Kongress
Frieden bis zum Feld
IX. World Organic Forum verbindet Engagement für Frieden und Ökolandbau
© Akademie Schloss Kirchberg
In Tansania arbeiten Ackerbauern und Viehhirten zusammen, in Syrien gibt eine ökologisch wirtschaftende Frauen-Kommune IS-Überlebenden neue Hoffnung und in Burundi ist die Fürsorge für Mensch und Natur traditionell verwurzelt. Während weltweit die Militärausgaben steigen, machte sich die Bio-Branche beim 9. World Organic Forum der Akademie Schloss Kirchberg auf die Suche nach gewaltfreien Alternativen. Internationale ReferentInnen setzten ein Zeichen gegen Aufrüstung, für nachhaltige Ernährungssysteme und eine friedliche Zukunft.
„Was macht den Menschen friedensfähig?“, fragte der Kirchberger Bürgermeister Axel Rudolph in einem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung. Im Zentrum stehe dabei die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, unterschiedliche Sichtweisen ernst zu nehmen und Kompromisse zu finden. „Frieden beginnt, wo Menschen sich im Alltag mit Respekt begegnen“, sagte er. Diese Sichtweise zog sich durch das ganze World Organic Forum.
„Frieden unter den Menschen – Frieden mit der Natur“, rief Rudolf Bühler, Vorsitzender der Stiftung Haus der Bauern und Gründer der Akademie Schloss Kirchberg, das Tagungsmotto aus. Er erinnerte an den Vietnam-Krieg, der unter dem Vorwand der Verteidigung der Zivilisation „unglaubliches Leid“ gebracht habe, und prangerte Angriffskriege von Invasionen der USA bis zur Invasion Russlands in die Ukraine an. Kürzungen der Entwicklungszusammenarbeit zugunsten der Rüstungsindustrie seien ebenso abzulehnen wie die Ausbeutung von Staaten und der Natur durch internationales Großkapital. Weltweit würden Landwirte enteignet, Pflanzen und Tiere kapitalisiert. „Wir dürfen die Schöpfung bewirtschaften, aber nicht verwirtschaften“, mahnte Bühler. Mit Gentechnik und Pestiziden lasse sich die Welternährung nicht sichern. Stattdessen brauche es traditionelle ökologische Wirtschaftsweisen, die zu Frieden mit der Natur führen könnten.
Franz-Theo Gottwald, Senior Advisor der Akademie Schloss Kirchberg, verdeutlichte mit der biblischen Erzählung von Kain und Abel die menschliche Neigung zu gewaltsamen Konflikten. Dem gegenüber stehe die Ehrfurcht vor dem Leben nach Albert Schweitzer – „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Angelehnt an die Friedensarbeit des ehemaligen tunesischen UN-Diplomaten Youssef Mahmoud plädierte Gottwald für ein Verständnis von Frieden als kommunikativer Weg zwischen Konfliktparteien, deren Andersartigkeit dafür anerkannt werden müsse. Anstatt Dualitäten zu betonen, gelte es, nach Gemeinsamem zu suchen, Vertrauen aufzubauen und Schritt für Schritt stabilisierende Ordnungen zu schaffen. Traumatische Muster müssten verlassen werden, damit Frieden wachsen kann.
Frieden und Ökolandbau gehören zusammen
Anschaulich berichtete Bernward Geier, Agronom, Journalist und Aktivist, von den eigenen Erfahrungen in über 50 Jahren Bio- und Friedensbewegung. Pazifist zu sein sei nichts Passives, sondern im Gegenteil „hochaktivistisch“, sagte er, und verwies dabei auf die ‚Community for Creative Nonviolence‘, die sich Anfang der 70er Jahre in den USA gründete und, inspiriert von Mahatma Gandhi, in zivilem Ungehorsam betätigte. Mit einem falschen System könne man nicht das Richtige tun, sagte Geier. Und: „Frieden lässt sich nicht mit Waffen schaffen.“
Parallelen zur chemischen Landwirtschaft sieht der Aktivist darin, wie die Entwicklung der ersten modernen synthetischen Herbizide in den frühen 40er Jahren militärisch gefördert wurde. Stickstoffdünger wiederum enthalten oft Oxidationsmittel wie Ammoniumnitrat, die gleichzeitig für die Herstellung von Sprengstoffen benötigt werden. Schon die Produktion von chemischen Pestiziden könne sehr gefährlich sein, so Geier. 30 Jahre habe es gedauert, bis das einst am meisten verwendete Insektizid DDT, das zugleich zur Bekämpfung von Malaria zum Einsatz kam, weltweit wegen gesundheitlicher und ökologischer Risiken für Menschen und Tiere in der Landwirtschaft verboten wurde. Auch heute noch würden in der EU verbotene Pestizide exportiert – und kämen anschließend über die Erzeugnisse wie etwa Bananen wieder zurück. Hauptleidtragende seien die Landwirte, welche die Pestizide im globalen Süden ohne Schutzkleidung aufbringen.
