Handel
Nahversorgung 2.0: Tante Enso bringt Bio aufs Land
Kundenwünsche erfüllen als Unternehmens-DNA
© Enso eCommerce GmbH
Ein Vollsortimenter auf dem Land, mit regionalen Angeboten, Tante Emma-Atmosphäre und durchgehenden Öffnungszeiten? Das moderne, hybride Nahversorgungskonzept ‚Tante Enso‘ des Bremer Unternehmens Enso ist mittlerweile bundesweit gefragt. Als Genossenschaftsmitglieder können Dorfbewohner selbst über die Sortimentsgestaltung mitbestimmen – und wünschen sich zunehmend Bio-Produkte.
Der Ursprung von Tante Enso liegt eigentlich in der Marktforschung. Die Gründer Norbert Hegmann und Thorsten Bausch riefen im Jahr 2016 den Online-Supermarkt ‚myEnso‘ ins Leben, zu dem auch Kundenbefragungen als festes Element gehörten. Der dabei immer wieder geäußerte Wunsch der Kunden auf dem Land nach einem stationären Laden vor Ort hat die CEOs im Jahr 2019 schließlich dazu bewogen, das heutige Nahversorgungskonzept aufzubauen. Inzwischen spielt die Website eine untergeordnete Rolle – „darüber werden im Prinzip nur noch die Reste abverkauft“, erklärt Thomas Gutberlet, der das Unternehmen seit Ende 2025 zusammen mit Norbert Hegmann leitet.
Aktuell gibt es bundesweit 88 Tante Enso-Filialen – die südlichste im Schwarzwald (in Bernau), die nördlichste an der Küste bei Flensburg. Noch liegt der Schwerpunkt im Norden, um den Gründungsstandort Bremen herum, in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
Die Rückkehr des Dorfladens – mit Mitspracherecht
„In der Regel melden sich interessierte Gemeinden bei uns“, erzählt Gutberlet. Tante Enso spricht dann mit dem Bürgermeister, kommt zur Gemeinderatsversammlung und organisiert eine mehrwöchige Kampagne samt Bürgerversammlung. Ziel ist es, je nach Ortsgröße zwischen 600 und 1.000 Teilhaber zu gewinnen. Ein Genossenschaftsanteil kostet 100 Euro – „das ist sehr niedrigschwellig“, meint Gutberlet. Jedes Jahr gibt es anschließend fünf Euro Einkaufsguthaben pro Anteil, zusätzlich bekommen die Teilhaber bei jedem Einkauf nachträglich Cashback. Außerdem können sie im Rahmen der ‚Co-Creation‘ bei der Sortimentsgestaltung und beim Ladendesign mitbestimmen. „Mit den Kunden im Gespräch zu sein, gehört zur DNA von Tante Enso“, betont der Geschäftsführer. Der Name ‚Enso‘ ist das japanische Wort für Kreis und soll Gemeinschaft und Teilhabe symbolisieren. Der heutige Zusatz ‚Tante‘ wurde ebenfalls im Zuge von Kundenbefragungen ausgesucht.
Einkaufen können am Ende nicht nur Genossenschaftsmitglieder, sondern alle, die eine Tante Enso-Karte beantragt haben (ab 18 Jahren möglich). Damit sind die Filialen rund um die Uhr zugänglich. Wer lieber mit Bargeld beim Personal bezahlen oder Beratungsleistungen in Anspruch nehmen möchte, trifft zu bestimmten betreuten Öffnungszeiten – in der Regel morgens und nach einer Mittagspause wieder nachmittags – auch VerkäuferInnen in den Märkten an. Etwa sieben bezahlte Mitarbeiter werden pro Standort beschäftigt. Über ein ‚Wünsch dir was‘-Formular können alle Kunden Anregungen für Produkte oder Services mitteilen.
