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Kooperation statt Ausbeutung

Elfter Donnerstag-Talk im bioPress Square & Fair Table, jede Woche ab 15 Uhr

Kooperation statt Ausbeutung

Wie viel bekommen eigentlich afrikanische Erzeuger für Bio-Datteln? Was kann man tun, um die Verteilung gerechter zu machen? Und hat Bio in einem kapitalistischen System überhaupt eine Zukunft? Über Bio-Importe und die dringende Notwendigkeit, neue Handelsstrukturen zu schaffen, sprachen Interessenten beim gestrigen Donnerstagstalk.

„Die Biobranche hat eine gute Antwort auf die drängenden Probleme unserer Zeit“, sagte bioPress-Herausgeber Erich Margrander. Mit rund zehn Prozent Ökolandbau in Deutschland habe man bereits eine kritische Masse erreicht, die weiter wachsen werde. Dennoch gebe es immer noch viele Bio-Importe – auch der Fachhandel komme nicht ohne aus. Das Angebot an Bio-Obst und -Gemüse im konventionellen Supermarkt schwächle und verleite Kunden zum Griff nach konventionellen Produkten. Würden mehr Bauern umstellen, wäre auch mehr frische Ware verfügbar.

„Wir versuchen hier Brücken zwischen den verschiedenen Bio-Aktivisten zu bauen – zwischen Bauern, Herstellern und Konsumenten“, erklärte Margrander. „Wir brauchen uns alle gegenseitig!“ Anstatt sich gegenseitig zu übertrumpfen und zu diskreditieren, solle sich die Bio-Szene auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen – auf den Erhalt der Natur und gesunde Lebensmittel – und Bio in der Vermarktung voranbringen.

Ausbeutung durch deutsche Bio-Sklavenhalter?

Hier klinkte sich ein bekannter Bio-Weinvermarkter ein. Er sieht schwarz für Bio in einem liberalen kapitalistischen System. Was er aus dem Importgeschäft berichten kann, lässt einem dann tatsächlich die Haare zu Berge stehen. 15 Cent bekämen afrikanische Erzeuger für ein Kilo Bio-Datteln – in Deutschland verkauft würden die Datteln dann für sieben Euro. „Die Leute arbeiten für deutsche Bio-Faschisten wie Sklaven!“ Es sei an der Zeit, dass solche ausbeuterischen Strukturen ans Licht kämen.

Das meiste Bio in Deutschland käme aus Spanien und Italien. In Spanien koste Bio-Wein nur zwei Euro – die Nachfrage sei sehr gering. In deutschen Biosupermärkten gäbe es denselben Wein dann für 4,90 Euro, aber ohne dass der spanische Hersteller etwas von dem Preisaufschlag hätte. „Was für Bio-Produkte wollen wir?“, fragte der Wein-Experte. „Ich möchte solche, für die der Produzent genug bezahlt bekommt!“

Auch die Mentalität in der Bio-Szene gefällt ihm nicht. Wo früher noch kämpferischer Pioniergeist und Aufbruchsstimmung war, herrsche jetzt die Bourgeoisie. „Wer ist besser?“, fragte er. „Der elitäre Bio-Käufer in seinem SUV oder der Arbeiter auf seinem Klapperrad, der aus Geldnot zu Glyphosat-verseuchten Billignudeln greift?“

Hand in Hand mit den Erzeugern

Dabei sei politisches Engagement dringend gefragt. Die Chemie-Industrie sei zu stark und die Chefs der europäischen Länder hätten kein ehrliches Interesse daran, Bio zu unterstützen. Zwar werde die Nachfrage immer größer, nicht aber das Bio-Angebot. Daher sei es immer schwerer, genügend Produkte zu bekommen, die dann von immer weiter weg bezogen werden müssten. „Wenn wir nichts tun, haben wir bald ein Bio wie in den USA – mit 50 Prozent Genmanipulation.“

Aber was genau ist zu tun? „Wir müssen den Markt den Menschen zurückgeben“, meinte Erich Margrander. Bio brauche eine neue Vernetzung und dürfe nicht länger an den Zentralen und den pyramidalen Handelsstrukturen haften. Die Bauern müssten Möglichkeiten zur regionalen Vermarktung finden – vorbei an mächtigen Großhändlern, die bestimmen, wen sie beliefern und wen nicht.

„Wir brauchen ein neues System“, stimmte der Vertriebsmann zu. Man müsse auf Augenhöhe kommunizieren und Hand in Hand mit den Erzeugern arbeiten. Diese sollten sich zu großen Kooperativen zusammenschließen, die mit einer gemeinsamen Verkaufsstrategie eine bessere Verteilung der Einnahmen erwirken könnten. „Wir haben viel Wissen – jetzt brauchen wir eine gemeinsame politische Linie!“

Lena Renner
 


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