Start / News / Editorial Ausgabe 126/Januar 2026, 1. Quartal

Editorial

Editorial Ausgabe 126/Januar 2026, 1. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

bioPress wünscht allen Leserinnen und Lesern ein erfolgreiches und bewegtes neues Jahr. Bewegung ist das Zauberwort. Das wendet sich gegen Stillstand. Bewegung alleine sagt jedoch nicht alles. Das Schreckgespenst Trump beispielsweise treibt uns rückwärts. Und die allgemeine politische Bewegung nach rechts außen bringt uns Mercosur und nach Rainers Wille Anbindehaltung im Kuhstall wieder zurück.

Glauben wir das? Jahrzehnte Arbeit für die Natur und plötzlich soll alles nur eine Fatamorgana gewesen sein? Schlimm ist, dass für diese zerstörerische Kraft auch noch der Segen Gottes und von Putin sogar vom Christus persönlich in Anspruch genommen wird. Mittelalter? 

Wir müssen uns selbst entscheiden und nicht verzagen. Plötzlich ist wirklich eingetreten, was lange Zeit verhindert werden sollte. Abgesehen davon, dass der Zusammenschluss der beiden vebliebenen Bio-Großhändler in Berlin zu einer letzten einzigen Liefergemeinschaft den Kaufleuten eher den Schreck in die Glieder treibt – sie fürchten wieder Ausgrenzung – darf davon ausgegangen werden, dass die Realität sich durchgesetzt hat und die Öffnung nun klare Formen annehmen kann, so jedenfalls ist Meinrad Schmitt zu verstehen. Sich gemeinsam auf Basis von Kosten- und nicht auf Gefühlskalkulation der Zukunft widmen, dürfte jetzt in Berlin unter Einbeziehung der Kaufleute mehr Bio aus der Region in die Hauptstadt bringen.

Nachhaltigkeit kann nicht den Big Playern überlassen werden, wenn die ,aus der Region‘ gleich setzen mit Bio! FAKE!  Bio hatte von Anfang an viel ,aus der Region schöpfen‘ auf der Agenda. Vor 20 Jahren ist dem LEH aufgefallen, dass sie das auch können. Ohne die Kosten für Bio tragen zu müssen. Die Deutungshoheit muss die  Biobranche zurückgewinnen. Sind es doch die Agrogifte, die der Kunden-Gesundheit massiv schaden. Die Kaufleute können in Zukunft mit Bio dieses Wissen verteilen.

Herr Weber, rechts außen ist unklug, das zeigen die Opfer in allen faschistischen Zeiten. 70 Jahre friedliche Entwicklung zu mehr Individualität ist wirkungsvoller als zwölf Jahre tausendjähriges Reich. Damals lag alles am Boden, die Menschen hungerten und erfroren. Heute leben sie im Wohlstand. Ist das ein Argument? Oder braucht es die Gier der Pharisäer wie die um Trump herum, die das Gegenteil  behaupten und Armageddon heraufbeschwören?

Trotz der Lobby-Milliarden konnte sich Bio auf zwölf Prozent Anteil an den deutschen Bodenflächen entwickeln. Selbst die finanzielle Abhängigkeit von den Agrochemie-Strukturen auf  den Äckern konnte die Transformation nicht aufhalten. Der Big Bang läuft und läuft und...

Scheint, als wäre Vernunft doch wenigstens ebenbürdig. Die Biobranche hat zu lange festgehalten an der Fachhandelsstrategie, die Bio mit festem Glauben für sich vereinnahmt hatte. Stimmt, die Big Player sehen in erster Linie ihre Kapitalinteressen und arbeiten für ihren Vorteil, nicht für die Gesundung der Natur. Und wenn die Biobranche ihre Entwicklung deshalb nicht jenen überlassen darf,  die Greenwashing betreiben, muss sie dem etwas entgegensetzen und jetzt den Bio-Mainstream aktiv gestalten. 

Was zwitschern die Spatzen von den Dächern? Thinktank für eine bessere Entwicklung? Neues Denken? Gemeinsam handeln? Und doch sind es immer die Gleichen, die den Takt vorgeben wollen. Der Takt muss eine Unterbrechung ertragen und Entwicklungen wie beispielsweise jetzt bei Naturkost West, die sich Edeka Rhein-Ruhr ins Boot holen, verkraften. Es gilt, aktiv mit den Kaufleuten täglich und immer wieder auf allen Ebenen ins Gespräch kommen. Es darf nicht weiter nur Marketing getrieben  sein. Hier bietet sich die Chance, beim Handel wieder zum Handeln zu kommen, nicht nur abliefern, was dort Umsätze, aber wenig Erträge für die Macher bringt.

Die Chefs, die EntscheiderInnen der Biobranche müssen diesen Dialog anstoßen. Storytelling wie im Fachhandel muss eine neue Basis erarbeiten. Vielleicht mit mehr Reality Experiencing, mit Fakten auf die Leute eingehen. Ihnen erzählen, dass Bio Genuss bedeutet und zudem Lebensenergie. Aber auch, dass Würmer ungern in den eigenen Ausscheidungen leben und deshalb die Äcker leer von den tapferen Helfern sind und was das bedeutet. Dass unsere Zivilisationskrankheiten von Allergien bis hin zu Alzheimer selbst verantwortet sind und mit Pestiziden zusammenhängen. Fehlentwicklungen müssen erkannt, benannt und hinausgeschrien werden. 

Worum geht es? Die Deutungshoheit zurück holen?  Die Fakten ansprechen! Keine Wattebäusche mehr verteilen oder Schönfärberei für eine friedliche Koexistenz. Das Gift bekommt nur weg, wer es aktiv bekämpft. Die Agrochemie-Industrie gibt niemals friedlich auf. Sie müssen entweder transformieren oder untergehen. Oder sie gehen den dritten Weg: Ignorieren, Zeit gewinnen und von vorne beginnen mit profitträchtigen neuen Wegen wie beispielsweise dem unsäglichen Laborfleisch oder wie es uns der Herr Weber in Brüssel gerade vormacht.

Die Biobranche hat viel mehr Aufgaben, als nur gute Gewinne zu erzielen. Es ist an der Zeit, alle einzubinden, neue PartnerInnen und Parameter zu akzeptieren und Märkte eigenständig zu besetzen. Die Welt aktiv mitgestalten und dabei hoffen, dass die anderen sie in Ruhe gewähren lassen? Wir müssen Menschen für uns gewinnen, jeden Tag, mit Fakten, die auch weh tun. 

Erich Margrander 
Herausgeber

Printansicht
 

[ Artikel drucken ]

Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Editorial Ausgabe 127/April 2026, 2. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Der Rückblick auf die Biofach-Messe zeigt: Die Frage nach der Neugestaltung – dem ‚Reframing Organic‘ – bewegt die Branche sehr unterschiedlich. Deutlich zu spüren ist, wer hinterherhinkt, seinen Status quo als zukunftsweisend ausgibt – und wer klare Vorstellungen einer übergeordneten Entwicklung hat.

16.04.2026mehr...
Stichwörter: Editorial