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Bio-Oase in der Wüste

SEKEM-Landwirte verwandeln toten Sand in lebendigen Boden

Bio-Oase in der Wüste
Helmy Abouleish, Geschäftsführer der SEKEM-Initiative in Ägypten

Bio-Produkte mitten in der Wüste herstellen? Quasi ohne Regenwasser? Dass das möglich ist, hat Ibrahim Abouleish mit der Initiative SEKEM in Ägypten gezeigt. In der zweiten Sitzung der Webinar-Reihe ‚Aufbauende Landwirtschaft‘ erzählte sein Sohn Helmy Abouleish gestern von seinen Erfahrungen. Knapp 80 Teilnehmer lernten den Wert von Kompost kennen und erhielten Einblick in die Möglichkeiten einer motivierten Gemeinschaft.

Zu Beginn ging Helmy Abouleish, der SEKEM heute leitet, auf die prekäre Ernährungssituation in Ägypten ein. Die Bevölkerung sei in den letzten 65 Jahren von 18 Millionen auf 104 Millionen Einwohner angewachsen. Die 55 Milliarden Kubikmeter Wasser, die der Nil jährlich nach Ägypten bringt, reichten aber nur, um knapp 55 Millionen Menschen zu ernähren. Das heißt, dass die Hälfte der benötigten Lebensmittel importiert werden muss.

Gleichzeitig sei die traditionelle Landwirtschaft Ägyptens sehr schnell in eine Agroindustrie umgewandelt worden, um mehr und mehr produzieren zu können. Als Folge nehme die Biodiversität täglich ab und die CO2-Belastung sei hoch. Dabei sei Ägypten weltweit am zweitmeisten vom Klimawandel betroffen: Mit steigendem Meeresspiegel könnten Millionen Menschen im Nildelta ihren Lebensraum verlieren.

„Mein Vater wollte dieser Entwicklung etwas entgegensetzen: eine respektvolle Gemeinschaft mit wirtschaftlichen Aktivitäten auf höchstem ökologischen Niveau“, erzählte Abouleish. Auf Grundlage der biologisch-dynamischen Landwirtschaft entstand so aus Sand und totem Boden eine lebendige Oase – das „Wunder in der Wüste“.

Mit 70 Hektar Land in der Nähe von Kairo hat Ibrahim Abouleish 1977 die Mutterfarm von SEKEM ins Leben gerufen. Heute werden darum herum mehrere tausend Hektar bewirtschaftet. Über 2.000 Menschen stellen Lebensmittel, Heilmittel und Textilien für SEKEM her und beliefern damit über 15.000 Supermärkte. Für Teebeutel sei SEKEM inzwischen sogar ägyptischer Marktführer. Dazu gibt es Schulen mit über 800 Kindern und eine eigene Universität mit 3.000 Studenten – die Heliopolis-Universität für nachhaltige Entwicklung. Wie konnte all das erreicht werden?

Kompost – das Gold der Wüste

„Das Herzstück dazu war die ressourcenaufbauende Landwirtschaft“, erklärte Abouleish. Ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Lebenselixier Wasser, das vom unterirdischen Nil bereitgestellt werde, sei für die Landwirte elementar. Bezahlt mache sich dabei die gute Wasserhaltefähigkeit von biologischen Böden, durch die man 20 bis 40 Prozent weniger Wasser benötige als in der konventionellen Landwirtschaft. Dazu verwende SEKEM erneuerbare Energien und biologische Pflanzenschutzmittel und lege Wert auf lange und gesunde Fruchtfolgen.

Auch agroforstwirtschaftliche Methoden seien in der Wüste zwingend nötig. Bäume böten Schutz vor Sandstürmen und ein Habitat für Insekten und Vögel. „Beduinen betreiben schon seit Jahrtausenden Agroforstwirtschaft!“, so Abouleish. SEKEM teste aber immer noch, unter welchen Baumarten Futter, Gemüse und Heilkräuter am besten gedeihen können.

Als am wichtigsten für die Urbarmachung habe sich Kompost, das „Gold der Wüste“, erwiesen. Mit seiner Hilfe könne man Kohlenstoff binden und das Versalzungsproblem bewältigen, benötige weniger Wasser und erreiche trotz Trockenheit lebendige Böden. Dazu benötigten die Landwirte auch Tiere, die ihr Futter ausschließlich aus der eigenen Produktion erhielten. Schafe, Kühe, Hühner, Tauben und Enten lieferten Kompost für den Anbau. Nach den Erfahrungen SEKEMs kann eine sinnvolle Tierhaltung durchaus klimapositiv sein.

Potentialentfaltung als Schlüssel zum Erfolg

„Die Methoden alleine hätten aber nicht gereicht“, meinte Abouleish. Genauso wichtig sei die von SEKEM propagierte „Wirtschaft der Liebe“ gewesen. Ein respektvoller Umgang präge das Leben und Arbeiten in der Wüste. Als Teil der lebendigen Gemeinschaft soll jeder dabei gefördert werden, seine Potentiale bestmöglich zu entfalten. Zehn Prozent der Arbeitszeit werden dafür reserviert. Eine Rundumversorgung für Kinder wird über den ganzen Tag hinweg angeboten. Dazu zahle SEKEM weit mehr als den ägyptischen Durchschnittslohn, biete eine gute medizinische Versorgung und zusätzliche Versicherungen.

Ein eigenes Label für seine Wirtschaft der Liebe hat SEKEM inzwischen entwickelt. Wollen sich Produzenten oder Verarbeiter zertifizieren lassen, wird ihr Engagement für Umwelt, Mensch und Gemeinschaft, Potentialentfaltung sowie Transparenz, wahre Kosten und Fairness betrachtet. Das EoL-Label (für ‚Economy of Love‘) soll so einen ganzheitlichen Blick gewährleisten und die gesamte Wertschöpfungskette abdecken.

Das Label ist Teil der Vision 2057, mit der sich SEKEM selbst neue Ziele für die Zukunft gesetzt hat. „Wir wollen kein Leuchtturm bleiben, sondern eine Bewegung werden!“, fasst Abouleish den Tenor der Zukunftsvision zusammen. Langfristig wolle man einen Systemwandel in der gesamten Gesellschaft erreichen. Anderen Bauern soll dafür bei der Umstellung auf Bio geholfen werden. Im 13-Dörfer-Projekt will SEKEM den Lebensstandard der umliegenden Dörfer verbessern: etwa durch die Vergabe von Mikrokrediten und eine neue Infrastruktur. Unter dem Motto ‚Raum für Kultur‘ sollen Menschen lernen, wieder selbst künstlerisch tätig zu werden und ihre eigenen Inspirationsquellen zu entdecken. „Der Schlüssel zum Erfolg sind motivierte Menschen, die sich selbst einbringen“, ist Abouleish überzeugt.

Die Webinar-Reihe ‚Aufbauende Landwirtschaft‘ findet donnerstags um 19.30 Uhr statt. Nächste Woche berichtet Stephan Junge über das Transfermulchsystem im Kartoffelanbau. Interessierte können sich hier weiterhin anmelden.

Lena Renner


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