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Ernährungswende

Weg vom Import, hin zur Nachhaltigkeitsbilanz

Öko-Wahlomat und Transformationsgespräche auf der BÖLW-Jahrestagung

Weg vom Import, hin zur Nachhaltigkeitsbilanz
(v.l.o.n.r.) Swenja Rosenwinkel (Kornwerk für die regionale Biodiversität), Melanie Speck (Wuppertal Institut), Volker Krause (BÖLW-Vorstand und Inhaber der Bohlsener Mühle), Marcus Wewer (BÖLW-Vorstand und Rewe-Referent), Reinhild Benning (Deutsche Umwelthilfe), Folkhard Isermeyer (Thünen-Institut) und Moderatorin Johanna Böll (Regionalmanagerin der Bio-Musterregion Heidenheim plus)

Im Superwahljahr lud der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) am Mittwoch zu einer Online-Jahrestagung mit ‚Öko-Wahlomat‘. Vertreter der Bundestagsparteien CDU, SPD, FDP, Linke und Grüne erklärten ihre Vorstellung einer nachhaltigen Agrarpolitik. Dazu diskutierten Praktiker aus der Bio-Lebensmittelproduktion und Nachhaltigkeitsexperten über den Umbau der Lebensmittelwirtschaft.

Alle Parteienvertreter sprachen sich für den Ausbau des Ökolandbaus aus. Alois Gerig von der CDU erklärte es zudem als wichtiges Anliegen, die Lebensmittelproduktion in Deutschland zu erhalten. Wir seien in der Landwirtschaft zur Importnation geworden. Der SPD-Abgeordnete Rainer Spiering differenzierte, neben intensivem tierischen Export, gebe es vor allem einen extremen Soja-Import. Ziel müsse es sein, einen Systemwandel hin zur Ernährungssouveränität zu erreichen. Mit Hilfe der öffentlichen Hand als Nachfrager wäre es möglich, die Produktführerschaft im eigenen Land zu übernehmen: So sollten in staatlichen Mensen und Kantinen regionale Produkte und weniger Fleisch angeboten werden. „Bio, regional und saisonal müssen zum Ausschreibungskriterium in der öffentlichen Verpflegung werden“, stimmte Grünen-Abgeordnete Renate Künast zu. Import führe zu niedrigeren Standards und unterstütze oft den Raubbau an Umwelt und Menschen.

Auch Carina Konrad von der FDP, die mit ihrer Familie selbst einen Hof bewirtschaftet, betonte die Wichtigkeit, regionale Vermarktungsstrukturen zu erhalten. Diese seien etwa im Bereich der Schlachthöfe bereits sehr ausgedünnt. Ein Schwerpunkt der Politik müsse zudem darauf liegen, den Ökolandbau flächeneffizienter zu machen – durch Forschung und Entwicklung. Auch dem Bildungssektor komme eine wichtige Rolle in puncto richtiger und nachhaltiger Ernährung zu.

Preispolitik – fair für Erzeuger und Verbraucher

Linken-Fraktionsvorsitzende Amira Mohamed Ali wies darauf hin, für Menschen mit niedrigem Einkommen sei es schwierig, sich Bio-Produkte zu leisten – oder insgesamt Lebensmittel. Die Schlangen vor den Tafeln würden immer länger. Wir bräuchten deshalb höhere Löhne und Sozialleistungen.

Bei einer Publikumsbefragung gewannen die ‚Wahren Preise‘ als wichtigstes Thema für eine nachhaltige Agrarpolitik. Dafür sei eine Kombination aus Fördergeldern und faireren Preisen nötig, meinte CDU-Politiker Gerig. „Die Verbraucherpreise müssten gar nicht steigen“, betonte Linken-Politikerin Ali. Das meiste erwirtschaftete Geld bliebe im mächtigen Lebensmitteleinzelhandel und in Großschlachtereien hängen. Durch das Kartellrecht müsse man deren Marktmacht brechen und den Erzeugern so ein anständiges Einkommen garantieren. Außerdem sollten nicht die größten, sondern nachhaltige Produzenten gefördert werden.

Das will auch die von den Grünen verfochtene Gemeinwohlprämie erreichen. Künast erklärte, wie ein einfaches Punktesystem nachhaltige Leistungen honorieren und Subventionen legitimieren könnte. Dadurch würden die Lebensgrundlagen – Boden, Biodiversität und Klima – erhalten und gleichzeitig die Ernährung gesichert.

