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‚Bio von unten‘ braucht jetzt mutige Politiker

Gespräch mit dem Handel beim Bioland Genuss-Markt

‚Bio von unten‘ braucht jetzt mutige Politiker
(v.l.n.r.) Bioland-Präsident Jan Plagge, Jürgen Mäder, Geschäftsführer der Edeka Südwest, und Wilhelm und Armin Rinklin, Geschäftsführer des Eichstetter Bio-Großhändlers Rinklin Naturkost

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums veranstaltete Bioland am vergangenen Sonntag einen Genuss-Markt in Eichstetten am Kaiserstuhl. Bioland-Partner gaben Besuchern einen Einblick in ihre Arbeit und Erzeugnisse. Daneben wurde auch der Fokus des Verbands, das Wachstum im Handel und die Rolle der Politik beleuchtet. Bioland-Präsident Jan Plagge sprach dafür mit Jürgen Mäder, Geschäftsführer der Edeka Südwest, Wilhelm Rinklin, Mitbegründer des Bioland-Verbandes und Seniorchef, und Armin Rinklin, Juniorchef des örtlichen Bio-Großhändlers Rinklin Naturkost.

„Bio ist kein elitäres Projekt. Bio ist ein Projekt von unten“, sagte Plagge in seiner Begrüßungsrede. Der Weinort Eichstetten sei ein Vorbild dafür, wie die Transformation von unten gelingen kann. Hier trafen sich 1976 zum ersten Mal Vertreter der Mitgliedsbetriebe zur ersten Bundesversammlung des ‚bio-gemüse e.V.‘, dem Vorläufer des heutigen Bioland-Verbandes.

Bioland ist für Plagge nicht nur eine Mindestanforderung, nicht nur ein Label, sondern eine Wertegemeinschaft. Daher sei auch keine Expansion über den deutschsprachigen Raum hinaus geplant. „Wir wollen ein basisdemokratischer und regional verankerter Verband bleiben, in dem Bauern über die Zukunft entscheiden.“

Die direkte Rückverfolgbarkeit zu den Erzeugern sei dem Verband besonders wichtig. Viele Richtlinien für Landwirtschaft und Verarbeitung gingen weit über den EU-Maßstab hinaus. Zum Beispiel hat Bioland in den letzten fünf Jahren eine Biodiversitätsrichtlinie erarbeitet und Bewertungsmaßstäbe für verschiedene Betriebe entwickelt. Mittels eines Punktesystems können die Höfe jetzt auch nach außen zeigen, welche Naturschutzleistungen sie erbringen. „Jeder Betrieb kann noch viel mehr für den Artenschutz tun, als auf Pestizide zu verzichten!“, so Plagge. Auch das Tierwohl ist dem Verband ein Anliegen. Anders als beim EU-Siegel werde nicht nur der Auslauf, sondern auch die Tiergesundheit erfasst.

Der Handel als Bio-Partner

Schon in den 80er Jahren wurde bei Bioland darüber diskutiert, ob Bio in den Supermärkten verkauft werden sollte. Seit fast zehn Jahren hat der Verband nun eine Partnerschaft mit Edeka Südwest. Der Geschäftsführer Jürgen Mäder war aus diesem Grund bei der Jubiläumsveranstaltung zu Gast.

„Wir marschieren mit Bioland stolz in Richtung 100 Millionen Euro Umsatz“, meinte Mäder. Heute habe Edeka Südwest 2.800 Bio-Artikel im Sortiment, mehrere 100 auch regional. Bio sei inzwischen bereits überall, deshalb müssten Händler mit ihrer Auswahl ihr Profil schärfen. Es gelte herauszufinden, wer innerhalb des Markts die besten Produkte mache, und wieder mehr regionale Strukturen vor Ort aufzubauen. „Gott sei Dank haben wir im Südwesten die Landwirte dafür da!“, so Mäder.

Aktuell sieht er besonderes Potenzial in alkoholfreien Getränken, Wein, TK-Ware, Convenience, Fleisch und Backwaren. Hier sei man auf der Suche nach weiteren Partnern. Als „Botschafter für das kulinarische Erbe“ wolle Edeka vermehrt alte Sorten und alte Herstellungsverfahren fördern, außerdem Verpackungen nachhaltiger machen und mehr in Kreisläufen denken. Laut der Verbraucherzentrale sei die Handelskette der größte Unverpacktladen in Deutschland.

Armin Rinklin, Junior-Geschäftsführer vom Eichstetter Bio-Großhändler Rinklin Naturkost, war sich mit Mäder einig, dass das Ziel 100 Prozent Bio nur mit allen gehe. „Bei allen Idealen brauchen wir auch den ökonomischen Ansatz“, meinte er. „Aber als Klammer außen herum die Ökologie.“

Auch ohne Hilfe der Politik rechnen die beiden Händler damit, dass das Bio-Wachstum weitergehe. Rinklin wünscht sich aber weniger Komplexität und weniger Bürokratie. „Es sollte keine zehn Jahre brauchen, bis ich die Baugenehmigung dafür bekomme, einen neuen Stall zu bauen“, sagte er. Die Politik solle deshalb vor allem die Prozesse vereinfachen.

Mutige Politiker für neue Rahmenbedingungen

Hier ist Plagge etwas anderer Meinung und verlangt von den Politikern noch deutlich mehr. Das aktuelle Bio-Wachstum werde nicht ausreichen, um den Klimawandel aufzuhalten, mahnte er. „Deshalb brauchen wir mutige Politiker, die dafür sorgen, dass es den Leuten einfacher gemacht wird, die richtige Entscheidung zu treffen. Durch die richtigen Rahmenbedingungen. Das kann kein einzelner Unternehmer erreichen.“

Gleichzeitig sprach sich Plagge dagegen aus, zugunsten des Klimaschutzes die komplette Tierhaltung abschaffen zu wollen. 60 Prozent der weltweit landwirtschaftlich genutzten Fläche seien Grünland. Dort werde der meiste Kohlenstoff gespeichert. Zum Kreislauf des Lebens gehöre beim Menschen auch das domestizierte Tier. „Weniger Fleisch ist wichtig, aber die Tierhaltung gehört fest zu einer nachhaltigen Landwirtschaft dazu!“ Zumindest in unseren Breiten gehe es nicht ohne.

Lena Renner


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