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Digitaler Wochenmarkt 4.0

Der Online-Marktplatz Pielers will die Lebensmittelversorgung durch Direktvermarktung revolutionieren

Digitaler Wochenmarkt 4.0
Im August 2016 ging das Startup-Unternehmen für seine Kunden online.

Nur ein Viertel der Verkaufserlöse im Supermarkt landet aktuell beim Bauern. Pielers will Abhilfe schaffen und dafür sorgen, dass sich verantwortungsvolle Erzeuger mehr Tierwohl und Nachhaltigkeit auch leisten können. Mit Hilfe eines Online-Marktplatzes für nachhaltige Lebensmittel sollen Verbraucher und Produzenten direkt zusammen- geführt werden.

„Wie einen riesigen Wochenmarkt“ könne man sich Pielers vorstellen, erklärt Julia Köhn, die Gründerin des Online-Marktplatzes, studierte Volkswirtin und Philosophin. Inzwischen sorgen dort um die 400 Produzenten für ein vielfältiges Angebot: So gibt es verschiedene Fleisch-, Fisch- und Käsewaren, aber auch Feinkost, Getränke, Süßwaren, Mehl, Reis und Nudeln.

Wie funktioniert der Einkauf?

Sowohl Hersteller als auch Kunden können sich bei Pielers ein kostenloses Konto erstellen. Pielers erhält bei einem getätigten Einkauf eine Umsatzprovision von 15 Prozent des Nettowarenwertes. Die Produzenten haben die Möglichkeit, sich und ihre Produkte auf ihrem Profil zu präsentieren und die Preise und Versandkosten nach eigenem Ermessen festzulegen. Kunden können dann entweder nach Kategorien stöbern, Produkte über die Suchfunktion finden oder auf einer Landkarte nachsehen, welche Betriebe sich in ihrer Nähe befinden.

Ist der Online-Einkauf via PayPal getätigt, soll die frische und sicher gekühlte Lieferung innerhalb von ein bis zwei Tagen erfolgen. Für den Versand sind die Erzeuger selbst verantwortlich. Mit Hilfe einer Sendungsverfolgungsnummer können Kunden den Status ihrer Bestellung nachverfolgen sowie einen Abstellort oder alternativen Liefertermin vereinbaren. Sollte die Zustellung dennoch nicht möglich sein, wird das Essenspaket an eine gemeinnützige Organisation gespendet.

Nachhaltigkeit in Produktion und Verpackung

Auf Pielers verkaufen sowohl Bio-zertifizierte als auch konventionelle Bauern nebeneinander. Jedoch müssen sich alle den ‚Ethischen Grundsätzen‘ Pielers verpflichten. Viel Wert wird dabei etwa auf eine artgerechte Tierhaltung gelegt: So ist keine Anbindehaltung erlaubt und die Weidehaltung für Rinder verpflichtend vorgeschrieben. Außerdem sollen die Erzeuger eine höchstmögliche Transparenz bezüglich der Herkunft, Produktionsweise, Verpackung und des Transports ihrer Produkte gewährleisten. Im Zuge der Selbstverpflichtung wird erwartet, dass sie eigene Produktionsprinzipien aufstellen, umsetzen und offenlegen.

Um Kunden auf einen Blick Aufschluss über die Nachhaltigkeit der angebotenen Lebensmittel zu geben, hat Pielers zudem einen Nachhaltigkeitsindex eingeführt. Zu den hierfür relevanten Kriterien gehört beispielsweise die Naturbelassenheit von Produkten, ihre biologische Vielfalt oder eine hohe CO2-Einsparung durch alternative Antriebe und eine intelligente Logistik. Mindestens 30 Prozent der Nachhaltigkeitskriterien muss ein Betrieb erfüllen, um auf Pielers verkaufen zu dürfen.

Für die Verpackung sollen die Hersteller bei Pielers nachhaltige Materialien aus recycelten oder ökologischen Rohstoffen verwenden. Die Verpackungsbox der bayerischen Firma Landpack ist FSC-zertifiziert, besteht zu 100 Prozent aus recycelter Pappe und ist über die Papiertonne entsorgbar. Für Kühlprodukte bietet Landpack zudem Isolationsverpackungen aus Hanf, die in die Biotonne gehören. Ein weiterer Partner Pielers ist die Firma EcoCool aus Bremerhaven, die für den Versand temperaturempfindlicher Ware spezielle Verpackungen entwickelt hat, die auf recyceltem PET basieren und über die gelbe Tonne entsorgt werden können.

Folgen für Umwelt, Erzeuger und Kunden

Im stationären Lebensmittelhandel sind Produkte im Schnitt um die 3.600 Kilometer unterwegs. Demgegenüber können bei Pielers sowohl Transportwege als auch Verpackungen und Lagerzeiten gespart werden, was sich positiv auf die Umweltbilanz der Produkte auswirkt.

Laut Studien erhalten Erzeuger im stationären Lebensmittelhandel nur 20 bis 35 Prozent des Umsatzes. Dagegen sparen sich die Produzenten bei Pielers den Zwischenhandel und können um die 85 Prozent der Verkaufserlöse behalten – abzüglich der anfallenden Lager-, Verpackungs- und Versandkosten. Es entfällt der Aufwand für den Betrieb eines eigenen Onlineshops; Bezahlung und Bestellabwicklung erfolgen automatisch. Zudem können auf dem Online-Marktplatz neue Kunden gewonnen und Kontakte mit anderen Erzeugern innerhalb der Pielers-Community hergestellt werden.

Kunden erhalten über Pielers die Möglichkeit, frische Lebensmittel bequem nach Hause geliefert zu bekommen. Über deren Herkunft wissen sie nicht nur genau Bescheid, sondern können die Betriebe sogar vor Ort besuchen und sich so ein eigenes Bild machen. Der Kunde muss sich allerdings auch intensiv mit den Kriterien der Plattform beschäftigen, will er sich Klarheit über die Produkte verschaffen. Eine Sicherheit für die Angaben bietet eine Selbstverpflichtung ohne regelmäßige substantiierte Kontrolle wie bei der Biozertifizierung nur eingeschränkt.

Günstigere Preise als im LEH sollten die Kunden außerdem nicht erwarten – der höhere Umsatz der Landwirte scheint sich nicht in einem niedrigeren Verkaufspreis zu manifestieren. Außerdem fehlen für den alltäglichen Bedarf noch Produkte wie Milch, Joghurt, Obst und Gemüse. Stattdessen überwiegen Feinkostartikel, Brotaufstriche sowie zahlreiche Fisch- und Fleischvariationen. Einen Supermarkt-Einkauf kann Pielers damit bisher (noch) nicht ersetzen. Jedoch bietet er Feinschmeckern die Möglichkeit, Hersteller aus der Region zu unterstützen und etwa Fleisch aus artgerechter Haltung zu beziehen.

Lena Renner
 


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