Start / Ausgaben / bioPress 106 - Januar 2021 / Ein Bio-Leuchtturm im Norden

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Ein Bio-Leuchtturm im Norden

Die Bohlsener Mühle als grüne Erfolgsgeschichte

Ein Bio-Leuchtturm im Norden © Lars Wendlandt
Das Bio-Getreide wird in einer Wassermühle gemahlen, deren Ursprung in das 13. Jahrhundert zurückreicht.

Die Entwicklung der Bohlsener Mühle bei Uelzen ist ein Vorzeige-Projekt für nachhaltige Unternehmenskultur. Früher nur im Fachhandel präsent, finden die Produkte des Bio-Unternehmens ihren Weg zunehmend in den Mainstream – als Herstellermarke auch als Sprachrohr der eigenen Intentionen. Bio-Pionier und Mühlen-Besitzer Volker Krause versteht in seinem Unternehmen Umweltschutz und regionale Landentwicklung als Realpolitik vor Ort.

Die geschichtsträchtige Bohlsener Mühle ist mitten im strukturschwachen östlichen Niedersachsen angesiedelt, wo Arbeitsplätze knapp sind und Landflucht ein Problem. Im Vergleich zu anderen Regionen spielt hier der Ökolandbau eine geringe Rolle, doch auch in diesem Bundesland geht es voran – 2020 wies Niedersachsen sogar den zweitgrößten Öko-Flächenzuwachs in der Bundesrepublik vor.

Ein Mann der allerersten Bio-Stunde in dieser Region ist der Inhaber und Geschäftsführende Gesellschafter der Bohlsener Mühle, Volker Krause. Vor über 40 Jahren übernahm er den väterlichen Betrieb, um ihn vor dem Konkurs zu bewahren.

Eigentlich hatte der gerade diplomierte Volkswirtschaftler und Politologe anderes im Sinn gehabt, seine Prüfung zum Müllermeister legte er erst neun Jahre später ab. Doch der Wille, das Erbe und die Strukturen vor Ort zu bewahren und gleichzeitig die Umwelt zu schützen, waren treibende Kräfte für den nach eigenen Worten damals „noch etwas naiven“ Öko-Pionier.

Politisch aktiv auf allen Ebenen

Krause ist politisch in diversen Verbänden für Nachhaltigkeit, regionale Wertschöpfung und ländliche Entwicklung aktiv. Er war 2001 bis 2009 Vorstand Herstellung und Handel des Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) und ist seit 2018 Vorstand Verarbeitung des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Volker Krause tritt auf allen Ebenen für die Stärkung regionaler Wirtschaftsstrukturen ein, genauso für wahre Preise – also dafür, dass bei der Preisgestaltung auch die externen Folgekosten von Lebensmitteln einfließen, etwa für Umweltschädigungen. Dies sei eine Voraussetzung, um Wettbewerbsnachteile für Bio-Lebensmittel zu neutralisieren.

Im letzten Jahr hat der Geschäftsführer und Eigentümer als Buchautor gewirkt: Während in dem Wendebuch ‚1000 Mühlen braucht das Land. 9+1 Grundregeln für zukunftsfähiges Wirtschaften‘ der Journalist Gerhard Waldherr die 40jährige Geschichte der Bohlsener Mühle rekonstruiert, denkt Volker Krause über das grüne Wirtschaften nach und stellt einen Forderungskatalog an Politik und Wirtschaft für ein zukunftsfähiges Wirtschaften vor.

Regionale Wertschöpfungsstrukturen

In der Praxis ist Volker Krause mit seinem 100-Prozent-Bio-Unternehmen seit Jahrzehnten ein Stabilitäts- und Wachstumsfaktor in der Region. Der Umsatz der Bohlsener Mühle liegt heute bei über 57 Millionen Euro im Jahr, sie beschäftigt rund 270 Mitarbeiter. Der überwiegende Teil der verarbeiteten Getreide- und Pseudogetreide stammt von etwa 250 Landwirten der Region, viele von ihnen in dem Erzeugerzusammenschluss Öko-Korn-Nord organisiert und ein Großteil dem Bioland-Verband angehörig.

