Start / Ausgaben / BioPress 59 - Mai 2009 / Rewe-Nieß liebt Bio

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Rewe-Nieß liebt Bio

Rewe-Kaufmann aus Schwaben baut sein Bio-Sortiment kräftig aus

Aller guten Dinge sind Drei: Rewe-Kaufmann Hans-Jakob Nieß eröffnete im März im bayerischen Lauingen an der Donau einen weiteren Supermarkt; in Sontheim an der Brenz und in Gundelfingen betreibt er bereits zwei Märkte. Fünf sind das Ziel des 50-Jährigen. Mit 1.450 Bio-Produkten bei einem Gesamtsortiment von 21.000 Artikeln hat er in der bayerischen Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern eine recht große Bio-Range.

1.550 Quadratmeter Verkaufsfläche misst der neue Markt am Ortsrand von Lauingen im Bundesland Bayern. In nur zehn Monaten Bauzeit war das Projekt in der Stadt im Regierungsbezirk Schwaben.abgeschlossen. Zuvor beherbergte der Standort einen Plus, der 2008 schloss. Damals zündeten die Leute Trauerkerzen an. Nun können sie Freudenfeuer anzünden: Einen Discounter haben sie gegen einen Vollsortimenter eingetauscht mit viel Bio im Regal. Zwei heimische Konzessionäre hat sich Nieß ins Boot geholt: Die Bäckerei Himmelbäck und die Metzgerei Griener. Das Gebäude wurde erweitert, damit ein Vollsortimenter unter dem Dach Platz findet.

Zur Eröffnung gab sich Vorstandsvorsitzender Alain Caparros aus Köln die Ehre. Das ist schon etwas Besonderes, wenn Herr Caparros bei einer Eröffnung im Südwesten persönlich anwesend ist. Der engagierte Schwabe Nieß ist stellvertretender Vorsitzender des Rewe-Aufsichtrates Süd/Südwest, Mitglied des nationalen Strategieausschusses und des Strategie- und Marketingsausschusses Südwest.

So ist es verständlich, dass Caparros sich vom Rhein an die Donau bemühte. Der Mann aus der Etage mit den dicken Teppichböden, die den Trittschall bis auf wenige Dezibel dämpfen, sang ein Loblied auf den SEH: Im Supermarkt bei den Kaufleuten sei das Leben zuhause.

Ein Schritt nach vorne

Mit 1.450 macht das Bio-Angebot zahlenmäßig rund neun Prozent des Sortiments aus, ist also recht üppig. „Ich bin persönlich ein Bio-Fan und biete auch Produkte an, für die ich eine Vorliebe habe“, erzählt Lebensmittelkaufmann Nieß. Im neuen Markt hat er sich mit Bio nach vorne gewagt. Der Rewianer betreibt im benachbarten Gundelfingen und in Sontheim/Brenz weitere Rewe-Märkte. Die Bio-Sortimente sind dort mit rund 900 Produkten erheblich kleiner.

Nach den ersten beiden Wochen war er vom Bio-Abverkauf „positiv überrascht“. Besonders bei Bio-Obst und Gemüse hat er sich ins Zeug gelegt: „Das ist mutig. Aber ein Stück weit muss ich auch in Vorleistung gehen“, erläutert er. Mit Bio und Regionalität hat er die Chance, sich zu profilieren.

Das Sortiment trägt die Handschrift des Inhabers. Er verlässt sich bei der Beschaffung nicht allein auf die Zentrale, sondern kauft bei regionalen Herstellern ein. Sortimentsarbeit ist das A & 0 für den selbstständigen Kaufmann. Gab es bei örtlichen Bio-Liefe­ranten ehedem noch Vorbehalte gegen Supermärkte, sieht er die zusehends schwin­den: „Es gibt inzwischen viele, die auf uns zu kommen. Im selbstständigen, qualitätsorientierten LEH gibt es noch Wachstumsmöglichkeiten für Bio-Produkte.“ Die Rentabilität lässt Nieß nicht aus den Augen: Ein gewisser Umschlag muss da sein.

Die Bio-Produkte sind zugeordnet oder in kleinen Blöcken nach Herstellern zusammengefasst. Mit Regalstoppern wird auf Bio aufmerksam gemacht. Bei Obst und Gemüse hat Nieß ein besonders umfangreiches Bio-Angebot mit mehr als 50 Produkten zusammen getragen. Alte Sorten wie den Boskoop werden da geführt, aber auch neue wie der Topaz. Abgepackt im Netz, Foodtainer und lose. Auch tagesfrische Bio-Salate wie Feldsalat, Rucola und eine Mischung bietet der Rewe-Markt. Auf die Folien-Tüten in der O+G-Abteilung wird für Rewe Bio geworben.

Bei den Trockenprodukten gibt es einige Dubletten, insbesondere bei Müsli. Das Bio-Früchtemüsli kann fünfmal von verschiedenen Herstellern zum gleichen Preis erworben werden. Bei Konserven, ob Obst, Gemüse oder sauer, oder bei Essig und Öl ist der Verbraucher weitgehend auf Rewe Bio beschränkt.

