Start / Ausgaben / BioPress 70 - Februar 2012 / Die Gewässer sind leer – die Aquakulturen vollgestopft

Die Gewässer sind leer – die Aquakulturen vollgestopft

Öko-Fisch und Fisch aus nachhaltigem Wildfang sind die Alternative

Fisch und Meeresfrüchte sind unter anderem durch ihre wertvollen Omega-3-Fettsäuren unverzichtbarer Bestandteil einer gesunden, ausgewogenen Ernährung. Fisch trägt 10 Prozent zum Kalorienbedarf der Menschheit bei. In Kilogramm pro Jahr und Kopf ausgedrückt heißt dies 17,1 Kilo Fisch im Schnitt. Den durchschnittlich größten Anteil verzehren, wie auch bei den anderen tierischen Produkten, die Industrienationen (29,3 Kilo), den kleinsten Anteil die nicht OECD Länder (die Länder, die die Rangfolge der Hungerstaaten anführen). Es werden heute jährlich 142 Millionen Tonnen Fisch aus Meeren, Seen und Flüssen gezogen oder in Aquakultur produziert. Davon dienen 115 Millionen Tonnen dem unmittelbaren Verzehr. Der Rest (27 Millionen Tonnen) wird zu Futter (Fischmehl und Fischöl) verarbeitet.

Die Fischbestände der meisten Süßgewässer sind stabil. Aus diesen werden zirka sieben Prozent der Weltfischproduktion gefischt. Stabil bedeutet in diesem Zusammenhang, dass nur so viele Fische gefangen werden, wie auch nachwachsen können.

Bei den marinen Fischbeständen  sieht das anders aus. Ein knappes Drittel ist deutlich überfischt. Im schlimmsten Fall können die betroffenen Fischbestände zusammenbrechen und somit auch keinen Beitrag  zur Welternährung leisten. Bei über der Hälfte der Bestände kann  die Nutzung nicht ohne negative Auswirkungen auf die Fischpopulation ausgebaut werden. Damit wird nur ein Fünftel der weltweiten Fischbestände nachhaltig genutzt.

Eine von vielen Auswirkungen der zurückgehenden Fischpopulationen ist, dass die Netze immer tiefer herabgelassen werden müssen, um immer größere Fischmengen aus den Meeren holen zu können. Somit werden auch neue Arten erschlossen und befischt. Hinzu kommen problematische Fischereimethoden wie die Schleppnetzfischerei, die in vielen Fällen negative Auswirkungen auf das Ökosystem des  Meeresbodens hat.

Eine Lösung schien die blaue Revolution. Gemeint ist hiermit die Aquakultur, also die gezielte Zucht von Fisch und Meeresfrüchten in dafür vorgesehenen Becken oder Netzgehegen. 46 Prozent aller Fische für den menschlichen Verzehr stammen heute aus solchen Zuchten. Dieser junge Sektor der Lebensmittelwirtschaft verzeichnet seit den 80er Jahren enorme Zuwachsraten, hat aber auch erhebliche Schattenseiten.

Denn mit der konventionellen Aquakultur sind häufig Raubbau an natürlichen Ressourcen, nicht tiergerechte Haltungsbedingungen und –dichten, die oft nicht nachhaltige Herkunft von Futtermitteln und/oder der massive Einsatz von Antibiotika und Chemikalien verbunden. So wird nicht  nur die Umwelt geschädigt, sondern auch der Gesundheitswert des Lebensmittels Fisch in Frage gestellt. 

Naturland zertifizierte Aquakultur

Naturland hat deshalb Mitte der 90er Jahre begonnen, Richtlinien für die anerkannte ökologische Aquakultur zu entwickeln und ist weltweit federführend auf diesem Gebiet.
Naturland Aquakultur-Betriebe müssen stren­ge Richtlinien einhalten. Dazu gehören un­ter anderem die sorg- fältige Standortwahl; Schutz von Gewässern und umliegenden Ökosystemen; niedrige Besatzdichten und artgerechte Haltung; zertifiziertes Öko-Futter; Verzicht auf Gentechnik und chemische Zusätze; keine Wachstumsförderer oder Hormone; hohe soziale Standards.

Auch in der Verarbeitung geht Naturland keine Kompromisse ein. Lückenlose Kontrolle der Verarbeitungskette, ausschließliche Verwendung von zertifizierten Öko-Zutaten und der Verzicht auf Phosphat, Sulfit und Zusatzstoffe sind in den Richtlinien verankert. Aquafarmen in mehr als zwanzig Ländern produzieren mittlerweile nach diesen Richtlinien Öko-Forellen, Öko-Lachs, Öko-Shrimps, Öko-Tilapia, Öko-Pangasius, Öko- Wolfsbarsch und Öko-Dorade. Diese Produkte sind mit dem bekannten Naturland Zeichen ausgelobt.

1999 hat Naturland mit der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ, heu­te GIZ) in Ecuador, Thailand und Bangladesch die ersten Shrimp-Farmen auf ökologische Aquakultur umgestellt. Hier werden nur 15 statt der im konventionellen Bereich üblichen 50 bis 60 Tiere pro Quadratmeter Teichfläche gehalten. Dadurch können genügend Algen und Plankton wachsen, so dass gar nicht oder nur wenig zugefüttert werden muss. Das Futter für die Shrimps darf maximal 20 Prozent Fischmehl und -öl enthalten. Dieses muss aus Nebenprodukten der Speisefischverarbeitung stammen. Der Rest des Futters ist pflanzlich und muss aus ökologischer Erzeugung stammen.

