Nachhaltigkeit
Laborfleisch & Co.: grüne Lösungen?
High-Tech-Zutaten und ihre Nebenwirkungen
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In der Diskussion um Kunstfleisch und pflanzenbasierte Ersatzprodukte – auch als ‚Fake Food‘ bekannt – werden hauptsächlich zwei Argumente angeführt. Sie seien notwendig, um das Klima zu schützen und die Massentierhaltung abzuschaffen. Dass diese Ziele erreichenswert sind, steht außer Zweifel, doch die Frage bleibt, ob künstliches Essen dafür der richtige Weg ist.
Tatsächlich ist die Agrarindustrie zu einem großen Teil an den weltweiten Emissionen beteiligt. Neben der Produktion spielen auch Landnutzung, Transportwege, Verarbeitung und Distribution in einem globalisierten Ernährungssystem eine Rolle. Doch während die Vorteile von biologischen Anbaumethoden und regenerativer Landwirtschaft mit regionaler Vermarktung wenig Gehör finden, hält sich die Idee, Labornahrung und Fleischersatzprodukte seien gut fürs Klima, hartnäckig.
Dabei wird oft übersehen, dass der Energieaufwand bei der Herstellung im Reaktor erheblich ist. Studien aus Kalifornien und Oxford zufolge könnte Laborfleisch bis zu 25 Mal mehr CO2-Äquivalente freisetzen wie herkömmliches Fleisch, wobei aufwendige Reinigungsverfahren, um Bakterien und Endotoxine aus der Nährlösung zu entfernen, mit dem größten Anteil zu Buche schlagen. Solange die benötigte Energie nicht aus erneuerbaren Quellen kommt, sieht die CO2-Bilanz schlecht aus.
Von Rindern emittiertes Methan ist zwar schädlicher, verbleibt aber nur zwölf Jahre in der Atmosphäre, während sich CO2 über Jahrtausende ansammelt. Auch Zellen müssen im Reaktor gefüttert werden. Dazu werden Proteine (Soja, Erbsen) und Glukose (Mais) in großen Mengen benötigt, de-ren industrieller Anbau Umweltschäden verursacht.
Die Aussage der Klimafreundlichkeit von Labornahrung gegenüber konventioneller Fleischerzeugung ist also keinesfalls bewiesen. Umweltfolgen können nur geschätzt werden, so das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Das Umweltbundesamt äußert sich laut Verbraucherzentrale ähnlich und die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages bezeichnen die bisherigen Nachhaltigkeitsbetrachtungen als „vorläufig, unvollständig und unsicher“. Wie sieht es dann wenigstens mit dem Tierschutz aus?
Heutzutage gibt es doppelt so viele Nutztiere wie Menschen. Rinder fressen zwar für uns nicht verwertbares Gras, es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die Zahlen drastisch reduziert und die Haltungsbedingungen von Zucht bis Transport und Schlachtung erheblich verbessert werden müssen. Aber auch ‚kultiviertes‘ Fleisch kommt nicht ohne tierische Elemente aus. Für die Gewebeentnahme von Stammzellen ist eine Biopsie bei einem lebenden Tier nötig, möglichst aus Weidehaltung, da die Zellen dann von höherer Qualität sind. Weitere Komponenten sind zum Beispiel Kollagen oder Gelatine für die Strukturgebung.
Keinesfalls tierleidfrei ist das Fetale Kälberserum, wofür bei der Schlachtung einer trächtigen Kuh dem noch lebenden Kalb eine Nadel ins Herz gestoßen wird, um das Blut abzusaugen. Bei einem Preis von mehreren hundert Euro pro Liter ist es die teuerste Komponente eines Kunstfleischburgers. Alternativen sind zwar in Entwicklung, laut der Schweizer Allianz Gentechfrei sind jedoch für die Verfahrensentwicklung, Zellkultivierung und Novel-Food-Prüfung trotzdem Tierversuche nötig.
Ein Paradebeispiel für Ersatzprodukte auf Pflanzenbasis ist der ‚Impossible Burger‘. Vandana Shiva, die seit langem vor den Gefahren der agro-chemischen Landwirtschaft warnt, hat ihn in ihrem neuen Buch ‚Die Natur der Natur‘ näher unter die Lupe genommen und listet die Zutaten auf, darunter neben Weizen, Mais und Kartoffeln das Protein Soja-Leghämoglobin, das aus gentechnisch veränderter Hefe gewonnen wird. Ferner enthalten sind Methylzellulose, ein billiger Zusatzstoff für Textur ohne Nährwert, synthetische Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker, Verdickungsmittel und Farbfestiger.
Shiva stellt fest, dass die darin enthaltenen Glyphosatwerte hoch genug sind, um sich negativ auf unser Mikrobiom auszuwirken, das neben weiteren Körperfunktionen wie dem Immunsystem über die Darm-Hirn-Achse auch direkten Einfluss auf unsere Psyche hat. „Die biologische Vielfalt des Bodens, der Pflanzen und des Mikrobioms unseres Darms bilden ein Kontinuum“, schreibt Shiva und zeigt auf, dass gesunde Böden auch einen natürlichen Weg zur Kühlung des Planeten darstellen: Eine biodiversitäts-intensive, photosynthese-intensive, regenerative ökologische Landwirtschaft entzieht der Atmosphäre Kohlendioxid.