Weltweit hat Geier Beispiele erlebt, wie es auch anders gehen kann: etwa wenn in Japan beim Reisanbau Enten das Beikraut regulieren, Insektenlarven essen und gleichzeitig Dünger ausscheiden; oder wenn in Ostafrika der schädliche Maiszünsler über Pflanzenduftstoffe aus den Feldern vertrieben und gelockt wird.
Wie Ökolandbau zu Frieden beitragen kann, verdeutlicht das Beispiel der Gemeinde Kauswagan auf den Philippinen. Mit dem Projekt ‚Arms to Farms‘ ist es Bürgermeister Rommel Arnado dort gelungen, 14 Rebellenführer zur Bio-Landwirtschaft auszubilden und mit Hilfe der Bekämpfung von Hunger den kriegerischen Konflikt zu beenden. Frieden, Bio und Klimaschutz: „Die Bewegungen müssen zusammen gebracht werden“, rief Geier auf.
Klimakiller Militär – Ziviler Widerstand wirkt
Welche Klimaschäden das Militär verursacht, führte der vielfach ausgezeichnete Autor und laut Spiegel ,Deutschlands bekanntester Pazifist‘ Jürgen Grässlin dem Publikum eindrücklich vor Augen. So verbrauche ein Tarnkappenbomber auf einer Strecke von 100 Kilometern 600 Liter Erdöl. Die US-Luftwaffe sei für den Verbrauch von einem Viertel des weltweiten Flugbenzins verantwortlich. Und das Militär verursache alleine mehr CO2 als der gesamte Staat Russland. „Die Schäden durch das Militär kommen in Klimadebatten quasi nicht vor“, bedauerte Grässlin.
Derweil beliefen sich die weltweiten Militärausgaben im Jahr 2025 auf 2,88 Billionen US-Dollar – wobei der europäische Anteil daran stark gestiegen sei. Von 2024 auf 2025 rangiere Deutschland auf Platz 4 mit den weltweit höchsten Steigerungsraten – „eine katastrophale Entwicklung“, so Grässlin.
Zum langjährigen Engagement des Friedensaktivisten gehört sein Einsatz gegen Rüstungsexporte, wofür er bereits 1992 das RüstungsInformationsBüro (RIB) mitgründete. Dieses initiierte 2018 das Bündnis ‚Kritische Aktionäre Heckler & Koch‘, das sich gegen Waffenlieferungen des Rüstungskonzerns in Kriegs- und Konfliktregionen engagiert. Die Kritischen Aktionäre nutzen Hauptversammlungen der H&K AG, um kritische Fragen zu stellen, Gegenanträge einzureichen und die Unternehmensführung öffentlich zu kritisieren. Grässlin selbst hatte mit einer Strafanzeige gegen H&K bereits Erfolg: Wegen illegaler Waffenexporte nach Mexiko wurde das Unternehmen zu einer Geldbuße in Millionenhöhe verurteilt.
Der Pazifist hob die Wirksamkeit gewaltfreier Proteste hervor. ‚Warum ziviler Widerstand funktioniert‘, hat die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth, in einem Werk zusammengefasst, in dem über 200 gewaltsame Revolutionen und über 100 gewaltfreie Kampagnen von 1900 bis 2006 verglichen wurden. Demnach war ziviler Widerstand in über 50 Prozent der Fälle erfolgreich, während die Erfolgsquote bei militärischem Widerstand nur bei rund einem Viertel lag.
Als neueste Initiative des RIBs stellte Grässlin das Multimediaprojekt ‚Vision bessere Welt – Mutmachmenschen‘ vor. Ab Dezember soll eine neue Website online gehen, die Porträts von inspirierenden Persönlichkeiten aus 32 Bereichen – wie Friedensarbeit, naturnahe Landwirtschaft oder Engagement gegen Rechtsextremismus – inklusive Film- und Tonaufnahmen sowie regelmäßigen Publikationen zur Verfügung stellt. Die Idee ist es, sinnstiftende Projekte zu vernetzen und zum persönlichen Engagement anzuregen. Auch die Generation Z, die beim 9. World Organic Forum nur spärlich vertreten war, soll über Social Media erreicht werden.
