Start / Business / Themen / Politik / Die Grüne Front macht mobil: Zeitenwende rückwärts?

Kommentar

Die Grüne Front macht mobil: Zeitenwende rückwärts?

Kommentar von Wilfried Bommert vom World Food Institute - Institut für Welternährung e.V. Berlin

Der Deutsche Bauernverband und die alte Garde der Agrarpolitik versuchen aus dem Krieg Russlands gegen die Ukraine politischen Gewinn zu ziehen.

Russlands Krieg gegen die Ukraine bringt uns in eine Zeitenwende. Die Sicherheit, in der wir uns bisher gewiegt haben, ist vorbei. Was bei uns als Bedrohung ankommt, verstehen der Deutsche Bauernverband und die alte Garde der Agrarpolitik offensichtlich anders: Als Ermutigung, die alte Politik zurückzufordern. Schließlich herrsche Krieg und die Preise steigen. Da müssten alle Reserven mobilisiert, Produktionsschlachten geschlagen werden. Pestizide, Stickstoffdünger, Massentierhaltung, das ganze Programm der Agrarindustrie muss aufgefahren werden. „Green Deal“ und „Farm to Fork“, die grünen Brüsseler Ideen weg von der Agrarpolitischen Tagesordnung und weg mit der Ökologisierung, wie sie die Ampel in Berlin umsetzen will. 

Zunächst nur als Frage getarnt oder als Zweifel kaschiert, die Grüne Front macht mobil und versucht, aus dem Krieg Russlands politischen Gewinn zu ziehen. Aus der Krise, in die der Krieg die Welt schickt, politisches Kapital zu schlagen. Auf wessen Kosten? Um es klar zu sagen: Auf Kosten einer neuen Welternährungskrise.

Die Preisexplosionen, die es in den letzten Monaten bei Getreide und Raps gegeben hat, sind nicht durch einen Mangel in Deutschland entstanden; hier sind die Lager voll und die Produktion liegt bei Getreide, Fleisch und Milch deutlich über dem Verbrauch. Was die Preise treibt, ist der Weltmarkt und dort Missernten durch Frost, Hitze, Dürre, Überschwemmungen. Der Vierklang der Klimakatastrophe. Der jüngste Bericht des Weltklimarates lässt keinen Zweifel: Solange wir die Klimagase nicht in den Griff bekommen, sind es Knappheiten, die die Preise immer weiter in den Himmel schießen lassen. Die Lage ist vorprogrammiert.

Und jetzt noch der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Er hat die Energiepreise nach oben getrieben. Und damit auch den Treibstoff der Industrielandwirtschaft, den synthetischen Stickstoff, der in großen Mengen mit russischem Erdgas aus der Luft gewonnen wird. Der lässt jetzt die Kosten der Intensivlandwirtschaft aus dem Ruder laufen. Und befürchten, dass die Ernten schrumpfen, auch bei uns.

In dieser Situation zu fordern, dass noch mehr Öl und Gas in die Maschinerie der Industrielandwirtschaft fließen und Kunstdünger und Pestizide nicht reduziert werden, wie es der „Green Deal“ und die „Farm to Fork“ Strategie der Brüsseler Kommission fordern, zeugt von massivem Realitätsverlust. Dabei ist klar: Um den Energiekosten zu begegnen, das Klima in den Griff zu bekommen und dem Krieg ein Ende zu bereiten, ist der Abschied aus der energiefressenden, fossilen Landwirtschaft zwingend. Schnell und ohne Kompromisse.

Wir kennen den Weg. Er beginnt auf dem Acker und legt dort Treibhausgase auf Dauer fest. Setzt sich fort in den Mastställen, wo die Produktion zurückgefahren wird. Erreicht unsere Teller, wo Fleisch, wenn überhaupt, als Sonntagsbraten und in Bioqualität auf dem Tisch steht. Geht über zu unseren Mülleimern, in denen keine Lebensmittel mehr als Abfall landen. Und er macht vor den Zapfsäulen nicht halt. Wo es zunächst darum geht, die Lüge von Bio-Sprit zu entlarven, der die Äcker, die eigentlich die Menschheit ernähren sollten, für die Ölindustrie besetzt hat. Und dann darum, die Wende zu Solarenergie umzusetzen.

