Start / Ausgaben / bioPress 106 - Januar 2021 / Pestizide in freiem Flug

Nachhaltigkeit

Pestizide in freiem Flug

Neue Studie zeigt, wie Ackergifte sich durch die Luft verbreiten

Pestizide in freiem Flug © Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft
Mit Hilfe von vier verschiedenen Messmethoden konnte bewiesen werden, dass Pestizide auch weit abseits von möglichen Ursprungs-Äckern über ganz Deutschland verteilt sind.

Pestizide verbreiten sich in ganz Deutschland kilometerweit durch die Luft. Dies belegt die bislang umfassendste bundesweit durchgeführte Studie zur Pestizid-Belastung der Luft, die das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und das Umweltinstitut München in Auftrag gegeben haben. Ende August 2020 legten sie die Ergebnisse ihrer Messungen an insgesamt 163 Standorten in ganz Deutschland zwischen 2014 und 2019 vor.

Für Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, war es ein willkommenes Geburtstagsgeschenk. Sie bekam am 29. August 2020 auf der Pressekonferenz vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und dem Umweltinstitut München nicht nur einen Blumenstrauß überreicht. Es wurde ihr auch jede Menge Munition im Kampf gegen den aktuellen Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide in der Landwirtschaft geliefert.

Glyphosat in allen Regionen

So konnten Wissenschaftler des Forschungsbüros TIEM Integrierte Umweltüberwachung unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Glyphosat in allen Regionen Deutschlands nachweisen. Und dies weit abseits von potenziellen Ursprungs-Äckern.

Die Ministerin sagte es geradeheraus: „In dieser Studie ist ersichtlich, dass sich Pestizide durch die Luft verbreiten“ und nach ihrer Meinung ist dies besorgniserregend nicht nur für den ökologischen Landbau, sondern auch für die Natur, denn „es bedeutet, dass diese Mittel überall hin kommen“.

Giftcocktails sogar auf dem Brocken

Es geht dabei nicht nur um einzelne Gifte, sondern auch um die Giftcocktails, die an den verschiedenen Stellen nachgewiesen werden konnten. An rund drei Viertel aller untersuchten Standorte wurden jeweils mindestens fünf und bis zu 34 Pestizidwirkstoffe sowie deren Abbauprodukte gefunden.
Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren zwölf Pestizide nachweisbar. Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren.

Umweltinstitut fordert Verbote

Karl Bär, Agrarexperte im Umweltinstitut München fordert, die Ackergifte, die sich am meisten verbreiten – Glyphosat, Pendimethalin, Prosulfocarb, Terbuthylazin und Metolachlor –, müssten sofort verboten werden. Diese fünf Wirkstoffe konnten bei den Messungen am häufigsten und weit entfernt von potenziellen Quellen nachgewiesen werden. Bär kritisiert, dass der sogenannte Ferntransport von Pestizidwirkstoffen bislang im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren nicht ausreichend berücksichtigt würde.

Boris Frank, Vorsitzender vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, weist darauf hin, dass immer wieder biologisch bewirtschaftete Äcker durch Ackergifte kontaminiert würden. Die Biobranche müsse dann die Kosten für die aufwendigen Kontrollen ihrer Produkte und für Ware, die nicht mehr als Bio verkauft werden kann, weitgehend selbst tragen. Er fordert einen Schadensausgleichs-Fonds, der durch zehn Prozent der jährlichen deutschen Umsatzerlöse der Pestizid-Hersteller gespeist werden solle.

Industrieverband nennt Studie alarmistisch

Der Industrieverband Agrar e. V. (IVA) bezeichnete die Veröffentlichung als alarmistisch und wissenschaftlich nicht valide. Nach IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer verweigerte die Bio-Branche den Dialog und es fehle eine klare Benennung von Fällen, bei denen Landwirte ihr Erntegut nicht mehr als Bio vermarkten konnten. Nicht nur die Funde seien offenbar selten, sondern die dabei nachgewiesenen Mengen auch so minimal, dass sie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind. „Hier wird ein Thema künstlich aufgebauscht“, so Gemmer.

Dabei zeigte beispielsweise schon eine vom Anbauverband Bioland geführte Datensammlung, dass es sich bei den Kontaminationen nicht um Einzelfälle handelt. Diese wurde von Bioland für den Zeitraum 2012 bis 2016 unter Landwirten, Herstellern, Behörden und Zertifizierern unternommen und den Bundesbehörden im März 2018 zur Verfügung gestellt.

„Die Erhebung von 260 Einzelfunden zeigt, dass Pendimethalin und Prosulfocarb nicht nur in vielen, sondern auch in einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen gefunden wurden. Die Palette reicht von verschiedenen Kräutern, Arzneipflanzen und Gemüsen bis zu Birkenblättern und zahlreichen Wildpflanzen. Insgesamt waren mehr als 60 Kulturen und Wildpflanzen betroffen“, so damals Gerald Wehde, Leiter Kommunikation und Agrarpolitik bei Bioland.

Auch BÖLW fordert stärkere Beachtung von Abdrift bei Pestizid-Zulassungen
Nach dem Vorsitzenden des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Felix Prinz zu Löwenstein, zeige die Studie das ganze Dilemma der Bio-Betriebe: „Denn genau die Bauern, die gar keine chemisch-synthetischen Pestizide wie Glyphosat oder Pendimethalin einsetzen, haben den Schaden. Und bleiben auf den Kosten sitzen, die entstehen, wenn Pestizide auf ihre Felder wehen.“

Er verlangt, dass die Abdrift chemisch-synthetischer Pestizide viel stärker beachtet werden müsse, wenn es um die Zulassung und auch das spätere Verhalten der Stoffe unter Freilandbedingungen gehe. Denn mehr Bio gehe nur, wenn die Bio-Höfe nicht auf eigene Gefahr mit den Pestizidanwendungen ihrer Nachbarn fertig werden müssten: „Schließlich wirtschaften Öko-Betriebe nicht auf einer Insel oder unter der Glasglocke.“

BVL will eigenes Messstellennetzwerk aufbauen

Das sieht wohl auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL inzwischen so. Denn auch in einem Gutachten des BVL aus 2020 wird festgestellt, dass „Pflanzenschutzmittel und deren Wirkstoffe, zum Beispiel durch Verflüchtigung und Staubverwehung, auf nicht behandelte Flächen auch in größerer Entfernung gelangen können.“ Es solle ein bundesweites Netzwerk von Messstellen aufgebaut werden, um belastbare Informationen für die Berücksichtigung der Abdrift in den Zulassungsverfahren zu erlangen.

Für die Finanzierung ist sich Felix Prinz zu Löwenstein mit Boris Frank einig: „Das kostet Geld, das die aufbringen müssen, die solche Stoffe verkaufen wollen.“

Elke Reinecke


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