Start / Nachhaltigkeit / Bio ohne Nutztiere

Nachhaltigkeit

Bio ohne Nutztiere

Gespräch mit Axel Anders, Vorstandsmitglied beim Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau e.V. 

Ökolandbau ganz ohne Tierhaltung? Beim biozyklisch-veganen Anbau wird nicht nur auf Vieh, sondern auch auf tierische Betriebsmittel wie Mist, Gülle oder Schlachtabfälle vollständig verzichtet. Stattdessen basiert das System auf pflanzlichen Nährstoffkreisläufen, vielfältigen Fruchtfolgen und dem Aufbau eines gesunden Bodenökosystems. Der Schweizer Verein Swissveg, der das bekannte V-Label auf veganen Produkten initiiert hat, hat nun gemeinsam mit der Dachorganisation ‚Biocyclic Vegan International‘ ein neues ‚V-Label Vegane Landwirtschaft‘ ins Leben gerufen. bioPress hat sich mit Axel Anders, Vorstandsmitglied beim Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau, unterhalten. 

bioPress: Herr Anders, wie viele Produkte tragen bereits das V-Label Vegane Landwirtschaft und was ist der Gedanke dahinter?

Axel Anders: Das V-Label Vegane Landwirtschaft ist ganz frisch gestartet, deshalb gibt es erst eine Handvoll zertifizierter Betriebe in Deutschland und der Schweiz. Sobald ein Betrieb biozyklisch-vegan zertifiziert ist, können seine Produkte auch das V-Label Vegane Landwirtschaft tragen. Der Gedanke hinter der Kooperation ist, die biozyklisch-vegane Expertise in  Ökobetriebskontrolle mit der Marktpräsenz des V-Labels zu vereinen. 

Es gibt ja diese Schräglage: Die Ökos sind sehr von ihrer Tierhaltung überzeugt und die Veganer lehnen Tierhaltung komplett ab und sind dabei oft auch konventionell unterwegs. Wir können diese zwei Welten von Grund auf verbinden, den ‚missing link‘ darstellen. 

Zum veganen Gedanken gehört es schließlich eigentlich, Natur und Tiere zu schützen. Glyphosat versprüht und die Biodiversität zerstört zu sehen, wie es in der konventionellen Landwirtschaft häufig geschieht, passt nicht dazu. Wenn man sich bio-vegan ernähren will, ist es nur konsequent, diesen Gedanken auch aufs Feld zu erweitern.

bioPress: Seit wann gibt es den biozyklisch-veganen Standard, und wie viele Betriebe sind bereits als biozyklisch-vegan zertifiziert?

Anders: Das Netzwerk Biocyclic Vegan International hat sich vor etwa zehn Jahren konstituiert. Der für die deutschsprachigen Länder zuständige Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau e.V. besteht seit 2017. Damals wurden auch die Biozyklisch-Veganen Richtlinien beim internationalen Bio-Dachverband IFOAM eingereicht und als eigenständiges Regelwerk in dessen ‚Family of Standards‘ aufgenommen. Damit sind sie weltweit der einzige anerkannte Standard für veganen Ökolandbau.

In Deutschland gibt es erst sechs, weltweit allerdings bereits fast 40 Betriebe, die biozyklisch-vegan zertifiziert sind. Besonders viele befinden sich in Griechenland und Zypern, wo schon lange ein biozyklisches Netzwerk existiert, in dem auf Tierhaltung verzichtet wird. Einige Kleinbauern im Mittelmeerraum warten auch gerade auf eine Zertifizierung. 

bioPress: Wie genau läuft die Zertifizierung ab?

Anders: Erst einmal finden Vorgespräche statt. Die nächste Stufe ist die Erhebung des sogenannten ‚biozyklischen Betriebs-Index‘ (BBI), mit dem die Einbettung eines Hofs ins umgebende Ökosystem genau evaluiert wird. Gibt es ausreichende Habitate für Wildleben? Sind Schutzstreifen zu konventionell bewirtschafteten Flächen vorhanden? Wie ist die Einstellung des Landwirts zu Tieren? Das wird alles genau geprüft und anschließend ein Score von null bis zehn Punkten vergeben. Ab sechs Punkten ist eine Zertifizierung als biozyklisch-vegan möglich – bei niedrigeren Ergebnissen geben wir Empfehlungen, was der Betrieb verbessern kann. 

