Verbände
Mehr Bio – nur mit neuen Strukturen?
Bioland-Präsident Jan Plagge über Margendruck, Innovation und zukunftsfähige Kooperation
Die Bio-Branche wächst – und ringt gleichzeitig mit strukturellen Problemen. Angesichts der Dominanz von Eigenmarken und Zentralismus geraten Bio-Hersteller unter Druck – bio-regionale Ware bleibt im LEH die Ausnahme. Warum es nun die Kräfte zu bündeln gilt, wie neue Nachhaltigkeitskooperationen auf Augenhöhe den Bio-Standard bewahren können und weshalb Einkäufer ihr Jobprofil breiter definieren sollten, beschreibt Bioland-Präsident Jan Plagge im Gespräch mit bioPress.
bioPress: Herr Plagge, die Bio-Branche ist im Umbruch. Die Biofach 2026 war erneut von Orientierungssuche und Selbstreflexion geprägt. Wie haben Sie die Messe erlebt?
Jan Plagge: Ich habe die Messe als sehr spannungsgeladen empfunden – im Kontext der allgemeinen geopolitischen Entwicklung und der Marktentwicklung. Der Druck auf die Margen ist stärker als in der Vergangenheit ein Thema; die Herausforderungen werden gefühlt immer größer. Trotz des Bio-Wachstums gibt es in allen Bereichen immer mehr Schieflagen – das jüngste Beispiel ist das Aus für tegut. Entsprechend suchen alle nach neuen Wegen. Die Branchenakteure streben nach Differenzierung im Sortiment oder im Vertrieb.
Nach meiner Wahrnehmung ist besonders der Wunsch nach mehr Kooperation und gewinnbringenden Synergien stark. Es gilt, einerseits die Prinzipien und Werte der einzelnen Akteure aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln und andererseits die Kräfte zu bündeln gegen die enormen Herausforderungen. Für die Bio-Hersteller stellt sich die Frage, wie sie in unterschiedlichen Vertriebswegen kostendeckend arbeiten können.
bioPress: Bio ist am Rand der eigenen Bubble angekommen. Gleichzeitig ist der Fachhandel immer noch der einzige Anbieter eines Bio-Vollsortiments. Im Mainstream dominieren von Rewe bis Aldi Handelsmarken mit einer beschränkten Auswahl die Regale. Wie können sich Bio-Hersteller mit ihren Marken zwischen den Machtstrukturen des Einzelhandels durchsetzen?
Plagge: Die Frage ist, wie Landwirte, Hersteller und Handel auf Augenhöhe zusammenarbeiten können, um Bio-Sortimente voranzubringen. Der Einzelhandel bedient mit seinen Eigenmarken den Wunsch der Verbraucher nach einem besonders günstigen Einkaufspreis – den gibt es sowohl im Fachhandel als auch im LEH.
Wir Öko-Verbände versuchen, das hohe Bio-Niveau zu bewahren, indem wir mit den Eigenmarken des Handels kooperieren und dabei die Standards selbst definieren: ob mit Blick auf die Biodiversität, Tierwohl, Klimaschutz oder faire, gesicherte Lieferketten. Das klappt seit einigen Jahren schon sehr gut und sorgt für mehr Nachhaltigkeit, gerade auch bei den Eckprodukten.
Was wir aber brauchen, ist eine wesentlich intensivere Partnerschaft mit dem operativen Einkauf. Die Einkäufer müssen noch besser Bescheid wissen, was sie eigentlich einkaufen, welche Mehrwerte man dazu Verbrauchern vermitteln muss und woraus sich Innovationsmöglichkeiten für vielfältigere Sortimente ergeben. Zum Jobprofil eines Einkäufers sollte auch der Aufbau einer langfristigen Lieferbeziehung gehören, inklusive der Analyse von Risiko und Innovationspotenzial. Generell gilt: Wir können Bio heute nachhaltiger produzieren als noch vor 20 Jahren – diese Message besser zu transportieren, ist eine Aufgabe für alle Beteiligten der Wertschöpfungskette.
bioPress: Bioland setzt also auf Kooperationen mit den Zentralen, aber ist das wirklich der richtige Weg? Gibt es in der Branche auch Bestrebungen, sich zusammenzutun, um auf Augenhöhe mit Kaufleuten zu reden?