Frieden sichern bis 2040
Wie zivile Friedenspolitik als Alternative zur militärischen in der Praxis aussehen kann, damit beschäftigt sich die Initiative ‚Sicherheit neu denken‘, die 2015 aus einem Projekt der Evangelischen Landeskirche in Baden entstand. Inzwischen engagieren sich darunter zahlreiche Organisationen wie etwa Pax Christi oder Missio für einen politischen Paradigmenwechsel; Träger ist heute das europäische friedenskirchliche Netzwerk ‚Church and Peace‘.
In einem Workshop brachten Eberhard Müller und Peter Aichelin aus dem Koordinierungskreis von ‚Sicherheit neu denken‘ den Teilnehmern die Grundpfeiler ihres Positivszenarios bis 2040 näher. Dazu gehören zum Beispiel gerechte Außenbeziehungen mit einem Fokus auf Fairem Handel und der Umsetzung der Pariser Klima-Ziele; die Unterstützung der wirtschaftlichen und politischen Stabilität in den östlichen und südlichen Nachbarregionen der EU; die Stärkung demokratischer Institutionen; eine Aufwertung internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen und eine schrittweise Umwandlung militärischer Mittel in zivile Sicherheitsinstrumente wie beispielsweise Mediationszentren. Insgesamt steht eine Friedenspolitik im Zentrum, die auf Prävention, Diplomatie, Kooperation, Deeskalation und die Bearbeitung von Konfliktursachen setzt.
„Es gab in Deutschland noch nie einen Friedensminister“, bedauerte Aichelin. Dabei sei es elementar, Konflikte bereits im Vorfeld angehen zu können. Ist der militärische Angriff erst erfolgt, gestalte sich die Lösung des Problems deutlich schwieriger. Gehe die Sicherheitslogik von einem Gegner aus, vor dem man die eigenen Werte schützen und den man besiegen muss, so werde bei der Friedenslogik nach einer Win-Win-Lösung gesucht. „Wer den Frieden will, muss mit dem Feind reden“, so Aichelin.
Frieden mit den Tieren – der Umbau stagniert
„In Frieden leben ist mehr als die Abwesenheit von Krieg“, sagte die Grünen-Politikerin und ehemalige Landwirtschafts- und Ernährungsministerin Renate Künast. Nicht fliehen zu müssen, sich gut ernähren zu können und eine Perspektive für die eigenen Enkel zu sehen, gehöre dazu. Momentan gingen die wachstumsgetriebenen Kulturen allerdings dem ökologischen Kollaps und damit ihrem eigenen Scheitern entgegen.
Um 50 Prozent sei die Zahl der Nutztiere in den letzten 20 Jahren gestiegen – auf 95 Milliarden Tiere weltweit. Nur noch vier Prozent der Säugetiere lebten heute wild – 96 Prozent seien Menschen und Nutztiere. Und die UN-Welternährungsorganisation (FAO) betrachtete die Tierhaltung schon im Jahr 2006 als einen der drei Hauptverursacher der weltweit gravierendsten Umweltprobleme. Sie führe zu Entwaldung, Bodendegradation und dem zunehmenden Einsatz von Pestiziden. Von der globalen Ackerfläche würden momentan 40 Prozent für Tierfutter gebraucht – in Deutschland sogar 60 Prozent. „Das können wir uns auf Dauer nicht leisten!“, betonte Künast.
Ziel müsse es sein, immer weniger Tiere immer besser zu halten. Allerdings ruderten die EU und Bundesrepublik derzeit politisch zurück. Die Empfehlungen der Borchert-Kommission und der Zukunftskommission Landwirtschaft seien am Ende im Sande verlaufen. Eine verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung könne das Recht der Verbraucher auf Information sichern und dadurch den Umbau erheblich vorantreiben – jedoch werde das entsprechende Gesetz von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer immer weiter hinausgezögert. Stattdessen widme sich dieser dem ‚vorrangigen öffentlichen Interesse für den Stallneubau‘ und konzentriere sich auf Heimatpolitik – unabhängig von der Form der Tierhaltung und der Frage nach einer pestizidfreien Erzeugung.