Bei der Fähigkeit, CO2 auf natürliche Weise im Boden zu speichern, ist beweidetes Grasland sogar effektiver als Bäume. Die Tiermedizinerin Anita Idel beschreibt in ihrem FAZ-Artikel ‚Der folgenreiche Biss der Kuh‘, wie das Abreißen des Grashalms durch Weidetiere für einen Wachstumsimpuls sorgt, mit mehr Photosynthese, mehr CO2-Absorption und mehr Biomasse. Die feinen Graswurzeln produzieren besonders viel kohlenstoffreichen Humus. Weideland speichert so mehr Kohlenstoff als Wald, weil Gräser Kohlenstoff vorrangig in die Bodenbildung statt in eigene Biomasse stecken.
Womit wir wieder beim Rind sind, diesmal als Bodenbilder, Klimaschützer und Biodiversitätsförderer. Ein Kuhfladen auf der Weide ist ein wahrer Jungbrunnen für die biologische Vielfalt. Aus einer Tonne Mist, die ein Rind monatlich auf der Weide produziert, entstehen 20 Kilogramm Insekten, wo-von sich Vögel und zahlreiche andere Arten ernähren. Konventionell gehaltene Rinder können das nicht leisten, durch den prophylaktischen Einsatz von Parasitenmitteln ist ihr Mist für Kleinstlebewesen toxisch, und somit auch für alles, was sich von ihnen ernährt.
Die anstehende Deregulierung lässt erahnen, in welchem Maße Neue Gentechnik bald überall in pflanzlichen Ersatzprodukten und Zellfutter für Laborfleisch stecken wird. Satte 94 Prozent aller NGT-Pflanzen fallen in die Kategorie 1, für die ein Markteintritt ohne Zulassung, Risikoprüfung oder Kennzeichnung erlaubt sein soll. In Zukunft könnten sogar gentechnisch veränderte Tiere als Spender für Zelllinien genutzt werden, wie das Dokument ‚Food safety aspects of cell-based food‘ der FAO und WHO offenlegt, das Risiken zu chemischen, biologischen und durch gentechnische Manipulation auftretenden Kontaminationen identifiziert.
Auch die Begrifflichkeiten ändern sich, die Rede ist nunmehr von ‚biotechnologischen Verfahren‘ wie ‚Präzisionsfermentation‘ und ‚Molecular Farming‘. Das klingt harmloser, ist aber meist Neue Gentechnik, die etwa 2012 mit CRISPR/Cas & Co. ihren Anfang nahm. Wie können in einem solch kurzen Zeitraum mögliche Langzeitfolgen überprüft und bewertet werden?
Während klare Antworten ausstehen, wird am Narrativ gearbeitet. Im Dokument der FAO und WHO geht es auch um Strategien zur Sicherung der Verbraucherakzeptanz. Empfohlen, um möglichen Vorbehalten der Konsumenten entgegenzuwirken, werden proaktive Kampagnen, die Ver- meidung von Ausdrücken wie ‚fake meat‘ und eine Überwachung des Verständnisses der Öffentlichkeit für diese neuen Produkte durch die Behörden.
Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz analysiert sinngemäß in seinem aktuellen Gutachten, welche Gruppen sich in Deutschland gegen ‚Fake Food‘ positionieren, was deren Beweggründe sind, wie sie sich äußern und mit welcher Opposition in welchem Umfang zu rechnen ist. Genannt wird unter anderem die ‚Advocacy-Koalition für eine Agrar- und Ernährungswende‘, bislang lasse sich jedoch keine öffentlichkeitswirksame Kampagne dieser Koalition gegen biotechnologische Alternativprodukte feststellen.
Politischer Handlungsbedarf bestehe zur Marktbildung, mögliche Instrumente seien Steuererleichterungen, limitierte Testmärkte, der Staat als Großnachfrager und weitere Maßnahmen. Ohne das gesamte Gutachten analysiert zu haben, lässt sich doch herauslesen, dass hier Risikotechnologien gefördert, Verbraucherakzeptanz beeinflusst und der Boden für einen Markteintritt geebnet werden sollen, ohne solide Methoden für adäquates Monitoring zu haben.
Niemand weiß, ob diese Produkte jemals zu einem erschwinglichen Preis verkauft werden können. Somit werden sie auch nicht zur Beseitigung von Hunger in der Welt beitragen, sondern könnten als teure Lifestyle-Produkte enden. Die Mehrheit der Bürger wünscht sich aber natürlich und transparent erzeugte, gesunde Lebensmittel ohne Gentechnik. Die Bio-Branche, Landwirte und Familienbetriebe leisten dies Tag für Tag und können hier eine starke zukunftsfähige Alternative bieten.
Dass es trotz riesiger Investitionen in ‚Fake Food‘ nicht ganz so rosig aussieht, wie der von Industrie, Politik und Medien erzeugte Hype glauben lässt, welche Länder bereits welche Produkte zugelassen haben, welche Firmen beteiligt sind, wie sich die einzelnen Mitgliedsstaaten der EU positionieren (Ungarn hat Laborfleisch soeben verboten) und warum das Ganze eine „milliardenschwere Wette auf die Zukunft“ sein könnte, ist im aktuellen Anhang des Buches ‚Die Natur der Natur – Die Klimazerrüttung: eine Stoffwechselstörung‘ von Vandana Shiva zu lesen.
Evelyn Rottengatter
Ist Tierhaltung schlecht oder wird einem vom Fake-Fleisch schlecht?
Mi, 11. Februar, 14-15 Uhr
NCC Ost, Ebene 2, Raum Oslo







