Kongress
Sustainable Economy Summit: zwischen Aufbruch und Blockade
Wie Unternehmen die nachhaltige Transformation vorantreiben – und woran es scheitert
Nachhaltigkeit ist längst ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor – davon sind viele Unternehmen überzeugt. Doch fehlende Planungssicherheit, politische Debatten und regulatorische Unklarheiten bremsen Investitionen. Wie lässt sich Naturkapital bilanziell abbilden? Wie können Klimarisiken minimiert werden? Und welche Rolle kann dabei der Ökolandbau spielen? EntscheiderInnen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft kamen am 21. und 22. April im Axica-Kongress- und Tagungszentrum in Berlin zusammen, um praxisnahe Antworten auf die zentralen Herausforderungen der Zukunft zu diskutieren.
„Der Sustainable Economy Summit hat eindrucksvoll gezeigt, dass viele Unternehmen die Transformation nicht nur mittragen, sondern aktiv gestalten wollen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig verlässliche politische Rahmenbedingungen sind, damit aus Engagement konkrete Investitionen werden können“, resümiert Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter, die die Schirmherrschaft des Bundesumweltministeriums vertrat.
Unternehmen fordern Kontinuität der Klimaziele
Wie schon beim letzten Sustainable Economy Summit Ende 2023 wurde auf der Veranstaltung das Sustainable Economy Barometer veröffentlicht. Im März und April 2026 hat das Meinungsforschungsinstitut Civey dafür 2.500 privatwirtschaftliche Entscheider in Unternehmen mit über 50 Mitarbeitern befragt. Demnach steht ein Großteil der deutschen Wirtschaft weiter hinter den Klimazielen und wünscht sich verlässliche politische Rahmenbedingungen für die Transformation.
Knapp zwei Drittel sehen Nachhaltigkeit als Treiber des langfristigen Unternehmenserfolgs – sieben Prozent mehr als 2023. Bereits jedes zweite Unternehmen hat Effizienzmaßnahmen, etwa zur Energieeinsparung, ergriffen. Auch wird einer nachhaltigen Wirtschaft mehrheitlich eine hohe Bedeutung für den künftigen Wirtschaftsstandort Deutschland zugeschrieben (56 Prozent). Verglichen mit 2023 hat die wahrgenommene Bedeutung um zehn Prozentpunkte zugenommen.
Dabei bewerten fast zwei Drittel der Befragten die Rolle der Politik als wichtig für das Erreichen einer klimaneutralen Wirtschaft und die Kontinuität der Klimaziele bis 2045 als wichtig für ihre Planungssicherheit. Auf der anderen Seite betrachten knapp 57 Prozent die wiederkehrende politische Debatte um eine Verschiebung der Klimaziele als wirtschaftsschädlich. Mehr als 72 Prozent bemängeln, dass rechtliche Unsicherheiten rund um Nachhaltigkeitsberichterstattung und Sorgfaltspflichten Investitionsentscheidungen verzögern. Und 59 Prozent der Unternehmen fühlen sich durch Kammern und klassische Wirtschaftsverbände nicht ausreichend bei der Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise unterstützt.
Gefragt nach den sinnvollsten politischen Instrumenten für eine nachhaltige Transformation nannten 48 Prozent den Abbau klimaschädlicher Subventionen, 41 Prozent eine niedrigere Besteuerung nachhaltiger Produkte und 37 Prozent die steuerliche Förderung nachhaltiger Maßnahmen. „Die Wirtschaft ist weiter als die Debatte – jetzt muss die Politik nachziehen“, kommentiert Katharina Reuter, Geschäftsführerin der Sustainable Economy gGmbH, die Barometer-Ergebnisse.
Energiekrise beschleunigt die Wende
Optimismus für die Energiewende brachte der ehemalige Vizekanzler Robert Habeck, jetzt Experte für Außenpolitik am Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS), in seinem Vortrag mit. Durch die aktuelle Energiekrise sei das Vertrauen in die globalen Märkte noch tiefgehender erschüttert als 2022, erklärte er. Als Folge werde eine Ablösungstendenz von fossiler Energie die neuen Märkte definieren, die Elektrifizierung werde in rasender Geschwindigkeit voranschreiten. Im Moment sei China der große Gewinner der Krise, während die Bundesrepublik beim Aufbau der Infrastruktur hinterherhinke, von Zerstrittenheit und einer Investitionsblockade gebremst werde. „Deutschland hat noch die Chance mitzumischen – wir sollten sie nicht verspielen“, riet er.
Naturkapital einpreisen
Ein Podium zum Thema ‚Biodiversität, Naturkapital und wirtschaftlicher Wert‘ nahm die mangelnde Rentabilität von Investitionen in Nachhaltigkeit unter die Lupe. „Wir wollen Bio als Standard in die Mitte der Gesellschaft bringen“, sagte dm-Geschäftsführerin Kerstin Erbe. Der Bio-Anteil des Drogeriemarkts liege im Lebensmittelbereich bereits bei 94 Prozent, davon 30 Prozent Verbandsware. Als politische Fehlsteuerung würden Investitionen in Nachhaltigkeit jedoch nicht honoriert, sondern verteuerten die Produkte. Um die Kosten der Investitionen zu reduzieren, brauche es eine bilanzielle Abbildung. Erst wenn sich nachhaltiges Engagement in Finanzkennzahlen widerspiegle, könne die Transformation gelingen. Von der Politik wünscht sich Erbe einen „massiven“ Bürokratieabbau und die Förderung von zukunftsfähigen Anbaupraktiken, von den Verbänden mehr Zusammenarbeit.
