Handel
Wenn Verbraucher den Lebensmittelhandel selbst organisieren
Solawis und solidarische Supermärkte gewinnen an Fahrt
© Kartoffelkombinat eG
Vom Ernteanteil bis zum eigenen Supermarkt: Solidarische Modelle verändern die Beziehung zwischen Landwirtschaft, Handel und Verbrauchern. Während Solawis in Deutschland inzwischen mehrere zehntausend Haushalte erreichen, zeigt das südkoreanische Hansalim, wie groß eine solche Bewegung werden kann. Auch hierzulande entstehen genossenschaftliche Mitmach-Supermärkte, in denen Kunden zugleich Eigentümer und Mitarbeiter sind. Was kann der klassische Lebensmittelhandel von den Initiativen lernen?
Die Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ist derzeit das am weitesten verbreitete Modell der Selbstorganisation. Ihr Grundgedanke ist, dass Verbraucher das unternehmerische Risiko der landwirtschaftlichen Erzeuger mittragen. In der Regel zahlen sie einen regelmäßigen Beitrag und erhalten im Gegenzug einen Ernteanteil, dessen Größe und Zusammensetzung je nach der aktuellen Ernte variiert. Oft sind sie zusätzlich zu Hofbesuchen und zur Mitarbeit eingeladen, um einen direkten Einblick in die Produktion zu erhalten.
Das Konzept reicht bis in die 80er zurück, erfuhr aber erst in den letzten Jahren ein enormes Wachstum. Gab es in Deutschland vor 20 Jahren gerade mal zehn Solawis, so spricht die Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft heute von rund 500 Betrieben und 100 weiteren in der Gründungsphase. 90 Prozent sind laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) Bio-zertifiziert.
Dabei unterscheiden sich die Gemeinschaften in ihrer Größenordnung erheblich: Manche versorgen nur gut 30, andere über 1.000 Privathaushalte. Nach einem Forschungsprojekt der Ernst-Abbe-Hochschule Jena waren im Jahr 2023 schätzungsweise über 40.000 Haushalte in Deutschland an eine Solawi angeschlossen.
Hervor sticht die Genossenschaft Kartoffelkombinat in München, derzeit die größte Solawi in der Bundesrepublik. 2012 von zwei Verbrauchern ins Leben gerufen, versorgt sie heute wöchentlich 2.300 Haushalte mit regionalem Bio-Gemüse. 40 Mitarbeiter sind festangestellt und sorgen dafür, dass vom Anbau bis zur Verpackung und Logistik alles reibungslos läuft. Übers Jahr verteilt werden 50 verschiedene Obst- und Gemüsesorten angebaut, jährlich wird eine Ernte von 600 Tonnen ausgeliefert. Außerdem ist das Kartoffelkombinat in der Bildungsarbeit aktiv und bietet Workshops und Führungen für Schulklassen an.
Hansalim: von der Solawi zum Vollsortimenter
Aber nicht nur in Deutschland, auf der ganzen Welt sind Solawis auf dem Vormarsch. Die weltweit größte Solawi und zugleich eine der größten Genossenschaften für Bio-Produkte ist aktuell die Vereinigung Hansalim in Südkorea, die bereits vor 40 Jahren gegründet wurde. 1986 schlossen sich Bauern im Landkreis Goesan zusammen, um in einer wirtschaftlich schwierigen Lage gemeinsam Abnehmer in den Städten zu finden. Heute sind die Mitglieder über ganz Südkorea verteilt. 2.300 landwirtschaftliche Betriebe mit einer durchschnittlichen Größe von 2,1 Hektar sind an der Bewegung beteiligt. Ein Hof erwirtschaftet auf dieser Fläche im Schnitt 150.000 Euro im Jahr. Im April 2026 überschritt die Zahl der versorgten Haushalte die Marke von einer Million.
Über 100 eigene Verarbeitungsbetriebe sind mittlerweile für Hansalim aktiv: Sie schälen selbst Reis, backen Brot und stellen große Mengen an Sojasauce her. Mit Futtermitteln aus der eigenen Fabrik werden Partner-Landwirte im ganzen Land beliefert. Seit 2015 existiert sogar ein eigenes Analysezentrum zur Lebensmittelsicherheit. In modernen Lagerhallen werden die Produkte für den Versand in Kartons gepackt. Bis 2029 soll ein zweites Logistikzentrum fertiggestellt werden.
Durch den Verzicht auf Zwischenhändler können sowohl günstige Preise für die Konsumenten als auch ein gutes Einkommen für die Bauern sichergestellt werden. Rund 70 Prozent des Endpreises geht direkt an die Erzeuger, für die Koordination des Marktgeschehens werden nur fünf bis sieben Prozent einbehalten. Ein Gremium, in dem Vertreter von Produzenten, Verbrauchern, Arbeitern und Angestellten sitzen, legt einmal im Jahr die Preise für wichtige Kulturen fest. Dazu werden vergangene Ernten ausgewertet und Prognosen für die kommenden erstellt. Außerdem gibt es einen Produktionsstabilisierungsfonds, der zur Absicherung der Landwirte für den Fall von Naturkatastrophen dient.
