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Ernährungswende

Vom Acker bis zum Teller: Wirtschaft gemeinsam umbauen

Resolution der BÖLW-Mitgliederversammlung

Auf seiner gestrigen Mitgliederversammlung verabschiedete der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) eine Resolution. Darin ruft er die Parteien der künftigen Bundesregierung in zehn Forderungen zum gemeinsamen Umbau der Land- und Ernährungswirtschaft auf. Anbei finden Sie die Resolution im Wortlaut.

Superwahljahr in der Zeitenwende: Zeit zu handeln! Denn es gibt kein gesundes Leben auf einem kranken Planeten. Biologinnen und Virologen zeigen uns, dass die Gefahr durch Zoonosen wie COVID19 in dem Maße steigt, in dem wir auch Artenvielfalt zerstören. Ihre wissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen warnen vor einem ebenso existenziellen Risiko – schon Jahrzehnte lang: Der Klimakrise, deren Wirkung immer stärker wird. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil zum Klimaschutz der Politik den klaren Auftrag erteilt, nicht nur auf das Gestern und Heute sondern auch auf das Morgen zu schauen. Und nicht nur Corona zeigt: Politik kann gestalten, wenn sie will. Nur, wer jetzt nachhaltig gestaltet, regiert modern und zukunftsweisend.

Wir, die deutschen Bio-Bäuerinnen und -Bauern, -Lebensmittelherstellerinnen und -Hersteller und -Händlerinnen und -Händler, fordern die Parteien der kommenden Bundesregierung auf:

Lassen Sie uns das Ernährungssystem gemeinsam umbauen, vom Acker bis zum Teller! Und nehmen Sie Öko dafür als Leitbild und Blaupause für die Transformation der Wirtschaft. Denn mit Bio gehen Ökologie und Ökonomie heute und in Zukunft erfolgreich Hand in Hand!

Die zehn entscheidendsten Stellschrauben, an denen es für den Umbau der Land- und Ernährungswirtschaft zu drehen gilt, sind:

1. Umweltleistungen honorieren, Öko-Landbau stärken: 70 % der EU-Agrargelder in Nachhaltigkeit investieren!

Die Gemeinsame europäische Agrarpolitik (GAP) bestimmt mit Milliarden Euro, welche Landwirtschaft sich lohnt. Rentieren muss sich, was wirklich artenfreundlich, klimaschonend und wasserschützend ist. Bio ist dafür als System-Ansatz Pionier und Vorbild und wirkt heute schon auf zehntausenden Betrieben und Millionen Hektaren. Doch (Bio-)Bäuerinnen und -Bauern können Ressourcen nur schützen, wenn sie mit ihren Umweltleistungen auch Einkommen erzielen. Damit bestehende und neue Bio-Betriebe Planungssicherheit haben, müssen die Budgets für die Öko-Förderung schrittweise erhöht werden – auch durch eine entsprechend zweckgebundene Mittelumschichtung von den Direktzahlungen in den Umwelttopf der EU-Agrarpolitik. Wichtig: Die neue GAP muss auch in Deutschland das 25 % Öko-Ziel des Green Deal umsetzen, dazu muss Bio europäisch und national stärker und besser verankert werden.

2. Tierhaltung umbauen – Bio-Tierhaltung als Leitstandard setzen!

Schweine müssen im Stroh wühlen, Hühner picken und Rinder grasen können. Das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung der Bundesregierung (Borchert-Kommission) empfiehlt ebenso wie der wissenschaftliche Agrar-Beirat der Bundesregierung, Tierhaltung grundlegend umzubauen. Das tut auch Not mit Blick auf Klima-, Gewässer- und Tierschutz. Entscheidend dafür ist eine solide Finanzierung des Umbaus durch eine Abgabe auf tierische Produkte. Bio muss als Leitstandard fest in alle Umbaupläne integriert werden.

3. Gesundes und klimafreundliches Essen für alle ermöglichen – Agrar- und Ernährungspolitik mit Bio umfassend und wirksam auf Nachhaltigkeitsziele ausrichten!