Risikofaktor Biodiversität
Dass sich mit Blick auf die Kreditvergabe seitens von Banken bereits einiges tut, machte Bettina Storck, Nachhaltigkeitschefin bei der Commerzbank, klar. Mit den ESG-Guidelines hat die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) konkrete Anforderungen zur Berücksichtigung von Klima- und Umweltrisiken veröffentlicht. Das kommt nicht von ungefähr: Laut Global Risk Report 2026 stellen Klima- und Umweltrisiken die größten wirtschaftlichen Risiken in den kommenden zehn Jahren dar. Storck berichtete, als „knallharte Geschäftsbank“ arbeite die Commerzbank aktuell aufgrund von Sicherheitsbedenken an einem Biodiversitäts-Risiko-Score, der noch dieses Jahr umgesetzt werden soll. Dabei geht es darum, das Thema Biodiversität bei der Bewertung von Unternehmen vor dem Kreditabschluss einzupreisen. „Das Biodiversitätsrisiko ist als materielles Risiko für uns wesentlich. Die Bankenbranche muss sich mit dem Thema unbedingt beschäftigen“, betonte Storck.
Absprache erlaubt: Potenzial von Nachhaltigkeitskooperationen
Als „bestes operationalisiertes Risiko-Management-System“ hob Jan Plagge, Präsident des Anbauverbands Bioland, den Ökolandbau hervor. Die Land- und Forstwirtschaft habe den größten Einfluss auf Ökosysteme. Mit einem Punktesystem dokumentiert Bioland bereits, welche Maßnahmen zur Förderung der biologischen Vielfalt seine Mitgliedsbetriebe umgesetzt haben. Was noch fehle, sei die Möglichkeit, das Naturkapital in die tägliche Betriebswirtschaft zu übersetzen. Plagge hat jedoch eine Idee, wie dies gelingen könnte. Mit dem Artikel 210a, der gemeinsamen Marktorganisation für landwirtschaftliche Erzeugnisse, hat die EU den Marktteilnehmern vom Einzelhandel über die Hersteller bis zu den Landwirten eine Möglichkeit geschaffen, sich kartellrechtkonform abzustimmen, wenn es darum geht, nachhaltiges Wirtschaften ökonomisch dauerhaft sicherzustellen. Hierin sieht der Bioland-Chef die Chance, wettbewerbsübergreifend eine Inwertsetzungslogik für Naturkapital aufzubauen. „Wir Bio-Verbände wären bereit, diesen gemeinsamen Wirtschaftsdeal zu organisieren“, so Plagge.
„Bio wird uns enorm nach vorne bringen“
Daniela Büchel, die im Vorstand der Rewe-Gruppe die Bereiche Personal und Nachhaltigkeit verantwortet, verwarf das Narrativ, man müsse erst die Wirtschaft retten, bevor man sich um Nachhaltigkeit kümmert, als komplett unsinnig. „Wirtschaftlichkeit entsteht aus der nachhaltigen Transformation“, ist sie überzeugt. Das sehe man etwa am Beispiel von grünen Gebäuden, durch die sich Energie sparen lässt. Nachhaltigkeit ist für Büchel kein Projekt, sondern eine Haltung, die in alle Prozesse integriert und Teil der Unternehmenskultur bis hin zur Ausbildung werden müsse. Während Partner im anglo-amerikanischen Raum ihre Ambitionen aktuell zurückschraubten, presche China mit viel innovativer Technologie nach vorne. Wichtig sei es, die bereits erreichten Errungenschaften nicht aufzugeben und Nachhaltigkeitsziele gemeinsam voranzubringen.
Im Moment sei eine gute Zeit, um viel mehr in Bio zu investieren. Lasse sich gerade allgemein wieder mehr Preissensibilität mit Blick auf Lebensmittel feststellen, so gebe es im Bio-Segment keine Einbrüche, sondern vielmehr zweistellige Wachstumsraten. „Bio wird uns enorm nach vorne bringen“, so Büchels Prognose. Dabei verfingen altruistisch-nachhaltige Narrative im Moment weniger gut, der Kunde greife aber aus gesundheitlichen Erwägungen und, um sich selbst etwas Gutes zu tun, zur pestizidfreien Ware.
Resilienz braucht Übersetzer
Von kulturell aufgeladenen Kämpfen in Brüssel und Abgeordneten, die den Green Deal für gescheitert erklären, berichtete Jörg-Andreas Krüger, Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (NABU). Dabei komme der Problemdruck aktuell spürbar an und werde in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen. Auch in Deutschland werde sich die Lebensqualität massiv verschlechtern, wenn das Thema Resilienz nicht angegangen wird. Als Learning aus der Ampel-Zeit nimmt Krüger mit, dass das Abstrakte und Wissenschaftliche runtergebrochen werden müsse, um es zu verkaufen. Es gelte, Umweltthemen für die Einzelnen zu übersetzen und in geschützten Räumen zu erklären. „Am Ende braucht es Botschafter – Menschen überzeugen Menschen.“
Lena Renner