Ist eine Zertifizierung möglich, folgt nun das eigentliche formale Verfahren bei einer Öko-Kontrollstelle. In Deutschland sind schon mehrere für den biozyklisch-veganen Standard geschult und können den erforderlichen zusätzlichen Fragebogen auswerten. Anschließend evaluiert unsere eigene offizielle Zertifizierungsstelle – die BVL Biocyclic Vegan Label Ltd. mit Sitz in Zypern – das Ergebnis und vergibt das Zertifikat. Damit verbunden ist auch eine Gebühr, die von der Flächengröße abhängt – wir versuchen aber, sie möglichst kleinzuhalten. Der Gesamtbetrag für Kontrolle und Zertifizierung bewegt sich zwischen ein paar 100 bis zu 1.000 Euro.

bioPress: Was sind die Hauptaufgaben des Förderkreises Biozyklisch-Veganer Anbau?

Anders: Unsere Aufgabe ist es, die Sichtbarkeit des biozyklisch-veganen

Anbaus zu erhöhen, Betriebe zu beraten und die Marktentwicklung zu begleiten. Bisher wird noch viel biozyklisch-vegane Ware als normales Bio vermarktet. Außerdem läuft noch viel über den Direktvertrieb, über Online-Shops wie Crowdfarming oder die gerade auf der Biofach vorgestellte Plattform ‚Vegan Farmers‘.

Ein Ziel von uns ist im Moment, mit den Verarbeitern zusammenzukommen, damit diese mehr Produkte aus biozyklisch-veganer Erzeugung auf den Markt bringen. Wenn die Nachfrage durch Verarbeitung und Handel stärker wird, wird auch die Motivation der Landwirte größer, auf biozyklisch-vegan umzustellen.

Sagen zu können, dass eine Hafermilch vom Feld ab nicht nur Bio, sondern auch vegan ist, ist ja eine unglaublich tolle Botschaft, die sich nachhaltigkeitsbewussten Kunden kommunizieren lässt, und damit ein Alleinstellungsmerkmal für Produzenten, Verarbeiter und Händler. 

Zusammen mit engagierten Bio-Herstellern könnten wir Produkte wie Tofu, Tempeh, Humus, Falafel oder Käse aus Lupinen mit dem Biozyklisch-Veganen Gütesiegel und dem V-Label Vegane Landwirtschaft auf den Markt bringen. Aktuell führen wir Gespräche mit größeren landwirtschaftlichen Betrieben, die gerade umstellen. Dadurch werden bald richtig große Mengen an Rohstoffen zur Verfügung stehen.

bioPress: Auf welche Resonanz stoßen Sie in der Landwirtschafts- und Bio-Branche?

Anders: Manches, was ich heute in der biozyklisch-veganen Bewegung erlebe, kenne ich aus den Anfängen der Bio-Szene vor 50 Jahren. Damals gab es viel Gegenwind von konventionellen Landwirten – heute stoßen wir insbesondere bei Bio-Tierhaltern, die sich von einem veganen Ansatz provoziert fühlen, auf große Skepsis. Gerade in Deutschland ist Bio ja eng mit der Tierhaltung verbunden. Es gibt aber auch viele Ökobauern, die schon jetzt viehlos wirtschaften – auch solche, für die Tierhaltung keine Zukunftsperspektiven mehr bietet. Und manche jungen Landwirte, die den Hof ihrer Eltern übernehmen, entscheiden sich, auf veganen Ökolandbau umzustellen. Das ist wohl auch eine Generationenfrage. 

bioPress: Tierische Düngemittel sind im biozyklisch-veganen Anbau tabu. Welche Düngemittel kommen stattdessen zum Einsatz?

Anders: Wir verwenden die ganz klassischen Methoden des Ökolandbaus: weite Fruchtfolgen, das Cut-and-Carry-Verfahren mit Gründünger, Leguminosen, Holzschnitt, Mulch, Kompost. Der biozyklisch-vegane Anbau ist keine neue Methode, sondern ein Prinzip. Man kann auch rein pflanzliche Düngemittel zukaufen. 

Viele Landwirte bei uns sind selbst gar keine Veganer, aber möchten von tierischen Düngemitteln wie Hornspänen und Schlachtabfällen mit Medikamentenresten wegkommen, die auch im Bio-Anbau häufig aus konventioneller Produktion und aus wirklich furchtbaren Umständen stammen. Allen Unkenrufen zum Trotz haben unsere Betriebe eine gute Bodenfruchtbarkeit und gute Erträge.

bioPress: Gibt es wissenschaftliche Studien, die den biozyklisch-veganen Ansatz stützen, und wo sehen Sie selbst aktuell noch Forschungsbedarf?

Anders: Die Forschung ist noch in den Anfängen – dabei gibt es einen großen Bedarf. Auf unserer Website haben wir bestehende wissenschaftliche Literatur zusammengefasst. Erste Feldversuche zur Fruchtbarkeit liefern bereits einige interessante Ergebnisse. So zeigte ein Langzeitversuch über Leguminosendüngung in Holland beispielsweise positive Resultate. 