“Eine umfassende Transformation des Ernährungssystems ist sinnvoll, sie ist möglich, und sie sollte umgehend begonnen werden” – das sagt der wissenschaftliche Beirat (WBAE) der Bundeslandwirtschaftsministeriums. 100 Mrd. € für Folgekosten ungesunder Ernährung pro Jahr und ein viel zu großer ökologischer Fußabdruck zeigen deutlich, dass der Umbau vom Acker bis zum Teller drängt. Statt sich weiter in unwirksamen Mini-Projekten und -Initiativen zu verzetteln, ohne an den relevanten politischen Rahmenbedingungen des Ernährungssystems etwas zu ändern, muss die nächste Bundesregierung eine nationale Strategie für eine nachhaltige Ernährung in einem partizipativen Prozess und unter aktiver Mitwirkung von Ernährungs-, Gesundheits-, Bildungs-, Sozial- und Umweltministerium und den Bundesländern entwickeln. Und dazu eine „Task Force nachhaltige Ernährung”, unter aktiver Beteiligung der genannten Ressorts mit jährlicher Berichtspflicht an den Deutschen Bundestag und die Öffentlichkeit, einrichten.

4. Gentechnik regulieren – Wahlfreiheit sichern und Vorsorgeprinzip umsetzen!

Jeder darf in Europa zugelassene Gentechnik-Pflanzen verkaufen oder an ihnen forschen. Doch ein Großteil der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und der EU lehnen Gentechnik aus guten Gründen auf dem Acker und dem Teller ab. Nur wenn Gentechnik wie Gentechnik reguliert wird, können alle entscheiden, was sie essen und wie sie Land bewirtschaften oder Lebensmittel herstellen wollen. Eine moderne Gentechnik-Regulierung sichert Wahlfreiheit, setzt das Vorsorge-Prinzip um und schützt die vom Markt nachgefragte, gentechnikfreie Produktion.

5. Umweltschädliche Subventionen abschaffen – Nachhaltigkeit als Voraussetzung für Wirtschaftsförderung verankern!

Öko-Mühle oder Kohlekraftwerk – egal, Hauptsache (neue) Arbeitsplätze? Könnte man denken, wenn man die aktuelle Wirtschaftsförderung anschaut. Viel zu lange wurde nur auf Wachstum geschielt und bei Investitionen ignoriert, ob Unternehmen nachhaltig wirtschaften oder nicht. Damit Wirtschaft wieder Wert schafft, müssen umweltschädliche Subventionen gestoppt und nachhaltig wirtschaftende Unternehmen gezielt unterstützt werden, u. a. durch eine Reform der Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgaben „Agrarstruktur & Küstenschutz“ (GAK) bzw. „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW). In der Bio-Branche finden sich viele Unternehmen, die eine ideale Blaupause für transformatives Wirtschaften sind, entlang klar definierter Kriterien arbeiten, von einem wirksamen Kontrollsystem engmaschig kontrolliert werden und mit Produktionsprozessen und an Produkten arbeiten, die Mensch und Umwelt zu Gute kommen.

6. Artenvielfalt stärken, Böden, Klima & Wasser schützen ohne Pestizide wie Glyphosat und Kunstdünger – mit Bio in Landwirtschaft und auf dem Teller!

„Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr.“ Diese Erkenntnis setzt sich – mit Blick auf Artenschwund oder Klimakrise – auch in der Wissenschaft zunehmend durch. Öko bringt Vielfalt auf Äcker und Wiesen und es kommen nur so viele Tiere auf die Fläche, wie Klima und Böden aushalten. Entscheidend ist jetzt, dass umweltpolitische Programme und Maßnahmen im Agrar-Bereich mit Fokus auf den Ökolandbau ausgeweitet werden, damit die Landwirtschaft nicht nur auf schmalen Streifen oder in Naturschutzgebieten, sondern direkt auf den Produktionsflächen umweltverträglich wird. Was Bio als Zehnkämpfer dabei leistet, sollte sehr viel besser kommuniziert werden. Ein entscheidender Punkt: ein bundesweites, repräsentatives Monitoring für ubiquitäre (Hintergrund-) Belastungen durch Pestizide mit jährlicher Berichterstattung durch die zuständigen Bundesbehörden sowie wirksame Abgabemodelle für synthetische Pestizide und mineralische Stickstoffdünger.