Es geht also um die radikale Abkehr vom fossilen Weg und den zügigen Aufbau einer solaren Welt auch und besonders, wo es um unser tägliches Brot geht. Das ist es, was wir aus dem russischen Krieg gegen die Ukraine lernen müssen. Darin liegt die Zeitenwende, die wir brauchen, um der Klimakatastrophe und dem Krieg zu entkommen. Und nicht im Rollback, wie es der Deutsche Bauernverband und seine Protagonisten in diesen Tagen fordern.


Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

EU-Parlamentarier begrüßen Farm-to-Fork

Der Deutsche Bauernverband bleibt ablehnend

Die Abgeordneten des Agrar- und Umweltausschusses im EU-Parlament haben heute für eine gemeinsame Position zur Farm-to-Fork-Strategie gestimmt. Sie begrüßen darin die Strategie der Kommission und sehen sie als wichtigen Schritt für eine nachhaltige und gesunde Ernährung. Im Vorfeld der Abstimmung kritisierte der Deutsche Bauernverband (DBV) die Strategie als zu wenig pragmatisch.

10.09.2021mehr...
Stichwörter: Pestizide, Agrarpolitik, Bauernverband, Massentierhaltung, Kommentar, KLimakatastrophe, Green Deal, Farm-to-Fork-Strategie, Stickstoffdünger, Preisexplosion, Frost, Hitze, Dürre, Überschwemmung

Bio-Ziele brauchen Agrarstatistik

IFOAM fordert systematische Datenerhebung zum Ökolandbau

In Brüssel findet heute der erste Trilog zur Verordnung über die Statistik der landwirtschaftlichen Inputs und Outputs (SAIO) statt. Sie soll wichtige Daten zur Überwachung von Farm-to-Fork-Zielen liefern: zum Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche, dem Einsatz chemischer Pestizide sowie von Nährstoffverlusten. Die Durchsetzung einer effektiven Regelung steht jedoch infrage. Der Bio-Dachverband IFOAM Organics Europe fordert den Ministerrat auf, die Chance nicht zu verpassen.

03.02.2022mehr...
Stichwörter: Pestizide, Agrarpolitik, Bauernverband, Massentierhaltung, Kommentar, KLimakatastrophe, Green Deal, Farm-to-Fork-Strategie, Stickstoffdünger, Preisexplosion, Frost, Hitze, Dürre, Überschwemmung

Koalitionsvertrag bietet Chancen für Agrarwende

Pläne für 30 Prozent Ökolandbau und Ernährungsstrategie

Gestern haben die Ampelparteien ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. Geplant sind 30 Prozent Ökolandbau bis 2030, eine verbindliche Tierhaltungskennzeichnung ab 2022 und eine Ernährungsstrategie bis 2023. Der Pestizideinsatz soll beschränkt und Glyphosat bis Ende 2023 vom Markt genommen werden. Verbände, die sich für Agrar- und Ernährungswende einsetzen, sehen den Grundlagentext als positives Signal. Jetzt gelte es, die nötigen Strategien und Maßnahmen zügig zu konkretisieren.

25.11.2021mehr...
Stichwörter: Pestizide, Agrarpolitik, Bauernverband, Massentierhaltung, Kommentar, KLimakatastrophe, Green Deal, Farm-to-Fork-Strategie, Stickstoffdünger, Preisexplosion, Frost, Hitze, Dürre, Überschwemmung

EU-Parlament stimmt für Farm-to-Fork

Große Mehrheit stellt sich hinter Agrarwende

21.10.2021mehr...
Stichwörter: Pestizide, Agrarpolitik, Bauernverband, Massentierhaltung, Kommentar, KLimakatastrophe, Green Deal, Farm-to-Fork-Strategie, Stickstoffdünger, Preisexplosion, Frost, Hitze, Dürre, Überschwemmung

Verbindlichkeit wagen

AöL fordert klares Bekenntnis zur Strategie ‚Vom Hof auf den Tisch‘

18.10.2021mehr...
Stichwörter: Pestizide, Agrarpolitik, Bauernverband, Massentierhaltung, Kommentar, KLimakatastrophe, Green Deal, Farm-to-Fork-Strategie, Stickstoffdünger, Preisexplosion, Frost, Hitze, Dürre, Überschwemmung

Rückenwind für mehr Bio aus Brüssel

Bioland begrüßt Ausrichtung des EU-Ökoaktionsplans

25.03.2021mehr...
Stichwörter: Pestizide, Agrarpolitik, Bauernverband, Massentierhaltung, Kommentar, KLimakatastrophe, Green Deal, Farm-to-Fork-Strategie, Stickstoffdünger, Preisexplosion, Frost, Hitze, Dürre, Überschwemmung