Künast plädierte dafür, das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium zusammenzulegen, wie es Dänemark von 2015 bis 2020 vorgemacht hat. Damit die Ernährungswende gelingt, sei eine gute Erzählung nötig. Die Bio-Branche müsse emotionalisieren, Begeisterung für gutes und gesundes Essen wecken und sich mehr vernetzen, mit Partnern wie Fridays for Future.
Ich-Botschaften erreichen die Masse
Dass der erhobene Zeigefinger nicht weiterhilft, unterstrich auch Carolyn Hutter, Leiterin des Studiengangs ‚BWL – Food Management‘ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Heilbronn. Konfrontation erzeuge Gegenwehr, „Naturschutz funktioniert nur mit den Menschen“, sagte sie. Um mehr Leute zu erreichen, müsse das Thema nachhaltige Ernährung in Ich-Botschaften übersetzt werden – etwa das Thema Gesundheit.
Die Partner-Unternehmen des Studiengangs seien vor ein paar Jahren von sich aus mit dem Wunsch nach Nachhaltigkeitsthemen auf die DHBW zugekommen. „Der Klimawandel und der Verlust der Lebensgrundlagen bedeutet für Unternehmen ein hochgradiges ökonomisches Risiko“, betonte Hutter. Für die Transformation brauche es eine gut gemachte Regulatorik, die nicht in übermäßige Bürokratie ausarte. So sei etwa die Berichterstattung wichtig für die Transparenz, könne jedoch auch viele Mittel binden, die dann nicht mehr für die inhaltliche Entwicklung zur Verfügung stünden.
Solidarität braucht Transparenz
Einigkeit herrschte im ‚Frauen-Podium‘, mit dem die Akademie Schloss Kirchberg das von den Vereinten Nationen ausgerufene ‚Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft‘ würdigte, darüber, dass Bildung, Aufklärung und Transparenz die Grundlage für Solidarität bilden. „Intransparente globale Strukturen führen zur Entsolidarisierung“, warnte Künast. Es brauche Wissen über die Produktionsbedingungen, Preisstrukturen und die externe Umweltbelastung.
Hutter bemängelte eine zunehmende Verstädterung, die zu einem wachsenden Abstand von der Lebensmittelerzeugung führe. Auch Künast plädierte dafür, die Verbindung von Stadt und Land zu verstärken. Mit Blick auf Solawis, Ernährungsräte und Bio in Betriebskantinen gebe es inzwischen schon viel Bewegung in den Städten, sodass Städter nicht von der Landbevölkerung verteufelt werden sollten. „Gemeinsam sind wir unerträglich“, müsse die Devise lauten.
Grünes Ubuntu – der Mensch braucht die Natur
Mit nach Burundi nahm Déogratias Maruhukiro, Caritaswissenschaftler und Friedensforscher an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg, das Publikum. „Ich bin, weil du bist“, bedeutet das Konzept Ubuntu auf Deutsch. Die Würde und das Überleben des Einzelnen hängen nach dieser Vorstellung von der Gemeinschaft ab. Im Fokus steht der Gedanke, Verantwortung füreinander zu übernehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, die das Wohl aller fördern.
Maruhukiro verbindet in seinem Ansatz eine Care Ecology (Ökologie der Fürsorge) mit Ubuntu und stellt dabei die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur in den Vordergrund. „Wer lernt, die Natur zu achten, lernt, seine Mitmenschen zu achten“, so laute eine burundische Weisheit. Nach dem ‚Grünen Ubuntu‘ fungiert der Mensch als Hüter der Natur, und Landwirtschaft wird zur ethischen Praxis. Mit dem Verein RAPRED-Girubuntu (‚Ökosystem für den Frieden‘) hat Maruhukiro im Jahr 2015 ein Netzwerk gegründet, das sich besonders in der Region der Afrikanischen Großen Seen zugleich für Frieden und nachhaltige Entwicklung engagiert. Seit drei Jahren besteht darüber hinaus die Girubuntu Peace Academy, die in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg in interdisziplinärer Forschung tätig ist und Veranstaltungen wie die Freiburger Friedensgespräche organisiert.