Ethno-Food belebt Feinkost

Im Diätregal stehen Bio-Produkte wie Kanne-Brottrunk oder Bio-Leinsamen. Bei Bio-Feinkost führt der Markt Ethno-Food, unter anderem sind Indien-Spezialist Royal Elephant aus Berlin mit Chutneys und Hörrlein aus Adelsdorf mit Salat-Dressings und mediterranen Konserven vertreten. Bei Suppen und Soßen gibt es die biologischen Fix-Produkte von Saphir für die schnelle Küche. Den Preisbewussten sei gesagt, Saphir ist nicht teurer als herkömm­liche A-Marken.

Bei den Dosensuppen liegen die herkömmlichen Premium-Produkte wie Jürgen Langbein. Lacroix und Escoffier preislich über den vegetarischen Bio-Suppen von Bita­mo, die vom Erscheinungsbild gegenüber der konventionellen Konkurrenz etwas blass wirken. Der Gang in den Markt widerlegt die Mär vom teuren Bio. Geiz ist bei Rewe Nieß nicht geil; hier gibt es bezahlbare Bio-Produkte.

Die Sortimentlieferanten bei den Bio-Trockenprodukten sind allesamt vertreten allen voran Pionier Bio-Zentrale. Verival aus Österreich wird ebenso angeboten, wie das Rinatura Bio-Vollwertsortiment. BioGourmet, die Feinkost-Range aus dem Haus Rapunzel, ist bei Rewe etabliert. Diese Marken mit rund 100 Produkten werden im Block und einzelne Produkte in den Warengruppen platziert.

Bei den Kinderprodukten ermöglicht die Sesamstraße zuckerarmes Naschen mit Keksen und Popps. Bei den Süßwaren stehen von der Gepa Schokolade, Riegel und Fruchtgummis im Regal. Die kleinen Ritter Sport Bio-Täfelchen waren von Anfang an erfolgreich. „Schmeckt gut und läuft gut“, urteilt der Kaufmann.

Bei den Knabberartikeln führt Nieß unter anderem Kartoffelchips der Industriemarke funny frisch und des Schweizer Herstellers Bina. Die teure Schweiz erweist sich gegenüber funny frisch mit einem 100 Gramm-Preis von 1,24 Euro gegenüber 1,89 für funny als konkurrenzfähig.

Qualität aus der Schweiz

In der Kategorie Marmeladen gibt es wenig Auswahl. Unter Rewe Bio werden die Hauptsorten angeboten. Bina aus der Schweiz ergänzt das Angebot mit Premium-Fruchtaufstrichen. Importiert werden die Aufstriche vom Systemlieferanten bioVLog. Bei den süßen Aufstrichen gibt es außerdem verschiedene Honige, unter anderem von Erlbach im 500 Gramm Standard-Glas in den Sorten Akazien, Wald und Blüte.

Süßmittel beschränken sich im konventionellen im Wesentlichen auf weißen Rübenzucker und Süßstoffe. Die Bio-Hersteller offerieren Rohrohrzucker, Rübensirup, Agaven-Dicksaft und Ahornsirup als Alternative. Von der Bio-Zentrale gibt es den kanadischen Ahornsirup in Grad A und C.

Bei der pflanzlichen Ernährung setzt Bio ganz klar die Akzente auf dem Lebensmittelmarkt, zum Beispiel mit vegetarischen Aufstrichen. Cosa-Naturprodukte, Bitamo und die Bio-Zentrale offerieren Alternativen zu Wurst. Im Kühlregal steht Tofu von Veggie Life griffbereit; ein Produkt, das die Bio-Branche in die Supermärkte befördert hat. Im herkömmlichen Sortiment ist Tofu so gut wie nicht zu sehen.

Bei den Heißgetränken ist Bio-Kaffee von der Gepa, Tchibo und Darbooven vorhanden. Kakao-Getränke werden angeboten. Bio-Tees von Fruteg, Yogi und Gepa bereichern das Sortiment.

In der Weinabteilung zeigt der Markt Bio-Kompetenz. Ein Bio-Block und noch einige Tropfen, die zugeordnet präsentiert werden, addieren sich zu 50 Weinen. Schließlich ist Nieß ausgebildeter Weinfachberater.

Im Mopro-Regal dominiert die Handelsmarke Rewe Bio. In der weißen Linie gibt es außerdem Fruchtjoghurts und Trinkmilch der Markenhersteller Andechser und Schwarzwälder Bioland. Bei der gelben Linie werden die wichtigsten Käsesorten als Handelsmarke geführt.

Bio-Fam, das Fleischprogramm der Rewe, wird gefahren. Ein zweistellige Artikelzahl an Rind-, Schweinefleisch und Geflügel in SB sorgt für Abwechslung im Einkaufskorb. Das Fleisch wird von verschiedenen, regionalen Anbietern geliefert.