Um der einhergehenden Umweltzerstörung, die das Anlegen von konventionellen Shrimpteichen mit sich bringt, entgegen zu wirken, verpflichten sich die Naturland zertifizierten Shrimpbetriebe 50 Prozent der ehemaligen Mangrovenfläche auf ihrem Anwesen wieder aufzuforsten. Seit 1999 hat das Naturland Zeichen bei den Verbrauchern eine gewisse Bekanntheit und ihr Vertrauen gewonnen. Heute werden jährlich 9.000 Tonnen Shrimps mit dem Naturland Zeichen auf dem deutschen und internationalen Markt verkauft. Mehr als 10.000 Hektar Teichfläche sind von konventioneller auf ökologische Erzeugung umgestellt und Arbeit für mehr als 5.000 einzelne Shrimpfarmer (mindestens 15.000 Arbeitsplätze, einschließlich Verarbeitung) geschaffen worden.

Im Frühjahr 2011 verunsicherte eine TV-Berichterstattung über die Pangasius-Produktion in Vietnam die Verbraucher. Pangasius, ein Fisch, der die deutsche Speisekarte erobert hat. So werden in Deutschland 56.000 Tonnen per anno verzehrt. Erzeugt wird der beliebte Speisefisch nahezu nur in Aquakulturen. Durch die Dokumentation wurden die Verbraucher aufmerksam.
Dabei kamen Fakten auf den Tisch, die gerne über die blaue Revolution verschwiegen werden. So müssen bei Raubfischen wie Lachsen und Forellen rund vier Kilo Fisch zugefüttert werden um ein Kilo Speisefisch zu produzieren. Dieses Fischmehl und Fischöl stammt in  der Regel aus industrieller Fischerei, bei der gezielt Fische gefangen werden um daraus Fischmehl und –öl zu produzieren.

Auch wenn der Pangasius (eine Welsart) eigentlich ein Pflanzenfresser ist, wird ihm für schnelleres Wachstum zirka ein Kilo Wildfisch pro Kilo Speisefisch zugefüttert. Bei den konventionellen Aquakulturen ist die Besatzdichte so hoch (300 Fische/Quadratmeter Teichfläche), dass die Fische sich kaum noch bewegen können. Folgen sind eine gewaltige Belastung der Umwelt durch übergroße Nährstoffmengen aus den Ausscheidungen der Fische, eine hohe Anfälligkeit der Tiere und ein dadurch einhergehender vermehrter Einsatz von Chemikalien und Medikamenten wie zum Beispiel Antibiotika.

Diese produzieren resistente Keime, die auch für Menschen gefährlich sind. Außerdem werden die Rückstände der Medikamente mit dem Verzehr der Fische von den Konsumenten aufgenommen.

Bei Naturland zertifizierten Fischen kann der Konsument sicher sein, dass die Besatzdichte und der Einsatz von Medikamenten streng geregelt sind. Somit findet man in Aquakulturen, die nach den Naturland Richtlinien wirtschaften, nicht mehr als zehn Kilo Fisch/Kubikmeter Wasser (konventionell: 25 Kilo bei Forelle; 20 Kilo bei Lachs). Die Pflanzenkomponenten des Futters müssen aus ökologischer Erzeugung stammen, die Eiweißkomponente aus Fischmehl, das aus Resten der Speisefischproduktion hergestellt wurde.

Durch die geringen Besatzdichten können Algen und andere Pflanzen, die als Futterzusatz dienen, gedeihen. Die Belastung der Teiche durch die Ausscheidungen der Fische hält sich im Rahmen, sodass der Rest der umliegenden Gewässer nicht überdüngt wird. Die präventive Verfütterung von Antibiotika und konventioneller Tiermedizin ist verboten. Netzgehege dürfen nicht, wie in der konventionellen Aquakultur üblich, mit bewuchshemmenden Chemikalien (Antifouling) behandelt sondern nur mechanisch gereinigt werden.

Naturland Wildfisch

Die Aufzucht in Aquakulturen hat eine hohe wirtschaftliche Bedeutung. Die Hälfte unserer Speisefische stammt derzeit jedoch noch aus der Fischerei in Meeren, Flüssen und Seen. Diese natürlichen Ressourcen sind wie oben aufgezeigt in Gefahr. Kaum erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Seafood im Welthandel gleich hinter Erdöl rangiert.

Weltweit leben rund 100 Millionen Menschen von der Fischerei, der Großteil davon in den Ländern des Südens. Aber trotz steigender Nachfrage gehören diese Menschen meist zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen, die mit ihrer harten Arbeit kaum die eigene Familie ernähren können.
2007 verabschiedete Naturland die ersten Richtlinien für nachhaltige Fischerei. Das Naturland Pilotprojekt in Bukoba (Tansania) am Victoriasee umfasst mehr als 1.000 Fischer, deren Lebens- und Arbeitsumfeld durch die hohen Naturland Sozialstandards verbessert wird. Durch die Einhaltung der Richtlinien, die unter anderem die schonende Nutzung der Fischbestände und des gesamten Ökosystems sowie den Verzicht auf kritische und umweltschädigende Fangmethoden umfasst, wird eine verantwortliche Bewirtschaftung der Nilbarschbestände erreicht.

Naturland Wildfisch ist nach der ökologischen Aquakultur der zweite Baustein eines übergreifenden Nachhaltigkeitskonzeptes von Naturland für Fisch und Meeresfrüchte.
Das Naturland Wildfisch Zeichen und das Naturland Zeichen bieten dem Verbraucher eine Orientierungshilfe, welche Fische und Meeresfrüchte er mit ruhigem Gewissen kaufen und genießen kann.

www.naturland.de

Datenquellen: Naturland Fachabteilung Aquakultur/Wildfisch und Felix zu Löwenstein: „Food Crash - Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“. Fotos: Naturland


Ticker Anzeigen