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Nachhaltigkeit

Mit Pfand und QR-Code gegen Einweg-Abfall

Startups machen sich für Mehrwegbehälter in der AHV stark

Mit Pfand und QR-Code gegen Einweg-Abfall © Vytal Sven Witthoeft

346.419 Tonnen an Abfall für Einweggeschirr und To-Go-Verpackungen fielen 2017 in Deutschland an – so eine Studie des NABU, durchgeführt von der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM). Für gut 60 Prozent davon sind Systemgastronomie, Imbisse und sonstige gastronomische Einrichtungen verantwortlich. Dagegen stellen sich jetzt Startups, die Mehrwegbehälter über Pfandsysteme etablieren wollen.

Über die Hälfte des Einwegmülls machen Teller, Boxen und Schalen für Speisen aus, 20 Prozent entfallen auf Becher und Tassen für Getränke. 2,8 Milliarden Wegwerfbecher landen laut Umweltbundesamt jährlich im Müll, dazu 1,3 Milliarden Deckel. Was das Material betrifft, so sind Papier, Pappe und Karton (PPK) die dominierende Abfall-Art. Daneben spielen auch Kunststoffe mit 30 Prozent eine bedeutende Rolle.

Als Folge des Abfalls landen jährlich bis zu 12,7 Millionen Tonnen Plastik im Meer. In Form von Mikroplastik gelangt es schließlich auch in Luft und Lebensmittel. Zusätzlich verursachen die Müllberge hohe Kosten für die kommunale Müllentsorgung: Rund 700 Millionen Euro geben kommunale Stadtreiniger für die Entsorgung aus – so eine Studie des Bundesumweltministeriums und des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU).

Mehrweg im Trend

Abhilfe verspricht etwa das Mehrwegbecherpfandsystem des Münchener Startups reCup GmbH. Wer seinen Coffee-to-go im BPA-freien Recup-Becher bestellt, muss einen Euro Pfand hinterlegen. Um das Pfand zurückzuerhalten, können leere Becher deutschlandweit bei den mehr als 8.000 Recup-Ausgabestellen wieder abgeben werden. Die Becher werden vor Ort gereinigt und anschließend wieder ins System zurückgeführt. Alle teilnehmenden Partner und der Weg zur nahegelegensten Ausgabestelle lassen sich über die kostenlose Recup-App oder unter app.recup.de einsehen. Mittlerweile sind es über 5.200 Cafés, Restaurants, Bäckereien, Kioske und Tankstellenstationen. Auch denn’s, Alnatura, BioCompany und Basic sind bereits Recup-Partner und haben das System deutschlandweit implementiert. Außer den Mehrwegbechern werden inzwischen mit dem Pfandsystem Rebowl auch Take-away-Schalen angeboten.

Auch andere Pfandsysteme werden aktuell in deutschen Großstädten erprobt. Das Berliner Non-Profit-Unternehmen Tiffin Loop bietet eine Mitnahmebox aus Edelstahl an. „Wir wollten einen hochwertigen plastikfreien Behälter, der sowohl für die Gesundheit als auch für die Umwelt unbedenklich ist", sagt Geschäftsführer Mustafa Demirtas. Schon wenn der Behälter fünf Mal zirkuliert ist, sei die wegen der Herstellung erhöhte CO2-Bilanz wieder ausgeglichen. Um eine Box mitzunehmen, müssen Kunden seit Juli 2021 lediglich einen QR-Code in der Tiffin App vorzeigen. Eine Gebühr von 20 Euro wird nur fällig, wenn die Box nicht innerhalb von zwei Wochen bei einem der teilnehmenden Restaurants zurückgegeben wird. Als Alternative können Kunden auch eine Tiffin Card kaufen. Noch dieses Jahr will Tiffin Loop sein Angebot um einen Tiffin Beu-tel zum Transport der Boxen sowie eine Tiffin Cup für Getränke erweitern. Mit rund 15 Partnern in Berlin, Hamburg und Köln befindet sich das Startup aktuell noch in der Pilotphase.