Frauen gestalten Zukunft – in Tansania und Syrien
Als Stammgast war Janet Maro, Geschäftsführerin von ‚Sustainable Agriculture Tanzania‘ (SAT), zum wiederholten Mal beim World Organic Forum dabei. Sie erzählte von Konflikten zwischen Ackerbauern und Viehhirten bei der Landnutzung in Tansania. Im Zuge von Projektarbeit und mit Hilfe von agrarökologischen Ansätzen habe SAT die Versöhnung und Kooperation der beiden Bevölkerungsgruppen – etwa durch Düngerpartnerschaften – unterstützt. Dabei sei es gelungen, die Zahl der Landkonflikte um mehr als 85 Prozent zu reduzieren. Insgesamt sieht Maro für Agrarökologie ein „riesiges Potenzial“ in Afrika. Dazu gehört für SAT auch, Frauen in ihrer wirtschaftlichen Eigenständigkeit zu stärken und mehr an Entscheidungen zu beteiligen. Auf politischer Ebene ging es kürzlich in puncto Teilhabe einen Schritt voran: Seit 2021 ist in Tansania erstmals eine Frau als Präsidentin an der Macht.
Von der feministisch-ökologischen Initiative Jinwar (‚Land der Frauen‘) berichtete Thalea Nowak, die in Passau Journalistik und strategische Kommunikation studiert. In Rojava (Nord- und Ostsyrien) haben Frauen seit 2017 eigenständig ein Dorf aus Lehmziegeln aufgebaut, das sich mit Hilfe von ökologischer Landwirtschaft und eigener Lebensmittelproduktion selbst versorgt. Circa 30 Häuser sowie 70 Frauen und Kinder gehören aktuell zu der autonomen Kommune. Die jesidischen, arabischen und christlichen Bewohnerinnen sind Witwen und Überlebende der IS-Herrschaft, einige haben selbst in den kurdisch geführten Volksverteidigungseinheiten (YPG) im syrischen Bürgerkrieg gekämpft. „Jinwar ist die zivile Fortsetzung des Kampfes“, erzählte Nowak. Frei von patriarchalen Strukturen soll die Kommune Frauen mit traumatischen Erfahrungen wieder Selbstbewusstsein geben.
In Berlin entstand 2019 der Heilkräutergarten ‚Hevrîn Xelef‘, der mit Jinwar durch Wissensaustausch kooperiert und das Dorf auch finanziell unterstützt. „Krieg ist maskulin – Frieden feministisch“, brachte Bernward Geier eine Botschaft des Forums auf den Punkt.
Kirchberger Erklärung – für Bio und gegen Aufrüstung
Als Abschluss und Ergebnis des Kongresses wurde auf dem 9. World Organic Forum die ‚Kirchberger Erklärung zum Frieden‘ verabschiedet – initiiert von Rudolf Bühler und koordiniert von Franz-Theo Gottwald. Im Redaktionsteam waren Bernward Geier, Renate Künast und Jürgen Grässlin.
Frieden setze den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen voraus, heißt es in dem Papier. Klima- und Umweltschutz, der Erhalt von Biodiversität sowie nachhaltige Ernährungssysteme stünden daher im Mittelpunkt einer präventiven Friedenspolitik. Gefordert wird eine stärkere Förderung von Ökolandbau, Agrarökologie und Agroforstsystemen sowie der Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten. Irreversible Eingriffe in das Erbgut werden abgelehnt und eine Reduzierung der Zahl der Nutztiere befürwortet.
Zur Einhaltung des Völkerrechts müssten die UN-Organisationen gestärkt werden. Es brauche internationale Solidarität, eine bessere Beteiligung von Frauen an politischen Entscheidungen und faire Marktbedingungen für bäuerliche Betriebe. Armutsbekämpfung, Friedensbildung und faire Zugänge zu knappen Ressourcen seien Mittel zur weltweiten Friedenssicherung. Menschen, die sich für Dialog und Gerechtigkeit einsetzen, müssten besonders geschützt werden, ebenso wie Geflüchtete. Statt der voranschreitenden Militarisierung werden gewaltfreie Strategien der Konfliktlösung propagiert.
„Der Wind des Unfriedens bläst uns entgegen“, stellte Gottwald fest. Medial und politisch könne man der Kriegsrhetorik aktuell kaum entkommen. Anstatt den „inneren Alligator“ zu aktivieren, gelte es, einen neuen Anlauf zu nehmen, auf Kooperation statt Konkurrenz zu setzen und Einsicht und Mitgefühl zu fördern. „Entscheiden wir uns für friedliche Lösungen!“, rief er auf.
Lena Renner