Für die Universitäten Witzenhausen und Eberswalde haben wir einen Sommerkurs zum biozyklisch-veganen Anbau entwickelt, mit Vorträgen und Exkursionen. Während die Professoren oft erst überzeugt werden müssen, besteht bei den Studenten großes Interesse für das Thema und es gibt mehr und mehr Abschlussarbeiten dazu.

bioPress: Werden Sie von der Politik unterstützt, und wünschen Sie sich mehr Unterstützung?

Anders: Ja und ja – es müssen mehr Projekte gefördert werden, wir haben aber auch schon Förderprojekte bewilligt bekommen. So wurde etwa das Projekt ‚Veganer Ökolandbau‘ durch das Umweltbundesamt finanziert, das zum Ziel hatte, den Beitrag des biozyklisch-veganen Anbaus zur Transformation des Ernährungssystems zu erhöhen – durch Bildungsmaßnahmen, den Aufbau von Netzwerken und die Verbesserung der Kontrollstrukturen.

Aktuell läuft im Rahmen des Chancenprogramms Höfe des Bundeslandwirtschaftsministeriums ein Projekt für die Proteinwende, bei dem Workshops zu Möglichkeiten des Anbaus von nicht-legumen Eiweißpflanzen wie Walnüssen, Pilzen, Hanf oder Quinoa stattfinden. Und bald starten soll ein Projekt im Rahmen des Förderprogramms RiWert (Richtlinie zur Förderung von Bio-Wertschöpfungsketten), das den Aufbau biozyklisch-veganer Wertschöpfungsketten in Berlin, Brandenburg und Sachsen zum Ziel hat und dabei Wege vom Landwirt bis zu Handel und Gastronomie eröffnen soll.

bioPress: Wie schätzen Sie die Nachfrageentwicklung für biozyklisch-vegane Produkte ein?

Anders: Ich erwarte in Zukunft ein stark wachsendes Interesse. Den meisten ist die Thematik noch gar nicht bewusst. Wenn man sie aber richtig kommuniziert, werden die Leute hellhörig. Der Tierhaltung stehen ja viele bereits kritisch gegenüber. Laut Gerold Rahmann, Leiter des Instituts für Ökologischen Landbau am Thünen-Institut, ist eine wirklich nachhaltige, tierwohlbedachte Tierhaltung wirtschaftlich gar nicht möglich. Momentan ist die Nachfrage noch gering, aber wir legen jetzt den Samen für die Zukunft.

Interview: Lena Renner

[ Artikel drucken ]

Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Biozyklisch veganer Landbau

Kreislaufwirtschaft ohne tierischen Dünger

In der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) ist die Methode des biozyklisch-veganen Anbaus als weltweit gültiger Bio-Standard anerkannt. Damit können Betriebe überall nach diesen Anbaurichtlinien wirtschaften. Zu erkennen sind die veganen Lebensmittel an dem Gütesiegel "aus biozyklisch-veganem Anbau".

09.05.2018mehr...
Stichwörter: Nachhaltigkeit, Biozyklisch-veganer-Anbau

BESH präsentiert ‚Climate Fair Pork‘ bei Agrarforschungsallianz

Projekt zur klimaresilienten Fleischerzeugung erzielt CO2-Reduktion von fast 56 Prozent

BESH präsentiert ‚Climate Fair Pork‘ bei Agrarforschungsallianz © BESH

Bei der Jahrestagung der Deutschen Agrarforschungsallianz (DAFA) in Berlin hat die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) am Montag die Ergebnisse des Projekts ‚Climate Fair Pork‘ zur klimaresilienten Fleischerzeugung vorgestellt. Laut BESH konnten die CO2-Emissionen, die bei der Produktion des ‚Schwäbisch-Hällischen Qualitätsschweinefleischs g.g.A.‘ anfallen, im Vergleich zu deutschem Standardfleisch mittlerweile um fast 56 Prozent reduziert werden.

23.04.2026mehr...
Stichwörter: Nachhaltigkeit, Biozyklisch-veganer-Anbau

Regionales Bio-Fruchtgemüse hat wieder Saison

Erzeugerverband Bio.Fru.Pro will wachsen

Regionales Bio-Fruchtgemüse hat wieder Saison © mediaPool

Mit der ersten Gurkenernte im März und den ersten Tomaten im April hat die Hauptsaison für deutsches Fruchtgemüse aus dem Bio-Gewächshausanbau begonnen. Der Handel kann nun zunehmend die Importware aus Südeuropa durch heimisches Gemüse ersetzen. Der Erzeugerverband Bio Fruchtgemüse Produzenten e.V. (Bio.Fru.Pro) sieht eine steigende Nachfrage und warnt davor, dass Importe während der Saison das Bio-Flächenwachstum bremsen.

21.04.2026mehr...
Stichwörter: Nachhaltigkeit, Biozyklisch-veganer-Anbau