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Ernährung

Grünes Licht für den Nutri-Score

Freiwillige Nährwertkennzeichnung jetzt auch in Deutschland

Im November 2020 soll der Nutri-Score als erweitertes Nährwertkennzeichen für Deutschland eingeführt werden und hat damit einen langen Weg hinter sich. Während Skeptiker auf die Schwächen des Labels hinweisen, zeigte sich in anderen Ländern durch seine Verwendung bereits ein Innovationsschub in Richtung gesunde Ernährung.

Entwickelt wurde der Nutri-Score von Ernährungswissenschaftlern aus Frankreich und England. Die Nährwertkennzeichnung soll es ermöglichen, auf einen Blick die Nährwerteigenschaften eines Lebensmittels zu erfassen und verschiedene Produkte innerhalb einer Produktgruppe miteinander hinsichtlich ihres Nährwertes zu vergleichen. Das funktioniert über eine fünfstufige Farb-Buchstabenkombination von grünem A zu rotem E.

Mit A gekennzeichnete Lebensmittel tragen eher zu einer gesunden Ernährung bei als solche mit E – sie enthalten etwa ausreichend viel Eiweiß oder viele Ballaststoffe. Dagegen gibt es eine ungünstige Bewertung für Lebensmittel, deren übermäßiger Verzehr sich negativ auf die Gesundheit auswirken könnte – etwa solche mit zu viel Fett, Zucker oder Salz. Der Nutri-Score befindet sich auf der Vorderseite der Verpackung und soll so eine optisch klare Orientierungshilfe auf den ersten Blick liefern.

In Frankreich wurde der Nutri-Score bereits 2017 eingeführt. Es folgten Großbritannien und Belgien. Inzwischen nutzen auch Spanien, Portugal, die Schweiz und Luxemburg das Label. In Deutschland hatte die Lebensmittelkennzeichnung dagegen eine lange Vorlaufzeit.

Im April 2019 verbat das Landesgericht Hamburg dem Tiefkühlkosthersteller Iglo die Nutzung des Labels aus wettbewerbsrechtlichen Gründen in einer einstweiligen Verfügung. Verwendet wurde der Nutri-Score zeitgleich bereits von Bofrost und Danone, während Mestemacher gerade plante, das Label einzuführen.

Der Verbraucherschutzverein Foodwatch urteilte daraufhin, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner lasse innovative Unternehmen ins offene Messer laufen. Diese wollte mögliche Modelle erst einmal einem Best Practice Test unterziehen und ließ 12 verschiedene Kennzeichnungen untersuchen – wobei der Nutri Score mit Abstand am besten abschnitt.

Anders als in Frankreich ist in Deutschland die Lebensmittelwirtschaft direkt in den Prozess eingebunden. Vertreten durch den BLL, den Bund für Lebensmittelrecht und -kunde, stellt sie sich schon seit Jahren gegen jede Art von Ampelkennzeichnung. Iglo trat in der Nachfolge des Rechtsstreits folgerichtig aus dem BLL aus.

Im September 2019 wurde schließlich eine erneute Studie vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) veröffentlicht, in der vier verschiedene Modelle der Lebensmittelkennzeichnung gegeneinander antraten. Der Nutri Score schnitt auch hier wieder mit großem Vorsprung am besten ab. 90 Prozent der Teilnehmer stuften ihn als „schnell und intuitiv verständlich“ ein. Außerdem helfe er gut beim Vergleich verschiedener Produkte.

Klöckner lenkte daraufhin endlich ein und legte einen Verordnungsentwurf für das Label im Bundeskabinett vor. Nachdem das Kabinett die entsprechende Verordnung gebilligt hatte, folgte im Oktober 2020 die Zustimmung des Bundesrats, woraufhin das Gesetz im November in Kraft treten wird. Eine verpflichtende Einführung ist allerdings nach geltendem EU-Recht nicht möglich. Klöckner will sich daher für eine einheitliche, verpflichtende Nährwertkennzeichnung in der ganzen EU einsetzen.

Die Erfahrungen anderer Länder mit dem Nutri Score deuten darauf hin, dass das Label einen Innovations- und Marketingschub in Richtung gesunde Ernährung geben kann. So kündigte die französische Supermarktkette Intermarché an, die Rezepturen von über 900 Eigenmarkenprodukten so zu verändern, dass sie eine Nutri-Score-Bewertung von A bis C (von gesundheitlich sehr günstig bis zu mittelmäßig) bekommen. Die belgische Supermarktkette Delhaize senkte Preise für 100 Produkte mit dem Score A und B um 20 bis 50 Prozent.

Es gibt aber auch Skeptiker an dem Kennzeichnungskonzept. Der Bundesverband für Naturkost Naturwaren (BNN) sieht Bio-Lebensmittel durch die aktuelle Berechnungsgrundlage benachteiligt. So würden gesundheitlich positive Inhaltsstoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren oder sekundäre Pflanzenstoffe in der Bewertung nicht ausreichend berücksichtigt. Außerdem würden synthetische Ersatzstoffe, auf die bei der Herstellung von Bio-Lebensmitteln verzichtet wird, nicht erfasst. So bekomme etwa ein Bio-Apfelsaft ein gelbes C und eine Cola light ein grünes B, wobei der Apfelsaft ernährungsphysiologisch deutlich wertvoller sei.

Auch die Verbraucherzentralen, welche den Nutri Score insgesamt befürworten, sehen manche Schwächen. So eigne er sich am besten für komplex zusammengesetzte und stark verarbeitete Lebensmittel. Dagegen sei er für Produkte, die nur aus einer Zutat bestehen, nicht in jedem Fall sinnvoll. So bekomme etwa Olivenöl wegen seines Fettanteils von 100 Prozent eine schlechte Bewertung. Zudem ließen sich schlechte Werte in manchen Bereichen durch gute in anderen ausgleichen. Andere Kritiker weisen darauf hin, wenn man nur Produkte mit Note A kaufe, garantiere das noch keine ausgewogene Ernährung.

                     Lena Renner


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