An der Theke gibt es Bio-Käse zum Teil von der Rewe-Großhandlung, zum Teil von einem Fachgroßhändler. Wurst und Fleisch in Bio-Qualität fehlen noch an der Bedientheke.

Kaufmann beweist Kompetenz

Neben dem Sortiment der Zentrale beschafft Kaufmann Nieß einige regionale und Bio-Produkte selbst. „Bei den örtlichen Lieferanten gab es Vorbehalte gegen Supermärkte“, erzählt Nieß. Mittlerweile haben sich die Vorbehalt in Luft aufgelöst. Der Lebensmittelkaufmann hat Kompetenz bewiesen. „Inzwischen gibt es viele, die auf mich zukommen“, berichtet der Rewianer. Sie müssen natürlich die Qualitätsanforderungen der Rewe erfüllen.

Auch regionale Lieferanten, die bei der Rewe Südwest in Wiesloch gelistet sind, werden gebraucht. Die Essgewohnheiten in den deutschen Ländern unterscheiden sich. Teigwaren spielen bei der Rewe Südwest eine andere Rolle als bei der Rewe Ost. Frische Nudeln von Albgold, Bürger, Settele und Hilcona in Bio-Qualität werden in Süddeutschland stärker nachgefragt als im Norden.

Bio-Produkte haben heute in der Rewe eine grundsätzliche Bedeutung, wie er als Mitglied des nationalen Strategieausschusses betont. „Im qualitätsorientierten LEH wird es weiteres Wachstum geben“, sagt der Händler voraus, der seine Kompetenz auch in den Aufsichtsrat der Rewe Südwest trägt.

Sein Bio-Sortiment ist größer als das eines Regiemarktes, wenngleich es sich in dem kleinstädtischen Umfeld nicht mit den umfangreichsten Bio-Angeboten im LEH messen kann. Das Bio-Sortiment hat der engagierte Lebensmittelhändler nach eigenen Vorlieben ausgesucht. Schließlich lebt er Bio. „Ich bin ein Fan der BioGourmet Produkte aus dem Haus Rapunzel“, bekennt er.

Hans-Jakob Nieß hat von 1986 bis 1998 eine eigene Bäckerei betrieben, ehe er sich ganz dem Beruf des Lebensmittelkaufmanns verschrieb. „Meine Spezialität waren Brezeln“, sagt der Mann, dem es schwer fiel das Bäcker-Handwerk aufzugeben. Sein Augenmerk gilt den Backwaren. So bedauert er, dass sein Konzessionär noch kein Bio-Brot hat.

In der Backstation im Markt sollen bald Bio-Teiglinge gebacken werden. Die Aufbackware der Glockenbäckerei sind ebenfalls im Sortiment, so dass das tägliche Brot in Bio-Qualität erhältlich ist. Bei den Backwaren sieht Nieß allerdings noch Lücken, die er schließen will. Etwa mit Dauergebäck für Allergiker. Da braucht er nicht weit zu fahren. Wenige Kilometer entfernt in Heidenheim stellt die Naturkornmühle Werz die passenden gesunden Produkte her.

Einsatz für gesunde Ernährung

Das Thema Gesundheit liegt ihm am Herzen. Als Bäckermeister besitzt er Ernährungswissen. Allergien, Diabetes und Übergewicht haben auch etwas mit falscher Ernährung zu tun. Zwei Mitarbeiterinnen sollen zu Ernährungsberaterinnen geschult werden, um mehr zu bieten als Niedrigpreis und Aktion. „Bio ist für mich ganz klar ein Ertragssortiment. Da verdiene ich Geld mit. Das als Hobby zu betreiben wäre gefährlich“, warnt der Lebensmittelkaufmann. Wie es mit den aktuell 1.450 Bio-Produkten weitergeht, entscheidet der Kunde. „Mein Traum ist, dass Bio ganz alltäglich wird“, nennt er seine Vision.

Noch ist es nicht so, wie er aus eigener Anschauung weiß. Denn manchmal setzt sich der Inhaber noch selbst an die Kasse: „Das lasse ich mir nicht nehmen“. Er will ein Gespür dafür haben, was im Einkaufskorb landet und das Kundenverhalten nicht nur aus der Auswertung kennen. „Leute, die nur Bio kaufen, gibt es nicht. 80-Prozent-Käufer gibt es schon“, ist seine Erfahrung. Manche Kunden kaufen nur O+G in Bio-Qualität, manche die Kinder-Nahrung und manche die Milch. In jedem Fall muss für Bio getrommelt werden. Das macht der Rewe-Händler zum Beispiel mit eigener Zeitungswerbung und mit einem Bio-Stand auf den Gewerbeschau­en in Sontheim und Gundelfingen. „Das sah ganz toll aus“. Nieß unternimmt etwas für Bio.

Anton Großkinsky


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