Regionale Strukturen wiederherstellen

Im zweiten Block der Veranstaltung lag der Fokus auf den Herausforderungen einer nachhaltigen Lebensmittelwirtschaft. Für die Ernährungstransformation müsse die gesamte Wertschöpfungskette umgebaut werden, sagte BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig zur Einführung. Die Lebensmittelverarbeitung sei dabei ein entscheidender Schlüssel. 90 Prozent der Betriebe des regionalen Lebensmittel-Handwerks, wie Molkereien und Bäckereien, seien leider in den letzten Jahren verloren gegangen. In puncto Bio sei bei Fleisch, Bier und allgemein verarbeiteten Produkten in Deutschland noch Aufholbedarf, fügte Marcus Wewer, BÖLW-Vorstand und Referent Ökologischer Landbau bei Rewe, hinzu.

Gegen diese Entwicklung stellen sich Start-ups, wie das vor zwei Jahren von Swenja Rosenwinkel mitgegründete Kornwerk für die regionale Biodiversität aus Berlin. In ihrem Haferdrink werden nur regional und biologisch angebaute alte Sorten verwendet. Zudem lege man Wert auf die Zusammenarbeit mit kleinen Landwirten.

„Strukturen wieder aufzubauen ist viel schwerer, als sie zu zerstören“, merkte Volker Krause, BÖLW-Vorstand und Inhaber sowie Geschäftsführer der Bohlsener Mühle, an. Schon seit Jahrzehnten setzt sich der Bio-Getreideverarbeiter für regionale Wertschöpfungsstrukturen ein und beteiligt sich am Aufbau des Bio-Markts. „Aber wir sind viel zu langsam“, klagte Krause. Die Politik sollte die dynamische Entwicklung erforschen und beschleunigen.

Nachhaltigkeit bilanzieren und honorieren

Die Bohlsener Mühle ist Partner im Projekt QuartaVista, das vom Bundesarbeitsministerium gefördert wird und die Gemeinwohlleistungen eines Unternehmens quantifizieren und bilanzieren will. Die finanzielle Erfolgsrechnung soll so um die Dimensionen Ökologie, Wissen und Gesellschaft erweitert werden. Krause verspricht sich davon einerseits ein besseres innerbetriebliches Bewusstsein – andererseits könnte die neue Bilanz auch Maßstäbe für die Förderung von Betrieben und Steuervergünstigungen setzen.

In der GRW (Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur), dem wichtigsten Instrument zur Wirtschaftsförderung von Bund und Ländern, kommt der Begriff Nachhaltigkeit kein einziges Mal vor. Selbst die Bohlsener Mühle als fest verwurzeltes Bio-Unternehmen sei bei der Förderung zuletzt „gerade so durchgerutscht“, bemängelte Krause. Für die Förderung von Start-ups sei die GRW überhaupt nicht geeignet. Sie müsse daher dringend nachjustiert werden und auch Nachhaltigkeitskennzahlen mit einbeziehen, wie sie QuartaVista liefern könne.

Folkhard Isermeyer vom Thünen-Institut hält eine unterschiedliche Besteuerung anhand von QuartaVista für „extrem schwierig“. Dazu müsste jeder einzelne Indikator justiziabel sein. Fördergelder zu bewilligen sei dagegen schon einfacher.

Reinhild Benning von der Deutschen Umwelthilfe unterstützt Krauses Modell. „Wir brauchen neue Ziele und Werte für mehr Nachhaltigkeit“, betonte sie. Während Biobetriebe regionale Lieferketten wieder aufgebaut hätten, erhielten die großen Player Millionen Fördergelder. Dabei müsse ihre enorme Marktmacht gebrochen werden.

Dass viele Unternehmen auch zunehmend ernsthaftes Interesse an Nachhaltigkeit zeigen, erzählte Nachhaltigkeitsexpertin Melanie Speck vom Wuppertal Institut. Immer mehr wollten sich dazu beraten lassen und ein gutes Nachhaltigkeits-Management aufbauen – auch als Wettbewerbsvorteil.

„Besonders engagierte Unternehmen verkaufen oft auch teure Produkte“, sagte Marcus Wewer und kam damit wieder auf das Problem der Wahren Preise zurück. Es brauche einen Systemwechsel weg von externalisierten Kosten – auch in der Lebensmittelindustrie.

Lena Renner


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