Auch intern werde eine offene und transparente Kultur gelebt, betont Gutberlet. „Unsere Mitarbeitetenden sind ein wesentlicher Bestandteil des Unternehmens.“ So dürften bestehende Mitarbeiter etwa bei Neueinstellungen mitbestimmen. „Das habe ich so noch selten erlebt.“
Enso-Helden: lokal, frisch, Bio
Zwei Merkmale zeichnen Tante Enso besonders aus: die Teilhabe und der Verkauf von besonderen und regionalen Produkten. Wenn möglich, sollen rund 30 Prozent des Sortiments eines Ladens von den sogenannten ‚Enso Helden‘ (zuvor ‚foodpioniere‘) besetzt werden. „Bio stand dabei ursprünglich nicht im Fokus – heute sind aber viele Bio-Produkte darunter“, erklärt Gutberlet.
Zu den Helden gehörten viele Artikel von Produzenten vor Ort: Bäcker, Metzger, Molkereien, Jäger, Lieferanten von frischem Obst und Gemüse, Startups oder kleine Manufakturen. Aber auch Rapunzel-Nudeln oder Produkte von Bauck und der Bohlsener Mühle zählten dazu. Zu Lieferanten wie Voelkel mit seinem Sitz in Niedersachsen unterhalte Tante Enso schon lange gute Beziehungen. Gerade die Aufgabenstellung, Kundenwünsche zu erfüllen, führe auch zu einem wachsenden Bio-Angebot.
Viele Wege ins Regal
Die Beschaffung erfolgt mit Hilfe von Rewe als großem Partner. Die Handelsgruppe liefert Preiseinstiegsartikel, Marken und ihre Eigenmarken als Basis-Sortiment. Dazu kommen lokale Strecken-Lieferanten und regionale Getränke-Logistiker. Drei Mitarbeiter werden extra für den regionalen Einkauf beschäftigt und sitzen entsprechend verteilt in den verschiedenen Regionen. Einige Filialen werden auch von Bio-Großhändlern angefahren.
Ergänzt wird das Angebot von einem eigenen, kleinen Lager in Bremen, von wo aus circa 100 Enso-Helden-Artikel an die Märkte geliefert werden. „Das ist schon etwas aufwendig“, gesteht Gutberlet. Es sei die Lösung für Artikel, die Tante Enso unbedingt im Sortiment haben will und anders nicht beschaffen kann.
Expandieren – und lebendig bleiben
Momentan umfasst ein Tante Enso-Laden durchschnittlich 3.000 Artikel und zwischen 150 und 350 Quadratmetern Fläche. Unter dem Stichwort ‚Enso 2.0‘ sollen künftig auch größere Märkte mit einer Fläche von bis zu 500 Quadratmetern und einem entsprechend größeren Sortiment zur Nahversorger-Kette gehören. Der Umsatz schwanke aktuell je nach der Filialgröße zwischen 500.000 und 1,5 Millionen Euro. Insgesamt gehören zu Tante Enso derzeit rund 600 Mitarbeiter.
Im Mai wurde bekannt, dass Tante Enso 36 Filialen von Gutberlets zuvor geführtem Handelsunternehmen tegut übernehmen will. Sie befinden sich überwiegend in ländlichen Regionen Hessens, Thüringens und Nordbayerns. „Der Vertrag ist unterschrieben – im Juni hat jetzt auch das Bundeskartellamt zugestimmt“, so Gutberlet. Im Sommer sollen dann jeweils etwa eine Handvoll Märkte pro Woche umgestellt werden, im Herbst sollen weitere neue Läden in interessierten Gemeinden dazukommen. „Ende des Jahres werden wir über 120 Tante Enso-Filialen haben“, stellt der Geschäftsführer in Aussicht. Teguts teo-Läden, die auf Kleinstflächen rein digital ohne Bedienung auskommen, gehörten nicht zu den übernommenen Standorten. Angesichts der ‚Bio-verwöhnten‘ bisherigen Kundschaft von tegut sei durch die Übernahme voraussichtlich ein weiterer Bio-Schub im Gesamtsortiment Tante Ensos zu erwarten.
Nach dem dezentralen, schrittweisen Wachstum des Unternehmens stehe jetzt als große nächste Aufgabe an, strukturierter vorzugehen, ohne die Lebendigkeit ersticken zu lassen. „Das ist ein sehr spannender Prozess“, freut sich Gutberlet.
Lena Renner







