Start / Business / Themen / Events / Die SDGs weltweit in die Regionen bringen

Kongress

Die SDGs weltweit in die Regionen bringen

Hohenlohe sendet Aufbruchssignal beim IV. World Organic Forum

Die SDGs weltweit in die Regionen bringen © Akademie Schloss Kirchberg
Rudolf Bühler bei seinem Impulsvortrag über die Bedeutung der UN-SDG-Regionen.

Vom 16. bis 18. März trafen sich über 200 Teilnehmer aus der ganzen Welt digital zum IV. World Organic Forum 2021, initiiert von der Stiftung Haus der Bauern – Akademie Schloss Kirchberg. Unter dem Motto ‚Localizing SDGs – Creating a Network of Sustainable Development Goal Regions‘ diskutierten Politiker, Wissenschaftler und Akteure aus der Zivilgesellschaft darüber, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) in ländlichen Regionen in die Praxis umgesetzt werden können.

„Es geht um nichts anderes als um die Zukunft unseres Planeten“, appellierte Rudolf Bühler, Vorsitzender der Stiftung Haus der Bauern, zu Beginn des Kongresses an das digitale Publikum. Es sei an der Zeit, endlich zu handeln und die globalen Klimaziele auf den Boden zu bringen. Dies gehe nur mit Hilfe von regionalen Leuchttürmen – sowohl im Norden als auch im Süden.

Ingolf Dietrich, Beauftragter für nachhaltige Entwicklungsziele am Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), gab nach fünf Jahren Agenda 2030 einen Überblick über den Stand der Umsetzung. Noch deutliche Defizite sieht er im Bereich der sozialen Ungleichheit, der Umweltzerstörung, der Bekämpfung von Hunger und Klimawandel sowie im Erhalt von Biodiversität. Dafür sei der Anteil von extremer Armut bereits deutlich gesunken.

In Deutschland ist die Nachhaltigkeitsstrategie Grundlage für die Umsetzung der 17 SDGs. Hier gebe es schon Fortschritte in Bezug auf erneuerbare Energien, aber noch ein Defizit im Ausbau des Ökolandbaus. Auch die EU-Kommission arbeite nach einem etwas zögerlichen Start aktuell an einem Konzept für die Umsetzung auf EU-Ebene.

Für eine Herausforderung hält Dietrich die Komplexität der Agenda. Um sie erfolgreich umsetzen zu können, gelte es zu fokussieren und zu priorisieren. Auch müssten die Politiken noch effizienter und das öffentliche Bewusstsein erhöht werden. Für die Finanzierung seien jährlich Billionen an US-Dollars nötig. Illegale Abflüsse aus Entwicklungsländern, die aktuell leider zehn Mal so hoch seien wie die eigentlichen Entwicklungsgelder, müssten besser unterbunden werden.

Koalition der Willigen und Aufklärung 2.0

In einem Dialog der Generationen plädierten Sophia Bachmann, UN-Jugenddelegierte für Nachhaltige Entwicklung, und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ehrenpräsident des Club of Rome, für eine Aufklärung 2.0. Eine Mehrheit für den Klimaschutz und eine langfristige nachhaltige Entwicklung erreiche man nur über Bildung und über Selbstwirksamkeitserfahrungen, so Bachmann. „Eine gesunde Gesellschaft braucht eine gesunde Umwelt“, weshalb soziale und ökologische Fragen zusammengedacht werden müssten. „Wir brauchen mehr Balance … zwischen Mensch und Natur, kurz- und langfristig, öffentlich und privat“, erklärte von Weizsäcker.

Bachmann wünscht sich vor allem mehr internationale Solidarität und eine kritische Selbstreflexion des globalen Nordens, der seinen Konsum einschränken müsse. Die Zielwerte der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie hält sie nicht für ausreichend, um die SDGs umzusetzen. Außerdem fehle eine öffentliche Selbstverpflichtung der Regierung zur Strategie.

„Je größer das wirtschaftliche Wachstum, desto schlimmer für die Natur“, stellte von Weizsäcker fest. Deshalb müssten Preise die ökologische Wahrheit sagen und die Klimazerstörung teuer werden. Weil Deutschland den Wandel nicht im Alleingang schaffen könne, fordert er eine „Koalition der Willigen“.

