Start / Ausgaben / BioPress 48 - August 2006 / Dinkel und Dunkles

Bier

Dinkel und Dunkles

Flaschenverkauf und Spezialitäten prägen den noch kleinen Bio-Bier Markt

Bio-Bier ist noch ein kleines Pflänzchen. Bisher wächst es überwiegend im Naturkostfachhandel, gedeiht aber zunehmend im Getränkehandel und hält langsam Einzug in den traditionellen Lebensmitteleinzelhandel. Gemessen an den konventionellen Volumen-Produkten ist jedes Öko-Bier ein Spezial-Bier. Aber hier ist die Wiese tatsächlich noch bunt. Ein Pils ist für jeden Braumeister Pflicht, ebenso Weizenbiere und die hellen Lagerbiere. Daneben gibt es aber noch eine erstaunliche Artenvielfalt. Einige Brauereien vertreiben national, insgesamt ist die Branche stark regional geprägt von kleinen Privatbrauereien. Den Riesen schmeckt das Bio-Bier noch nicht. Zu klein ist der Schluck, der hier aus der Umsatz-Flasche genommen werden kann.


Bier spielt im Bio-Warensegment im Vergleich zu Getreideprodukten oder Backwaren noch eine untergeordnete Rolle. Bio-Bier wird wegen des Alkoholgehalts nicht mit gesunder Ernährung verbunden, obwohl nährstoffreich. Außerdem hat das herkömmliche Bier aufgrund des Reinheitsgebots einen gute Reputation beim Verbraucher, trotz erlaubter Zusatzstoffe wie Polyvinylpolypyrrolidon (PVPP) oder Zuckercouleur. Hier hat das Bio-Bier gegenüber dem Industriebier Vorteile, die aber an die Kaufleute kommuniziert werden müssten. Daneben ist der Bier-Trinker markentreu: Oft schwört er auf das heimatliche Gebräu, oder das Bild des Fernseh-Bieres ist fest im Kopf verankert.

Bio-Bier-Konsum steigend

115 Liter pro Kopf schluckten die Bundesbürger 2005. Das sind 30 Liter weniger als 25 Jahre zuvor. Allerdings ist der Konsum im Vergleich zu den europäischen Nachbarn hoch. Nur die Tschechen und Iren trinken nach Angaben des deutschen Brauerbundes mehr. Wenn die Bio-Branche zehn Prozent der Biertrinker für sich gewinnt, ist das ein großes Fass. Nur Kaffee (145 Liter) und Wasser (135) trinken die Bundesbürger lieber. Bioland schätzt den Bio-Bierausstoß auf 300.000 Hektoliter. Da trinkt der Deutsche durchschnittlich gerade mal eine 0,33 Liter Flasche pro Jahr, wogegen er 230 Halbliter Flaschen herkömmliches Bier durch die Kehle laufen lässt. Das Bio-Bier ist noch im Dornröschen-Schlaf. Aber die Tendenz ist steigend. Die Bio-Brauer melden durchweg hohe einstellige bis zweistelliges jährliche Wachstumsraten bei leicht sinkendem Absatz des herkömmlichen Bieres.

Aktuell ist der Hauptvertriebsweg im Naturkostfachhandel. Die Bio-Läden verkaufen Bier meist flaschenweise. Das ist für das Grillfest, den Fernseh-Abend mit Freunden oder die Geburtstagsfeier nicht das richtige Gebinde. Erst wenn es im Kasten angeboten wird, steigt der Absatz. „Kistenverkauf im großen Stil sehe ich nicht", sagt Friedhelm von Mering, Ressortleitung Verarbeitung bei Bioland. Um eine eigene Getränkeabteilung zu betreiben werden Flächen von mehr als 1.000 Quadratmeter benötigt." So groß sind aktuell nur wenige Bio-Supermärkte. Mit der steigenden Zahl an Bio-Supermärkten werden mehr Kisten verkauft.

Zudem haben es neue Hersteller schwer eine Listungen im Naturkostgroßhandel zu bekommen. Der Großhandel will sein Sortiment nicht unbedingt vergrößern, sondern eher den Absatz der vorhanden Artikel steigern. Die Bio-Brauer müssen sich neue Vertriebslinien suchen. Der Getränkefachhandel könnte spannend sein. „Ein bisschen Bio-Bier reicht hier aber nicht. Da muss eine ganze Menge mehr an Bio-Getränken stehen, damit es auffällt", gibt Friedhelm von Mering zu Bedenken. Für den gehobenen LEH ist nach Auffassung von Merings noch „viel Musik drin". Das hängt aber davon ab, wie viel Energie der Handel in die Getränkeabteilung steckt. Noch immer sehen viele aus wie eine Garage. In der jüngsten Vergangenheit konzentrierten sich die Kräfte eher auf den Aufbau von Rücknahmesystemen.