Etwas weiter ist da schon das digitale Mehrwegsystem Vytal, das auch für Kantinen, Caterer und Unternehmen gedacht ist und bereits 1.300 Partner gefunden hat. Auch hier müssen Kunden bei der Verwendung kein Pfand zahlen, sondern sich lediglich bei der Vytal-App registrieren und den Behälter innerhalb von 14 Tagen wieder zurückbringen. Per QR-Code können die Boxen zu ihren Nutzern rückverfolgt werden, sodass diese über die App bequem einsehen können, welche Schalen gerade ausgeliehen sind und wie viel Zeit noch zur Rückgabe bleibt. Bei Überschreitung der Nutzungsdauer wird eine einmalige Gebühr von zehn Euro fällig. Außerdem fällt für Restaurants und Kantinen eine Einrichtungsgebühr von 100 Euro sowie eine Befüllungsgebühr von wenigen Cents pro Nutzung an.

Die Mehrwegschalen, die in drei verschiedenen Größen erhältlich sind, werden testweise bereits an mehreren Rewe-Salatbars ausgegeben. Auch die Lieferdienste Volt und Gorillas nutzen sie.

Über QR-Code und Nutzungsgebühr funktionieren auch die digitalen Mehrwegsysteme Relevo und eatTAINABLE. Relevo wurde Anfang 2020 gegründet und hat inzwischen bereits um die 400 Partner. Bis zu 1.000 Mal wiederverwendet könnten seine Mehrweg-Sets aus recycelbarem SAN-Kunststoff werden. Zudem würden sie zu 100 Prozent in Deutschland entwickelt und produziert.

eatTAINABLE wurde von der Max Maier Unternehmensgruppe in Kooperation mit der Küchentechnik-Firma Rieber entwickelt. Wie Tiffin Loop stellt es Boxen aus Edelstahl zur Verfügung, die von der kleinen Einportionen-Box mit 0,5 Liter bis zum Großverpflegungsbehälter mit 55 Litern reichen. Außerdem können Gastronomen auch bereits vorhandene, eigene Behälter verwenden, die dafür einfach mit dem QR-Code nachgerüstet werden. Statt per App ist die Ausleihe der Boxen auch über eine Mehrweg-Kundenkarte möglich.

Eine Nutzungsgebühr von 13,5 Cents pro Nutzung für Gastronomen wird bei dem Stuttgarter Startup reCIRCLE veranschlagt, dessen große Schwester in der Schweiz sitzt. In unterschiedlichen Größen sind vier verschiedene Boxen zur Mitnahme verfügbar. Die Dosen bestehen aus PBT, der Deckel aus Polypropylen. Zehn Euro Pfand zahlen Kunden für die Mitnahme eines Behälters. Seit Ende 2020 ist bei den Mehrwegboxen auch wiederverwendbares Besteck inklusive, im Juli dieses Jahres wurde das Portfolio um einen transparenten, isolierenden Mehrwegbecher ergänzt. Seit kurzem hat reCIRCLE zudem lokale Partnerunternehmen in den Niederlanden, Dänemark, Estland und Italien. Langfristig möchte das junge Unternehmen ein flächendeckendes Mehrwegsystem in ganz Europa aufbauen.

Kunststoff verboten

Politisch untermauert werden die Mehrweg-Startups durch die Kunststoffrichtlinie der EU, die seit dem 3. Juli 2021 in Kraft ist. Demnach ist es nicht mehr erlaubt, zahlreiche Einwegkunststoffprodukte wie To-Go-Teller und -Becher sowie generell Produkte aus oxo-abbaubarem Kunststoff in Umlauf zu bringen. In Deutschland wird die Richtlinie über die Einwegkunststoffverbotsverordnung umgesetzt.

Lena Renner


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