Plagge: Nach meinem Verständnis wird die Bio-Branche von den in Verbänden organisierten Betrieben und Unternehmen gestaltet. Wir kooperieren nicht nur mit den Zentralen, sondern haben auch regionale Partnerschaften – zum Beispiel mit dem regionalen Fachhandel oder auch den genossenschaftlich organisierten Regionen wie Edeka Südwest. Für Bioland zeigt sich eine faire Partnerschaft mit dem Einzelhandel im systematischen Aufbau von sogenannten Nachhaltigkeitskooperationen. Wenn man wettbewerbsübergreifend kooperieren und dabei für Ausgeglichenheit der Beteiligten an der Wertschöpfungskette sorgen will, braucht es eine kartellrechtkonforme Absprachemöglichkeit. Die hat die EU mit dem Artikel 210a geschaffen, der gemeinsamen Marktorganisation für landwirtschaftliche Erzeugnisse.
Wenn sich demnach Erzeuger mit Herstellern und dem Einzelhandel zusammenschließen und Konzepte entwickeln, wie man besonders nachhaltiges Wirtschaften ökonomisch dauerhaft sicherstellen kann, dann dürfen sie sich abstimmen. Auf dieser Basis sind neue Kooperationsformen möglich, mit denen sich nachhaltige Lieferbeziehungen sichern lassen. Das ist unser Angebot an den Einzelhandel und die Verbände und zum Beispiel auch eine der Ideen hinter der neuen Bio-Allianz, in der sich mittlerweile elf Bio-Verbände zusammengeschlossen haben.
Ich sehe ein riesiges Potenzial für stabile langfristige dezentrale Lieferpartnerschaften zwischen Landwirtschaft, handwerklicher Herstellung und selbstständigen Einzelhändlern. Daran wollen wir arbeiten. Für Verbraucher ist es attraktiv und für Kaufleute eine Differenzierungsmöglichkeit zu den immer gleicher werdenden Standardsortimenten.
bioPress: Die Regionalbewegung bemüht sich im Moment um vernetzte Strukturen. Eine alternative Logistik abseits der Zentralen fehlt weiterhin. Der Zentralismus funktioniert und hat seine Aufgabe, die ihm keiner abnehmen will. Aber dazwischen brauchen wir ein Netzwerk von Alternativen zu den Zentralen. Wie können die Verbände dazu beitragen?
Plagge: Traditionell haben wir bei Bioland unsere direktvermarktenden Betriebe – die hofnahe Vermarktung, in die wir bewusst viel Aufwand und Ressourcen investieren. Man bräuchte vor allem eine Plattform mit einer möglichst großen Reichweite, die nicht in einer zentralistischen Hand ist, sondern idealerweise wie eine Genossenschaft organisiert. Eigentlich wäre das die originäre Aufgabe der bestehenden Genossenschaften des Einzelhandels.
Wir als Verein haben nicht den Auftrag, eine neue Vertriebsorganisation aufzubauen. Was wir versuchen, ist, mit den Bestehenden die Grundidee der regionalen Wertschöpfungsketten zu fördern. Zum Beispiel arbeiten wir daran, den heimischen Leguminosenanbau nicht nur in Futter, sondern auch in Eiweißprodukte für die Endverbraucher zu bringen. Da gab es in den letzten Jahren ganz tolle Projekte. Mit unserem Fokus auf Deutschland und Südtirol ist eine möglichst regionale Wertschöpfung für uns von besonderem Interesse.
bioPress: Wir sind jetzt bei rund elf Prozent Ökolandbau und bei sechs bis sieben Prozent Bio-Umsatzanteil am Lebensmittelmarkt. Das Ziel in wenigen Jahren sind aber 30 Prozent Bio und keiner scheint zu wissen, wie wir da hinkommen. Die Bio-Branche überlässt die ganze Entwicklung dem Einzelhandel. Das große Ganze muss zentralistisch organisiert werden. Aber die vielen kleinen Winkel, die Bio ausmachen, sind unorganisiert. Dabei wären die Kaufleute heilfroh, wenn sie bio-regionale Produkte bekämen…
Plagge: Wir nehmen das auch so wahr, dass die Regionen gestärkt werden müssen. Wir haben uns politisch dafür eingesetzt, dass es in jedem Bundesland Bio-Regionen gibt, mit Wertschöpfungskettenmanagern, die versuchen, Anstöße zu geben, dass sich regionale Strukturen entwickeln. Auch die Außer-Haus-Verpflegung ist zentral, damit es sich für die Lieferanten mit Blick aufs Volumen lohnt.
Etwas abschauen können wir uns momentan von den Schweizern. Der Verband Bio Suisse hat mit der Vermarktungsplattform Biomondo sowohl für B2B als auch B2C einen Online-Marktplatz für Bio aus der Schweiz auf die Beine gestellt. Das ist ein superspannendes Projekt.
Interview: Erich Margrander und Lena Renner