7. Bio in die Küchen bringen – Öko-Gemeinschaftsverpflegung sorgt für gesunde Menüs und stärkt heimische Höfe!

„Jeder hat ein Recht auf gutes Essen!“ – unter diesem Motto stellte Kopenhagen in nur acht Jahren die gesamte öffentliche Verpflegung von der Kinderkrippe bis zur Seniorenresidenz auf eine gesunde Frischküche mit 90 % Bio-Anteil um. Die Kosten der Umstellung: 1 € pro Einwohner und Jahr. Die Maßnahmen: verbesserte Verarbeitungs- und Zubereitungskompetenz der Küchen, regionale und saisonale Bio-Rohstoffe sowie weniger Lebensmittelverluste und -reste. Die Vorteile: gesundes Bio-Essen aus der Region zum fairen Preis und eine gesicherte Abnahme der Öko-Produkte von heimischen Bäuerinnen und Bauern, was deutschen und europäischen Zielen von Green Deal bis Klimaschutz entgegenkommt. Was es braucht: Flächendeckende Umsetzung nachhaltiger Gemeinschaftsverpflegung mit hohem Bio-Anteil in allen Einrichtungen des Bundes (mind. 50 % Bio bis 2030).

8.Nur mit Bio wird aus Innovation Fortschritt – Öko-Forschung stärken!

Nicht jede Innovation ist Fortschritt, das zeigen Atomkraft oder Glyphosat deutlich. Andere Innovationen werden nicht ausreichend anerkannt und genutzt – auch, weil das Innovationsverständnis vielerorts erst einmal modern werden muss. Das Ergebnis ist fatal: Bio wird in der Forschungsförderung des Bundes sträflich vernachlässigt, so dass die Potentiale von Bio etwa für Klimaschutz und -Anpassung derzeit nicht ausgeschöpft und innovative Lösungen für klimafreundliche Systeme nicht vorangetrieben werden können: weniger als 2 % der öffentlichen Forschungsgelder im Agrarbereich fließen in Öko; bei inzwischen 10 % Bio-Fläche und einem Flächenziel von 20 %. Statt das Geld der Steuerzahlenden weiter für umweltschädliche Produktionssysteme zu vergeuden, müssen Agrar- und Forschungsministerium jetzt den Fuß von der Bio-Bremse nehmen. Das bedeutet: Etablierung von speziell auf die Öko-Lebensmittelwirtschaft zugeschnittener Forschung und Entwicklung, deren Anteil an den Agrar- und Ernährungs-Forschungsfördermitteln des Bundes bis spätestens 2025 auf 20 % ausgedehnt wird. Denn Öko-Forschung braucht Öko-Forschungsbedingungen.

9. Fairer Wettbewerb braucht wahre Preise – Kosten für Umweltschäden einrechnen!

Preise müssen die soziale und ökologische Wahrheit sprechen, wenn sie ihre Steuerungsfunktion erfüllen sollen. Denn eine soziale Marktwirtschaft kann nur dann ihre Stärken hinsichtlich Innovationsdynamik, freier Entwicklungsmöglichkeiten und gleichzeitiger Sicherung einer Grundversorgung für alle Teile der Gesellschaft entfalten, wenn die Preise für Produkte und Dienstleistungen die realen Kosten abbilden und wesentliche Kosten nicht sanktionsfrei externalisiert werden dürfen. Wirksam dafür: Ein „Push & Pull“-Ansatz, der Gemeinwohlleistungen von Unternehmen honoriert und schädliche Inputs wie synthetische Pestizide und Kunstdünger teurer macht, die Weiterentwicklung von Bilanzierungsvorschriften im Sinne eines „True-Cost”-Ansatzes und eine systematische Überprüfung des deutschen Steuersystems mit dem Ziel, nachhaltiges Wirtschaften und Konsumieren steuerlich zu entlasten.

10. Bio-Knowhow für alle – Menschen fit machen für die Ernährungswende mit Öko-Wissen von der Kita bis zur Hochschule!

Nachhaltig essen und produzieren, das will gelernt sein. Gesund und umweltfreundlich Kochen, Backen und Essen kann man genauso wie Sport oder Musik nicht nur an der Tafel lernen – das will erlebt, live ausprobiert und geübt werden. Und nur, wenn Emilia und Kevin schon im Kindergarten gärtnern und gemeinsam gesund essen und in der Grundschule die Chance bekommen, die spannenden Berufsmöglichkeiten in der Bio-Branche kennen zu lernen, können sie später kompetent beim Thema Essen sein. So lernt die nächste Generation, wie Lebensmittel produziert werden und können sich so für eine entsprechende Ausbildung entscheiden. Und natürlich muss Bio in den Ausbildungsgängen kompetent gelehrt und prüfungsrelevant werden – ob in Landwirtschaft, Lebensmittelherstellung oder im Handel.

Ausführlichere Infos finden Sie im BÖLW-Grundsatzpapier zur Bundestagswahl.


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