‚Hansalim‘ bedeutet übersetzt ‚Bewahre alles Lebendige‘. Der Schutz der Umwelt ist wie die Solidarität zwischen Stadt und Land in den Statuten der Genossenschaft festgelegt. Gentechnikfreiheit wird für alle Produkte garantiert. Hansalim hat ein eigenes Zertifizierungssystem entwickelt, das sich am Ansatz der Partizipativen Garantiesysteme (PGS) orientiert. Erzeuger, Verbraucher und Mitarbeiter sind dabei gemeinsam an der Kontrolle beteiligt. Es gibt vier mögliche Produktionsstufen von ‚Basic‘ bis Stufe 3, auf der keine Pestizide und Düngemittel mehr zugelassen sind – ein Äquivalent zu Bio.
Von Beginn an unterhielt Hansalim im Gegensatz zu anderen Solawis eigene Märkte: Der erste kleine Reis-Laden in Seoul wurde im Gründungsjahr 1986 eröffnet. Heute gibt es um die 240 Hansalim-Läden, in denen mehr als 4.600 verschiedene Produkte angeboten werden. Auch Nicht-Mitglieder können dort einkaufen.
Mitmach-Supermärkte bringen bio-regional in die Nachbarschaft
Die Dimensionen von Hansalim werden in Deutschland noch lange nicht erreicht – der Trend zu solidarischen Supermärkten hat mittlerweile allerdings auch hierzulande Einzug gehalten. Den Beginn einer neuen Bewegung markiert der genossenschaftlich organisierte Supermarkt Food Hub in München, der 2021 im Stadtteil Obergiesing eröffnet wurde.
Seine Wurzeln liegen in den Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften (EVGs), die vor circa 50 Jahren Teil der Bio-Bewegung wurden. Vorbilder sind ähnliche Projekte in Paris und New York, die ebenfalls das Lebensmittel-Vollsortiment als Konzept haben. Das Projekt wurde maßgeblich von Karl Schweisfurth, Geschäftsführer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, mit aufgebaut.
Die Mission ist es, möglichst regionale Qualitätslebensmittel günstiger für Verbraucher und mit faireren Preisen für Erzeuger anzubieten. Gemeinschaftlich unterhalten die Mitglieder der Genossenschaft den Laden, in dem ausschließlich sie selbst Lebensmittel erwerben können. Der einmalige Genossenschaftsbeitrag liegt bei 180 Euro. Alle Genossen verpflichten sich dazu, einmal im Monat für drei Stunden mitzuarbeiten.
Inzwischen umfasst die Genossenschaft nach eigenen Angaben über 2.500 Mitglieder. Die meisten von ihnen wohnen in der Nachbarschaft. Im Food Hub haben sie heute die Wahl aus einem Vollsortiment mit rund 5.000 Artikeln – fast alle in Bio-Qualität. Für jedes Produkt wird ein einheitlicher Aufschlag von 30 Prozent – beziehungsweise 35 Prozent bei verderblichen Waren – erhoben. Vorzugsweise stammen die Produkte von Direktanbietern, ergänzt von Groß- und Fachhandel. Aktuell wird an der Eröffnung eines zweiten Standorts in München-Schwabing gearbeitet.
Nische mit Signalwirkung
Deutschlandweit gewinnt das Konzept der Supermärkte in Eigenregie an Fahrt, andere Städte ziehen nach. Für den SuperCoop Berlin, der 2021 in Berlin-Wedding eröffnet wurde, werden bereits 2.000 Genossenschaftsmitglieder und ein Sortiment von 4.000 Artikeln angegeben. Das Köllektiv in der Kölner Südstadt wurde erst 2024 ins Leben gerufen – im Frühjahr 2026 konnten rund 500 Mitglieder schon auf 1.500 Produkte zugreifen. Auch der SuperCoop in der Bremer Neustadt, gegründet 2025, entwickelt sich schnell und geht bereits auf eine Zahl von 500 Mitgliedern zu.
Sind genossenschaftliche Supermärkte der Lebensmittelhandel der Zukunft? In welcher Geschwindigkeit werden die Verbraucher-Bewegungen weiter wachsen? Und was kann der LEH von ihnen lernen? Noch ist die Bedeutung der Solawis und Foodcoops am Markt marginal – das Beispiel aus Südkorea macht jedoch deutlich, in welche Richtung die Entwicklung gehen könnte. Ginge in Deutschland ein ähnlicher Anteil der Verbraucher selbst organisiert einkaufen, so verlöre der LEH bereits signifikante Marktanteile.
Für den selbstständigen Einzelhandel zeigen die Mitmach-Supermärkte, welche Bedürfnisse ein zunehmender Teil der Verbraucher im bestehenden LEH nicht ausreichend erfüllt sieht. Die Kunden sind nicht nur preissensibel und nicht nur bequem: Sie wünschen sich mehr Nähe zu den Lebensmitteln und Erzeugern, mehr Transparenz über Herkunft und Preise, eine faire Preisgestaltung, regionale Strukturen, die Möglichkeit zur Mitbestimmung – und nicht zuletzt ein großes Bio-Angebot.
Die solidarischen Organisationen können als Versuchslabore dienen für eine neue Beziehung zwischen Landwirtschaft, Handel und Verbraucher. Ihr Marktanteil mag noch klein sein – doch sie senden bereits Impulse, die Verbraucher bewegen und den Markt von morgen verändern können.
Bernward Geier und Lena Renner







