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Wo Werte und Menschen zählen

Bio-Unternehmen denken Wirtschaft und Nachwuchsförderung auf andere Art

Wo Werte und Menschen zählen © HUOBER BREZEL GmbH & Co. KG
Im Oktober 2022 fand das erste Auszubildenden-Camp der Jungen Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller in Erdmannhausen statt.

Schon seit vielen Jahren sind Bio-Unternehmen attraktive Arbeitgeber, insbesondere für jüngere Generationen auf der Sinnsuche – und gerade die nachfolgende Generation Z (Jahrgänge ab 1995) macht diese Suche nach Sinnhaftigkeit mehr denn je zur Priorität im Job, wie aktuelle Studien und Umfragen zeigen. So gaben laut Personaldienstleister Randstad in einer Befragung fast die Hälfte der Teilnehmenden an, einen Job in einem Unternehmen ausdrücklich nur dann anzutreten, wenn das Unternehmen ihren sozialen und ökologischen Ansichten entspricht.

Verstärkt durch die öffentliche Debatte über planetare Grenzen und die Zukunft folgender Generationen ist die Sehnsucht nach einer sinnerfüllten Tätigkeit stetig gewachsen. Eine Chance für eine Branche, in der Werte und Menschen zählen – doch was können speziell Bio-Unternehmen den Nachwuchskräften bieten? Zufriedenheit durch aktive Arbeit an den ökologischen Herausforderungen unserer Zeit, Sinnhaftigkeit durch freies Mitgestalten und Selbstverwirklichung durch flexible Unternehmensstrukturen – kurz gesagt: ein starkes ‚Warum‘.

Best Practice-Beispiele für gelungene Orientierung

Die junge AöL, eine Gruppe von Jungunternehmern, die aus der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller e.V. (AöL) heraus entstanden ist, möchte in unterschiedlichen Aktivitäten die Stärken der Bio-Branche als Arbeitgeber für Auszubildende und junge Mitarbeiter in den Fokus rücken. So hat im Oktober 2022 das erste Auszubildenden-Camp der Jungen AöL in Erdmannhausen stattgefunden. Eine Austauschplattform für Auszubildende verschiedener Unternehmen der Biobranche, wie Rapunzel, BioGourmet, Huober Brezel, ErdmannHauser, All Organic Treasures und Neumarkter Lammsbräu.

Der Gastgeber Arlend Huober, Geschäftsführer von Huober Brezel bot gemeinsam mit den Auszubildenden von Huober Brezel und ErdmannHauser spannende Einblicke in die beiden Verarbeitungsbetriebe und sprach über die Motivation, die ihn persönlich antreibt: Lernen voneinander zu lernen, Ängste und Konkurrenzdenken abbauen und gemeinsam vertrauensvoll die Zukunft gestalten. Denn der Mittelstand kann in unserem Wirtschaftssystem nur im Schulterschluss langfristig überleben. Gleichzeitig bieten gerade kleine und mittelständische Unternehmen sinnvolles Schaffen in der Gemeinschaft. Die Azubi-Tage sind ein Best Practice-Beispiel für Fachkräftebindung, denn wenn junge Menschen die Haltung, die sich hinter dem Begriff ‚Bio‘ verbirgt, direkt erleben und im Austausch mit anderen festigen, dann können sie die Werte und den Mehrwert von Bio in konkretes Handeln übersetzen. Dann können sie den Bio-Gedanken weitertragen und andere dafür begeistern.

