen hat.

 

Steffen Reese, Geschäftsführer Naturland
bioPress: Ein wichtiger Bestandteil von Naturland ist der faire Handel. Was könnte fairer sein, als etwa in Sierra Leone eine zelluläre Fleischfabrik zu errichten, die den lokalen Eiweißbedarf deckt. Dann wären auch mehr Kapazitäten frei für die dortige Landwirtschaft. Wie sehen sie diesen fairen Ansatz?
Steffen Reese: Es ist schon bemerkenswert, dass der Welthunger immer dann als Argument bemüht wird, wenn es darum geht, Methoden der industriellen Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion als quasi ‚alternativlos‘ zu rechtfertigen. Dabei hat der Weltagrarbericht bereits 2008 festgestellt, dass mehr als 70 Prozent der Weltbevölkerung durch kleinbäuerliche Landwirtschaft ernährt werden. Sie schafft mehr Arbeit als die industrielle Landwirtschaft – und damit auch mehr Einkommen. Und genau das ist der beste Beitrag gegen Hunger. Deshalb sehen wir es bei Naturland als unsere Aufgabe an, kleinbäuerliche Familien weltweit zu unterstützen und ihnen Einkommensperspektiven zu bieten.
Um Ihr Beispiel Sierra Leone aufzugreifen: Dort zertifiziert Naturland seit vergangenem Jahr eine Kooperative mit 36.000 Mitgliedern, die auf einer Fläche von durchschnittlich einem Hektar pro Familie Bio-Kakao anbauen. Diese Menschen brauchen keine Fleischfabrik, sondern faire Absatzmöglichkeiten für ihre Erzeugnisse.
bioPress: In-vitro-Alternativen könnten Bio-Betriebe gewissermaßen entlasten, damit diese wieder ihre Kernbereiche pflegen können. Können Sie sich zumindest eine Koexistenz vorstellen?
Steffen Reese: Der Öko-Landbau denkt und arbeitet in natürlichen Kreisläufen. Dabei geht es um die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen gesunder Ernährung, Umwelt- und Klimaschutz und Artenvielfalt. Und es geht um artgerechte Tierhaltung, denn ein gewisses Maß an Tierhaltung gehört zum ökologischen Kreislauf notwendig dazu. Was wir brauchen, ist ein ökologischer Umbau unserer gesamten Landwirtschaft, mit weniger und dafür artgerechter Tierhaltung. Laborfleisch und Gentechnik helfen uns dabei keinen Schritt weiter, im Gegenteil: Wer Fleischfabriken das Wort redet, ignoriert die natürlichen Kreisläufe, nur damit sich unser übertriebener Fleischkonsum nicht ändern muss. Andersherum wird ein Schuh draus: Wir müssen nicht nur die Landwirtschaft umstellen, sondern auch uns selbst, also weniger Fleisch essen, dafür aber in besserer, nämlich in Bio-Qualität.
bioPress: Ähnliches gilt für den Fischfang. Ihn zertifiziert Naturland seit 2008 und unterstützt zudem Bio-Aquakulturen seit den 1990er Jahren. Künstliches Fischfleisch etwa von ‚Finless Foods‘ könnte auch hier den Markt so entlasten, dass die Schleppnetzfischerei entfällt. Würden Sie das als ernsthafte Chance begrüßen, um die Überfischung zu bekämpfen?
Steffen Reese: Die ökologische Aquakultur, die in den 1990er Jahren von Naturland federführend mitentwickelt wurde, leistet genau diesen Beitrag bereits – als ein wesentlicher Baustein, um Fisch als gesundes und nachhaltiges Lebensmittel in die Zukunft zu bringen. Und auch hier gilt, wie beim Fleisch: weniger und dafür besser. Es muss nicht jeden Tag Lachs sein, aber wenn, dann bitte Bio.
Der zweite Baustein ist der Fischfang selbst, der gerade in vielen ärmeren Ländern des Südens tatsächlich einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung der Menschen mit hochwertigem Eiweiß leistet. Wirklich nachhaltiger Fischfang ist also weiterhin notwendig – und er ist auch möglich! Dass heute ein Drittel der weltweiten Bestände überfischt sind, liegt vor allem an ungenügender Regulierung oder schlicht illegaler Fischerei, schlechtem Fischerei-Management und destruktiven Fangmethoden.
Wie es besser geht, zeigen wir mit Naturland Wildfisch: eine Zertifizierung nach Maß, in der jedes Fischereiprojekt einzeln betrachtet und in einem transparenten Prozess gemeinsam mit Behörden, Wissen- schaft und Umweltschutzorganisationen bewertet wird. Das ist unser Beitrag als Naturland.
bioPress: Noch beherrschen kleine Start-Ups die Szene, bald werden aber Giganten wie Tyson Foods weiter in den Markt vordringen. Diese transportieren Botschaften, die schon jetzt in der Öko-Szene verfangen: Wir sind nachhaltig, wir sind tierfreundlich, wir können regional produzieren. Wie positionieren Sie sich als Naturland Verband gegenüber Tierrechtlern oder Klimaaktivisten, die dem zustimmen?
Steffen Reese: Man sollte sich immer eine gewisse Offenheit für neue Lösungsansätze bewahren. Auch der Öko-Landbau ist ja keine abgeschlossene Lehre, sondern wird beständig weiterentwickelt. Aber wenn ausgerechnet die Industrie uns einfache Lösungen für komplexe Probleme anpreist, dann sollten eigentlich jede Klimaaktivistin und jeder Tierrechtler aufhorchen. Wer vor komplexen Problemen steht, ist gut beraten, sich das gesamte System anzuschauen. Genau das tut der Öko-Landbau seit vielen Jahrzehnten mit sichtbarem Erfolg – auf dem Acker, im Stall und im Markt. Ich kenne kein anderes Zukunftskonzept für unsere Landwirtschaft und Ernährung, von dem man das sagen könnte. Also lasst uns den Öko-Landbau endlich richtig in die Breite bringen.

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