Messe
Biofach öffnet sich
Weltleitmesse für Bio will neue Akteure ins Boot holen
© NuernbergMesse / Uwe Niklas
Nicht-Bio auf der Biofach? Ab 2027 will die Messeleitung erstmals auch Aussteller ohne Bio-Zertifikat zulassen – sofern diese Kriterien erfüllen, die zum Bio-Kern-Gedanken passen. Los geht es mit einem neuen Fairtrade-Bereich. Hintergrund ist eine Horizonterweiterung von einer Plattform für Bio zu einer Plattform für zukunftsfähige Ernährung. Biofach-Leiter Dominik Dietz hat mit bioPress über das neue Konzept gesprochen.
bioPress: Seit über 30 Jahren fungiert die Biofach als Treffpunkt für die Bio-Branche. Jetzt haben Sie grundlegende Neuerungen angedeutet. Worum geht es?
Dominik Dietz: In den letzten Monaten haben wir uns intensiv mit der strategischen Zukunft der Biofach beschäftigt. Wie muss die Messe aussehen, um eine elementare Plattform für die Branche zu bleiben? Wir haben dafür Marktzahlen durchforstet und mit Branchenakteuren gesprochen.
Uns wurde gespiegelt, dass die Biofach immer noch die Rolle als wichtigster Branchentreffpunkt im Jahr erfüllt. Sie sei das Familientreffen der Branche, hören wir häufig. Das soll auch so bleiben, aber klar ist gleichzeitig: Wenn wir als Branche zukunftsfähig sein wollen, müssen wir auch den Blick raus aus der Bubble wagen. Wir brauchen neue Akteure und müssen Impulse von außen zulassen, um das größere Bild einer nachhaltigen Zukunft aufzumachen und gemeinsam den Weg zu einer zukunftsfähigen Ernährung zu beschreiten. Dazu gehört auch der Austausch mit denen, die noch überzeugt werden müssen – auch wenn das Reibung erzeugen und manchmal schmerzhaft sein kann.
Wir möchten eine Plattform für Bio bleiben und die Messe gleichzeitig zu einer Plattform für zukunftsfähige Ernährung erweitern – als kuratierender Impulsgeber, der selbst mitgestaltet und offensiv zum Diskurs einlädt.
bioPress: Welche konkreten Schritte sind dafür geplant? Was ändert sich?
© NürnbergMesse / Ute Wünsch
Dietz: Wir wollen dabei nach dem Zwiebelprinzip vorgehen. In der Mitte steht der Bio-Kern, der unverändert bleibt und den zentralen Ankerpunkt der Messe bildet.
Auf Ebene 2 folgt der Bereich ‚Near-Food‘ – also ‚Non-Food‘, das aber mit Lebensmitteln zu tun hat. Dazu gehört zum Beispiel das Thema Verpackung, nicht aber der Bereich Naturkosmetik. Damit wollen wir dem Wunsch der Branche nach einer klareren Orientierung Rechnung tragen.
Ganz neu ist der Bereich 3: für zukunftsfähige Ernährung. Hier wollen wir den Raum öffnen für neue Akteure und alles, was im Rahmen unserer gemeinsamen Werte und Ziele zur zukunftsfähigen Ernährung gehören kann. Bislang haben wir etwa bereits mit dem Format des Sustainable Future Labs den Blick bewusst außerhalb der Bubble gerichtet und zu kontroverseren Diskussionen eingeladen. Auch die Einladung von Klimaaktivistin Luisa Neubauer, die dieses Jahr die Keynote bei der Biofach-Eröffnung halten wird, gehört in dieses Feld.
bioPress: Wird sich das Zwiebelprinzip mit den neuen Bereichen auch auf den Hallen- und Ausstellungsbereich auswirken?
Dietz: Ja, ab 2027 wird der Non-Food-Bereich geclustert und teilthematisch vom Lebensmittel-Bereich abgegrenzt sein. Gebündelt wollen wir den Angeboten noch mehr Relevanz verschaffen.
Auch für den Bereich 3 wollen wir in den nächsten Jahren vom Bio-Kern ausgehend schrittweise eine Entwicklung vorantreiben – auf Basis von klaren und transparenten Zulassungskriterien.
2027 werden wir mit einem separaten Fairtrade-Bereich den Anfang machen und in diesem Kontext auch erstmals Nicht-Bio-Produkte auf der Messe zulassen. Gerade schauen wir uns an, welche Fairtrade-Label wir im Rahmen der Zulassungskriterien genehmigen werden. Schon jedes zweite Fairtrade-Produkt ist heute gleichzeitig Bio und wir ermöglichen so die Teilnahme auch Ausstellern, die gerade vielleicht auf dem Weg zur Bio-Zertifizierung sind.
bioPress: Welche weiteren Bereiche stehen für die Öffnung in Aussicht?
Dietz: Das wird sich noch zeigen. Wie bei unseren Schwerpunktthemen hören wir hin, was die Branche als Treiber für die Zukunft identifiziert und welche Themen an uns herangetragen werden.
bioPress: Was hat Sie zu der strategischen Neuorientierung bewogen?
Dietz: Die Ernährungswirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess. Nachhaltigkeit wird heute deutlich ganzheitlicher verstanden und bringt neue Geschäftsmodelle, Innovationen und Marktakteure hervor. Um in diesem Umfeld relevant zu bleiben, reicht es nicht mehr aus, ausschließlich Plattform zu sein. Die Bio-Branche muss sich aktiv in die Weiterentwicklung eines nachhaltigen Ernährungssystems einbringen – und genau darin sehen wir die Rolle der Biofach. Durch die strategische Öffnung wollen wir nicht zuletzt auch für die Zielgruppe Handel interessanter werden.
bioPress: Öffnung klingt zunächst einmal gut – aber man muss immer wissen, wohin, sonst wird es gefährlich. Auch Fake Fleisch wird beispielsweise von den Verfechtern als zukunftsfähige Ernährung propagiert… Wie will die Biofach sicherstellen, dass mit der Öffnung für Nicht-Bio-Produkte nicht auch Nachhaltigkeits-Greenwashing Einzug in die Messe erhält? Ist das Einfallstor erst geöffnet, könnte es nur schwer wieder zu schließen sein…
Dietz: Deswegen achten wir genau darauf, wo wir angrenzenden Themen Raum geben und wie wir den Bio-Kern dabei bewahren können. Die Messe hat das Ohr bei der Branche, sodass die Themenauswahl gemeinsam kuratiert werden kann. Im Hallenbereich brauchen wir transparente und klare Zulassungskriterien, die vor Nachhaltigkeits-Greenwashing schützen, – im Kongress sind wir ein bisschen freier.
Indem wir kontroverse Themen auf dem Kongress thematisieren, haben wir ja auch die Möglichkeit, als Branche eine Haltung dazu zu entwickeln. Es ist doch besser, den Diskurs als Impulsgeber zu kuratieren, als zuzusehen, wie andere ein Thema besetzen. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als die Biofach?