Agrarökologie als Zukunftskonzept

Als vielversprechenden Weg in eine nachhaltige Zukunft stellte Markus Wolter von Misereor die Agrarökologie vor, die neben der landwirtschaftlichen Produktion auch soziale und Marktfragen in den Vordergrund rückt und so einen ganzheitlichen Ansatz biete. Laut Studien ließen sich mit ihrer Hilfe sowohl positive Auswirkungen auf das Einkommen als auch für die Produktivität erzielen. Während eine kapitalintensive Landwirtschaft Arbeitsrechte verletze und durch ihre Energiebilanz ineffizient sei, habe sich das Kleinbauerntum als am effizientesten herausgestellt.

„‘Bottom up‘ kann man am meisten bewegen“, ist Wolter überzeugt. Als erfolgreiches Beispiel nannte er das Masipag-Netzwerk auf den Philippinen. Mit 50.000 Mitgliedern – vorrangig Kleinbauern, aber auch Wissenschaftler und NGOs – macht sich Masipag für einen vielfältigen ökologischen Anbau ohne Gentechnik und Pestizide stark und hat zu diesem Zweck bereits mehrere tausend Sorten Reis-Saatgut für unterschiedliche Bedingungen gesammelt.

„Der größte Gegenwind zur Agrarökologie kommt von der Agrarindustrie“, erklärte José Graziano da Silva, ehemaliger Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Auch die großen Spender seien mehr auf die Grüne Revolution fokussiert, etwa die Präzisionslandwirtschaft. Dabei seien agrarökologische Praktiken essentiell, um die Ziele der Farm-to-Fork-Strategie zu erreichen. Progressive Regierungen, Wissenschaftler und die Zivilgesellschaft müssten hierfür noch besser kooperieren.

Eine wichtige Rolle soll die Zivilgesellschaft beim UN-Gipfel über Lebensmittelsysteme im Herbst 2021 spielen, an dessen Vorbereitung Martin Frick maßgeblich beteiligt ist. „Je ärmer die Leute, desto schwerer sind sie für politische Partizipation zu erreichen“, bedauerte Frick. Deshalb versuche man, den Gipfel für Bauernvertreter und indigene Völker bewusst zu öffnen. Ziel sei etwa, die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft zu stärken und einen sicheren Zugang zu gesunden Lebensmitteln zu gewährleisten.

Entwicklungshilfe, Vernetzung und Bildung

Dass die SDGs in vielen Regionen und Projekten bereits weltweit erfolgreich umgesetzt werden, zeigte sich am zweiten Kongresstag des World Organic Forums. IFOAM Asien-Präsident Zejiang Zhou stellte sein Projekt Asian Local Governments for Organic Agriculture (ALGOA) vor. Die 2013 initiierte Allianz von Kommunalregierungen mit Sitz in Südkorea umfasst bereits 254 Mitglieder in 15 Ländern. Über Wissensaustausch, Bildungsprogramme und die Schaffung einer kritischen Masse will sie die Politik bei der Entwicklung des Ökolandbaus unterstützen.

In der indischen Region Kerala engagiert sich die NGO Wayanad Social Service Society (WSSS) für Kleinbauern, Frauen, Kinder und die indigene Bevölkerung. Der fehlenden Hygieneversorgung auf dem Land tritt sie mit Wassermanagementsystemen, Regenwasserauffanganlagen und Toilettenbau entgegen. 1999 hat sie mit dem Biolandbau begonnen und mittlerweile tausende Gemüsegärten für arme Familien aufgezogen.

Das ehrgeizige Ziel, in 40 Jahren 100 Prozent Bio für Ägypten zu erreichen, verfolgt die Initiative SEKEM, unter deren Schirm mittlerweile mehrere Unternehmen und Verbände etabliert wurden. Gründer Ibrahim Abouleish baute 1977 in der ägyptischen Wüste nahe Kairo mit Methoden der bio-dynamischen Landwirtschaft eine nachhaltige Gemeinschaft auf. Mit der Heliopolis-Universität für nachhaltige Entwicklung hat SEKEM 2012 auch die Gründung eines internationalen Kompetenzzentrums für gesellschaftliche Transformation angestoßen.

