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Editorial

Editorial Ausgabe 109/Oktober 2021, 4. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Nachhaltigkeit und Transformation scheinen zwei gerade erfundene Begriffe zu sein. Sie werden in der öffentlichen Diskussion an allen möglichen Stellen eingesetzt. Bereits in den 60er und 70er Jahren waren sie jedoch schon die Triebfedern für einige – noch wenige Hippies oder Außenseiter, die bereits erkannt hatten, welche Brisanz in den Begriffen steckt.

Ökologie wurde transformiert in den Begriff Nachhaltigkeit. Warum? Vielleicht weil die Ökologisierung vom Zeitgeist als unumgänglich gesetzt zu werden scheint. Und die Öko-Gegner nicht auf die bereits besetzte Begrifflichkeit setzen wollen? Und ganz aktuell wird transformiert auf Teufel komm raus. Allerdings eher in schönen Reden und weniger in der Realität.

Ökologischer Landbau ist der Inbegriff von Transformation: Weg von der Umweltzerstörung bei der Lebensmittelerzeugung, weg vom Raubbau an der Natur, weg von mit Agrochemie gedopten Lebensmitteln, hin zu gesunder Ernährung. Weg von Versklavung durch das Kapital, hin zu fairem Handel und das nicht nur im viel beschworenen Süden. Auch unsere Bauern brauchen diese Fairness. Und sogar die Verbraucher im Lande.

Frei von Zusatzstoffen, Zucker und schlechten Fetten, ehrliche und doch bezahlbare Lebensmittel, dafür Vielfalt (der Natur) leben, und damit Geschmack und Bekömmlichkeit als Grundlage für ein Leben in Gesundheit, Wohlfühlen, Fitness und Leistungskraft.

Die EU baut den Bauern eine Brücke. Agrochemie-Einsatz zu reduzieren soll sich lohnen. Der vollständige Verzicht bleibt schwierig? Klar, Transformation ist nicht so schnell zu haben wie eine Geburtstagstorte vom Bäcker. Selbst mit Geld ist Ökolandbau nicht einfach so zu kaufen. Da müssen die Köpfe transformiert werden. Umdenken ist angesagt. Mut gefragt. Aber auch Hindernisse beiseite zu räumen! Denn die etablierten Strukturen wehren sich, teilweise in perfider Form.

Da wird ein Vegetarier-Bund umorganisiert zu einem Verein für Veganer und der wird gleich europäisch, ja gar international aufgestellt. Mit Deutschland und Polen voran. Die Niederländer sind dabei, Südafrika, Spanien, England und die USA, wer weiß warum. Die Franzosen fehlen, und auch die Italiener, Belgier, Dänen und Österreicher – alles Länder mit einer gehobenen Esskultur.

Im Programm findet sich dann eine Kampagne gegen Tierleid. Denkt ein Sternekoch bei Vegan nicht an Gemüse, Getreide und Kräuter, Nüsse und Obst? Wäre das Vorgehen gegen Tierleid nicht die Aufgabe der Bauern, die sich für das Leiden verantwortlich zeichnen, vielleicht unterstützt von der Politik? Traut man den Bauern nicht zu, sich zu transformieren hin zu umweltverträglicher Tierhaltung? Oder wäre es einfach zu teuer, das in die Massen von Ställen investierte Geld zu ersetzen? Da scheint es einfacher, an der Realität vorbei etwas Neues zu erfinden.

Der Markt verlangt billiges Fleisch, das jeden Tag für alle bezahlbar verfügbar ist? Da fügt es sich gut, dass die Wissenschaft – wie so oft ohne Technikfolgenabschätzung – in die Biotechnologie auf Zellebene vorgedrungen und beispielsweise aus einer einzigen Rinderzelle in einem Bioreaktor mit einer Nährlösung aus Zucker, Aminosäuren und weiteren Zutaten künstliches Billigfleisch zu erzeugen in der Lage ist.
Kunstfleisch also für die Massen kommt in Zukunft billig aus dem Reaktor.

Und die Konsumenten scheinen das zu akzeptieren, so neueste erste Umfragen. Gefragt wurden freilich junge Leute, deren Geschmack und Essbewusstsein noch unausgereift zu sein scheint, und die auch das noch nicht im Handel befindliche neue Billigfleisch gar nicht kennen können! Also erstmal Akzeptanz herstellen und dann abfüttern mit Substanzen, die aus den Bioreaktoren vom Pharmakonzern Merck oder von Nestlé stammen.

Bauern braucht es dann keine mehr. Das eine Rind für die Zellentnahmne findet sich später vielleicht wild laufend im Wald wieder? Tiere werden überflüssig. Da muss dann auch kein Lebensraum mehr mit ihnen geteilt werden.

Ökolandbau trifft auf konventionelle Bauern, die Nachteile befürchten und Bio allenfalls als Premiumfleisch akzeptieren wollen. Bio soll schön in der Nische für Gutbetuchte bleiben. So auch das Signal der Grünen Politik! Derweil etabliert sich die wirkliche Gefahr ganz woanders. Und wer auf Fleisch verzichten will und über genügend Mittel verfügt, kauft sich aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellte Fleischersatzprodukte, die  teurer sind als Billigfleisch.

Die Kosten für Feldfrüchte für Milliarden Menschen könnten schon heute im Zuge der Pandemie zu teuer werden. Allein die Transporte schlagen aktuell mit bis zu vierfachen Kosten zu Buche, wenn Rohstoffe von weit her geholt werden müssen. Bioreaktoren werden verbrauchernah installiert. Verglichen damit waren die Horrovisionen aus dem letzten Jahrhundert harmlos.

Erich Margrander
Herausgeber


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