Bio-Bier bei der Edeka

Die Edeka-Südwest bietet ihren Händlern Binger Lammbräu an. Neumarkter Lammsbräu steht beim SB-Warenhaus Globus aus St. Wendel in den Regalen. Der mittelständische Lebensfilialist Tegut aus Fulda vertreibt mit Rother Bräu ein Öko-Bier aus der heimatlichen Rhön. Das sind aber noch Einzelfälle. Teilweise hat der Handel noch ein antiquiertes Kundenbild. Der Bio-Käufer gilt als Saft- und Milchtrinker. Diese Vorstellung vom Kunden nennt von Mering historisch. Ein weiteres Hemmnis ist, dass die Getränkekisten überwiegend von Männern gekauft werden. Die anderen Einkäufe erledigen dagegen überwiegend die Frauen, die Bio gegenüber aufgeschlossener sind, als das angeblich starke Geschlecht. Und beim Bier macht Mann keine Experimente.

Einen schwachen Auftritt haben Bio-Biere noch in der Gastronomie. Die Gaststätten sind meist mit Verträgen an konventionelle Brauereien gebunden, was aus Sicht von Merings ein rasanteres Wachstum behindert. Die Präsenz beschränkt sich auf Ballungsräume oder auf die Region der Brauerei. Gereicht wird es überwiegend in der Flasche.

Hier ist der Wein einen kleinen Schritt weiter. Er hat schon mehr Akzeptanz in guten Restaurants gefunden. Die alkoholfreie Bionade, die Erfindung eines Bier-Brauers, ist das einzige Bio-Getränk, das richtig Tritt gefasst hat und zum Kultgetränk avanciert ist. Der Gersten- und Weizensaft birgt die gleichen Möglichkeiten. Die gehobene Gastronomie oder Hotellerie könnten hier Impulse geben.

Mit rund fünf Prozent hat das Brau-Erzeugnis einen geringen Alkoholgehalt. Wein enthält ungefähr das Doppelte. Die Leichtbiere oder Mischgetränke haben nur 2,5 bis drei Prozent. Das führt mäßig genossen nicht zum Aufbau eines Alkoholspiegels im Blut, wie die Riedenburger Brauerei in ihrer Sortimentsliste anmerkt. Natürlich gibt es auch alkoholfreies Bio-Bier ideal für Autofahrer, Sportler und Gesundheitsbewusste.

Bio-Brauer glänzen mit Spezialbieren

Pils macht im herkömmlichen Sektor zwei Drittel des Volumens aus. Auch die Bio-Brauer haben durchweg ein Pils auf Lager. Export hat bei den herkömmlichen Brau-Erzeugnissen einen Marktanteil von rund zwölf Prozent. Die Lager Biere, zu dem auch Export zählt, bilden beim Bio-Bier ebenfalls eine große Gruppe. Weizenbier hat im Konventionellen einen Anteil von etwas unter zehn Prozent. Allerdings wächst dieses Segment bei rückläufigem Gesamtkonsum. Bio-Weizenbiere gibt es in zahlreichen Varianten. Kein Wunder denn die Bio-Brauereien sind meist im Weissbier-Land Bayern zuhause.


Daneben gibt es eine große Zahl an Spezialitäten vom Schwarzbier über Leicht-Bier bis zu Starkbier. Die Bio-Braumeister erweisen sich als äußerst kreativ. Alte Getreide wie Dinkel, Emmer und Einkorn werden für das Brauen entdeckt. „Die große Sortenvielfalt zeigt, dass Bio-Brauer mit der Landwirtschaft verwoben sind. Sie beschäftigen sich intensiver mit der Frage, was wächst auf den Feldern, was kann ich damit machen", erklärt von Mering.

Alkoholfreien Sorten und die Bier-Mischgetränke (BiMi) sprechen vor allem Autofahrer, Sportler, Jugendliche und Frauen an. BiMi verzeichnen hohe Wachstumsraten, während der Bierverbrauch insgesamt rückläufig ist.

Handelsmarken spielen bei Bio-Bier keine Rolle. Nur Feneberg verfolgt mit Von Hier diese Strategie. Bier braucht eine Heimat. Die kann Feneberg ihm geben, denn es kommt von Der Hirschbräu in Sonthofen, das im Vertriebsgebiet des Lebensmittelfilialisten liegt. Oft verleiht der Brauort den Namen: Neumarkt, Riedenburg, Weissenohe und Roth seien genannt. Oder es ist mit dem Namen des Brauers verbunden wie bei Pinkus, Michael oder Unertl.

Anton Großkinsky


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