Austausch als Chance für Werte

Für die Unternehmen der Bio-Branche bietet ein enger Austausch, der vor allem durch Verbände gewährleistet wird, die Möglichkeit, Werte und Informationen in die Praxis zu transferieren. Unternehmen schaffen für ihre Mitarbeiter Identifikation, Mehrwert und Verständnis für das eigene Handeln – und das bereits ab der Ausbildung. Die Sinnsuche kann als Chance im Kampf um Arbeitskräfte gelten, und ein Wir-Gefühl in der Bio-Branche stärken. Junge Bio-Arbeitnehmer gelten dabei als Multiplikatoren einer Vision von morgen. Der direkte Austausch, sei es in Aktionstagen, Arbeitskreisen der AöL oder Branchen-Treffen, bietet Bildung über den Tellerrand der Ausbildung hinaus. Netzwerke entstehen, die ganz konkret im Alltag unterstützen. Denn auch heute ist Bio in vielen Feldern Pionier – auf andere Art als zu Zeiten der Gründer, aber sicherlich nicht weniger komplex. In dieser Vorreiterrolle ergeben sich viele, zuvor nie dagewesene, Fragestellungen im Alltag, für die gute Netzwerke Antworten und Hilfestellungen bieten können.

Freiheit zur Entfaltung durch aktive Teilhabe

Neben der Sinnsuche ist für viele Arbeitnehmer die ‚Work-Life-Balance‘, also der Ausgleich zwischen Beruf und Privatleben, ein maßgebliches Thema auf dem Arbeitsmarkt. Die Freiheit, über Arbeitszeiten, konkrete Arbeitsausgestaltung und eine angenehme Arbeitsatmosphäre im angemessenen Rahmen eigenverantwortlich entscheiden zu können, steht im Fokus. Nicht in jedem Arbeitsbereich lassen sich alle Aspekte neuer Modelle, wie Homeoffice, abbilden – insbesondere in der Produktion braucht es andere Lösungen, um die Freiheit in den Arbeitsalltag zu integrieren. Bio-Unternehmen bieten aber auf allen Ebenen Gemeinschaft: ein Miteinander und eine positive Stimmung in der Arbeitsatmosphäre. Flexibilität und gegenseitige Wertschätzung sind Kernidentität der Bio-Unternehmen, sie werden gelebt und vermittelt. Auch die Strukturen in den Unternehmen sind flexibel, passen sich neuen Umständen schnell an und bieten Raum für individuelle, eigenverantwortliche Entfaltung. Mitentscheidungsmöglichkeiten stehen oftmals im Fokus.

„Für mich ist die sogenannte ‚Piratenregel‘ eines bekannten Bio-Unternehmens gelebte Teilhabe. Nach ihr dürfen alle Mitarbeitenden von den Vorgaben abweichen, insofern es im Sinne des Unternehmens passiert und die Person die Verantwortung für ihr Tun übernimmt. Das ist funktionierende Eigenverantwortung“, führt Matthias Beuger von der AöL als Praxisbeispiel an. Eigenverantwortung für diejenigen, die eigenverantwortlich Handeln möchten – genau diese Freiheit macht Bio-Unternehmen zu attraktiven Arbeitgebern. 

Sicherheit in Krisenzeiten durch Resilienz

Bei aller Sinnhaftigkeit und Freiheit ist, nicht nur für jüngere Generationen, auch Sicherheit ein wichtiger Aspekt der Arbeitswelt. Arbeitsplätze in Bio-Unternehmen werden immer sicherer, denn die politischen und gesellschaftlichen Bestrebungen hin zu einem nachhaltigen Ernährungssystem setzen entsprechende Rahmenbedingungen für ein langfristiges Bestehen der Bio-Unternehmen. Politische Ziele, wie das 30-Prozent-Bio-Ziel der Bundesregierung, stellen die Weichen für einen florierenden Bio-Markt und schaffen neue Arbeitsplätze vor Ort in den Regionen. Diskussionen um nachhaltige Investments und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen der Banken beschleunigen diese Entwicklung zunehmend.

Was also bietet die Arbeit in der Biobranche den Menschen? Eine Arbeit, in der sie und ihre Werte zählen. Eine Arbeit für diejenigen, die nicht weniger wollen, als eine neue, lebenswerte Welt zu schaffen. Ein neues Wirtschaften, ein neues Miteinander. Wer auf Sinnsuche ist, der findet hier Raum für Selbstentfaltung.

Matthias Beuger, Lisa Mann

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