Um dieselbe Zeit entstand im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul eine Universität der Kleinbauern und Landlosen – die Universidade Federal da Fronteira Sul (UFFS). Mit ihrer Hilfe soll der Abhängigkeit von Pestiziden und Verschuldung der Kleinbauern entgegengewirkt und die Agrarökologie gefördert werden. Landwirte sind Teil des Universitätsrats und wirken als Protagonisten bei der Wissensentwicklung selbst mit.

„Wir haben gelernt, dass wir holistische Ansätze brauchen, die Hygiene und Bildung miteinbeziehen“, erklärte Christel Weller-Molongua von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Die agrarökologische Transformation sei ein solcher Ansatz, da sie Ernährungssysteme ganzheitlich betrachte und ein kontinuierliches Lernen ermögliche. In der Entwicklungszusammenarbeit sollten ‚bottom up‘ und ‚top down‘ verbunden und auch politische Rahmenbedingungen verändert werden.

Es müsse ein Ende haben, dass falsche Praktiken subventioniert werden, betonte Hans R. Herren, Präsident des Millennium Instituts. Mächtige Lobbygruppen stünden der Agrarwende entgegen. Aber auch viele Entwicklungsorganisationen investierten noch in alte Strukturen. Stattdessen müsse mehr Geld in Forschung, Entwicklung und praktische Umsetzung der agrarökologischen Transformation fließen.

Zum Abschluss des Forums gab Rudolf Bühler den Startschuss für ein Netzwerk aus SDG-Regionen. Der geplante Arbeitskreis soll Wissen für den globalen Agrarwandel voranbringen und umsetzen. „Alle Regionen sind eingeladen, sich dieser Initiative anzuschließen“, rief Bühler auf. Gefragt seien sowohl Universitäten und Think Tanks als auch Leuchtturmprojekte, die Best Practices verbreiten können. Als nächster Schritt ist geplant, eine Homepage zu gestalten, auf der die internationalen Regionen vertreten sind.

Lena Renner


Ticker Anzeigen

Das könnte Sie auch interessieren

Die SDGs weltweit in die Regionen bringen

Aufbruchssignal beim IV. World Organic Forum

Die SDGs weltweit in die Regionen bringen © Akademie Schloss Kirchberg

Vom 16. bis 18. März 2021 trafen sich über 200 Teilnehmer aus der ganzen Welt digital zum IV. World Organic Forum 2021, initiiert von der Stiftung Haus der Bauern – Akademie Schloss Kirchberg. Unter dem Motto ‚Localizing SDGs – Creating a Network of Sustainable Development Goal Regions‘ diskutierten Politiker, Wissenschaftler und Akteure aus der Zivilgesellschaft darüber, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) in ländlichen Regionen in die Praxis umgesetzt werden können.

19.03.2021mehr...
Stichwörter: Kongress, World Organic Forum

Impuls zur Umsetzung der UN Agenda

Morgen startet das IV. World Organic Forum

Komplett online treffen sich prominente Experten und Teilnehmer aus der ganzen Welt vom 16. bis 18. März zum IV. World Organic Forum. Ziel des von Rudolf Bühler und der Stiftung Haus der Bauern –  Akademie Schloss Kirchberg initiierten Kongresses ist die Gründung eines internationalen Netzwerks an SDG-Regionen, von denen aus die Welt in vielen Bottom-Up Initiativen aus der Zivilgesellschaft heraus zukunftsfähig und lebenswert gestaltet werden soll.

15.03.2021mehr...
Stichwörter: Kongress, World Organic Forum

Auf dem Weg zu 25 Prozent Bio in Europa – mit Transparenz, Kooperation und neuen Ideen

Organic Food Conference zeigt Herausforderungen und Lösungen der Bio-Branche

Auf dem Weg zu 25 Prozent Bio in Europa – mit Transparenz, Kooperation und neuen Ideen

Sieben Tage nach dem ersten EU-Bio-Tag traf sich die europäische Bio-Gemeinschaft zur Organic Food Conference, organisiert von IFOAM Organics Europe. Über 150 Interessierte nahmen Ende letzter Woche Online und vor Ort in Warschau an der Konferenz teil. Verschiedene Diskussionspanels beleuchteten die Rolle des Konsumenten auf dem Weg zu mehr Bio, Probleme und Chancen neuer Lebensmittel-Siegel und aktuelle Herausforderungen der Branche von der neuen EU-Öko-Verordnung bis zur nachhaltigen Verpackung.

06.10.2021mehr...
Stichwörter: Kongress, World Organic Forum