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Schlachthausskandal trifft auch Bio-Company

Der aktuelle Tierquälerskandal in Neuruppin bringt die Bio Company Tochter und Fleischlieferant Bio Manufaktur Havelland in Erklärungsnot. Noch vor zwei Jahren, bei einem Schlachthofskandal in der Nachbarschaft, war man sich bei Bio Company sicher: Die Schlachtungen für ihr Fleisch seien sicher! Jede Betäubung sollte von einem Veterinärarzt begleitet, dokumentiert und bestätigt werden.

Auch viele Kontrollen rund ums Jahr nutzten nichts. Videos von Aktivisten des Deutschen Tierschutzbüros dokumentieren jetzt schlimmste Zustände im Schlachthof Emil Färber in Neuruppin. Bis zehn Prozent der Schlachtungen sind dort Bio-zertifiziert und für die 60 Filialen des Berliner Bio-Supermarktbetreibers Bio Company bestimmt. Jetzt wurde der Schlachthof erstmal geschlossen.

Die täglichen Schlachtungen am Fließband ließen die Mitarbeiter in ihrer Arbeit verrohen. Tiere wurden nicht nur mit Füßen und Haken geschlagen. Es gibt auch etliche Aufnahmen von schon am Fleischhaken aufgehängten aber sich noch bewegenden Tierkörpern. Die Tierrechtler gehen von einer Fehlbetäubung bei 40 Prozent der Tiere aus. Mehrere Schlachthofmitarbeiter wurden von der Geschäftsführung entlassen und angezeigt. Das zuständige Veterinäramt hat zwei Angestellten die Schlachterlaubnis entzogen.

Zu wenige Kontrollbesuche waren wohl nicht das Problem. Das Deutsche Tierschutzbüro weist darauf hin, dass es im Neuruppiner Schlachthof keine Fixiermöglichkeiten im Betäubungsbereich gebe. Die Schweine werden, wie traditionell in Schlachthäusern üblich, in Gruppen in Betäubungsbuchten getrieben. Dort wird mit einer Elektrozange eine Betäubung am Kopf vorgenommen und die Tiere sollen dann direkt getötet und ausgeblutet werden. Wie hier vorgegangen werden soll, dafür gibt es ausführliche Regelwerke.

So empfiehlt das Handbuch Tierschutzüberwachung (AG Tierschutz der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz (LAV)Stand, Januar 2014), bei der Schlachtung und Tötung nicht mehr als zwei Schweine in einer Bucht von drei Quadratmetern bei Liegendentblutung und maximal vier Schweine in einer Bucht von sechs Quadratmetern bei Hängendentblutung. Die Betäubungsbuchten dürften nicht zu groß sein, aber es müsse genug Raum zum sicheren Hantieren mit der Zange vorhanden sein.

Die vom Tierschutzbüro veröffentlichten Videos aus Neuruppin zeigen bis zu zehn Schweine auf einmal in der Betäubungsbucht. Im dichten Gedränge war es nicht möglich die Elektrozange ruhig und zielgerichtet anzusetzen. Jetzt soll laut Schlachthofleitung eine Videoüberwachung installiert werden, also Arbeit unter Dauerbeobachtung. Die Biomanufaktur Havelland scheint auch in diese Richtung zu denken: „Da Misshandlungen offensichtlich außerhalb der Kontrollen dennoch stattfinden, werden wir in Zukunft das höchstmögliche Maß an Überwachung auch vertraglich festlegen.“

Was fehlt, sind Investitionen in entsprechende bauliche Strukturen und eine gut durchdachte Infrastruktur für weitgehend schmerz- und stressfreie Schlachtungen – auch bei Anwendung der Elektrozange. Anstelle der Tötung in Buchten mit chaotischen Zuständen wird die Methode der Vereinzelung der Schweine auf dem Weg zum Schlachten eingesetzt. Die Tiere werden separat in eine sich verengende Gasse getrieben, an deren Ende hinter einer Biegung die Elektrozange eingesetzt wird. Das Schwein wird dabei fixiert und betäubt bevor es bemerkt, was passiert.

Momentan sind die Schlachtungen in Neuruppin eingestellt. Spannend bleibt, wo die Biomanufaktur Havelland in Zukunft schlachten lässt, denn Alternativen zum Neuruppiner Betrieb sind rar und auch in ihnen wird mit dem System Buchten gearbeitet. Blieben Großschlachthöfe, die mit der CO2-Methode arbeiten. Immer mehr Schlachthöfe in Ostdeutschland schließen. Dazu gibt es zunehmend weniger kombinierte Schlachthöfe, also solche, die sowohl Rinder als auch Schweine annehmen. Schlachtstätten etwa in Teterow oder Altenburg nehmen inzwischen keine Schweine mehr an. Längere Transportwege wären für die Havelländer Schweine wohl unvermeidlich. Fragen nach dem Tierwohl stellen sich auch in der Zukunft.


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