Vielfalt wird groß geschrieben und aktiv unterstützt, etwa durch ein Projekt, in dem norddeutsches Quinoa produziert wird. Gemeinsam mit Partner-Landwirten holt das Unternehmen längst verdrängte Kulturen wie Buchweizen und Leinsaat in die Region zurück. Ganz auf Importe verzichtet auch die Bohlsener Mühle nicht, etwa bei Gewürzen, die nicht in unseren Breitengraden gedeihen. 2020 wurden gut 23.000 Tonnen Getreide verarbeitet, 87 Prozent kamen aus Deutschland. Davon sind 95 Prozent deutsche Verbandsware. Die insgesamt 29.000 Tonnen verarbeitete Rohwaren stammen zu 73 Prozent aus Deutschland. „Das schafft kaum ein Unternehmen“, meint Mathias Kollmann, Geschäftsführer der Bohlsener Mühle.

Ein vielfältiges Produktsortiment

Aus allen Hauptgetreidegattungen von Weizen und Roggen über Urgetreide wie Einkorn und Emmer bis zu Pseudogetreide wie Quinoa und Buchweizen produziert das Unternehmen ein vielfältiges Sortiment. Insgesamt stellt die Mühle 650 verschiedene Produkte her. 240 davon werden unter der eigenen Marke Bohlsener Mühle vertrieben, angefangen von klassischem Mehl, Brot und Brötchen über Snäckebrot bis hin zu Keksen und Müslis.

In Zukunft werden noch größere Mengen produziert werden. Ende letzten Jahres wurde nach zwei Jahren Bauzeit eine 4.000 Quadratmeter große Produktionshalle beendet, eine neue dritte Backstraße ist angelaufen. Damit werde im Keks-, Crunchy und Knäckesegment die Produktionskapazität um 50 Prozent gesteigert. Für dieses Jahr ist bereits die vierte Backstraße geplant.

Bäckerei als weiteres Standbein

Zu Dauergebäck und Cerealien kommen noch frische Backwaren. Neben der Mühle hat Krause 1982 eine eigene Bäckerei gebaut, die seither mehrfach vergrößert wurde. Mit den in der Frischebäckerei hergestellten frischen Broten, Brötchen und Konditoreiprodukten werden 153 Naturkostläden und Bäckereien in einem Umkreis von etwa 150 Kilometern beliefert. Erster Bäcker und langjähriger Bäckerei-Betriebsleiter war der inzwischen verstorbene Helmut Vollmer, einer der ersten Biobäcker in Deutschland.

Die Mühlenprodukte wie Mehle, Schrote und Grieße gehen nicht nur in die eigene Produktion, sondern auch an weiterverarbeitende Lebensmittelhersteller. Die Bohlsener Mühle produziert für den Einzelhandel, Großverbraucher und Private Labels.

Zielgruppe Selbstständiger Einzelhandel

Doch Volker Krause will lieber seine Herstellermarke in den Märkten stehen sehen als anonyme Eigenmarken. „Die Herstellermarken sind das Sprachrohr der Verarbeiter in den Regalen“ betont der Mühlenbesitzer. „Über sie kommunizieren wir, was Bio für uns bedeutet.“

Die Bohlsener Mühle hat sich inzwischen über den Naturkostfachhandel als traditionellen Vertriebskanal hinaus entwickelt. Die Hersteller müssten unter ihren eigenen Marken im LEH vertreten sein, um ihre Zielgruppen zu erreichen. Diese Präsenz will die Bohlsener Mühle über die selbstständigen Kaufleute erreichen. In deren zirka 10.000 Outlets können nach Krauses Meinung nachhaltige Herstellermarken sinnvoll im LEH vermarktet werden und dabei eine wichtige Botschaft an die Verbraucher tragen.

Partner für die Belieferung der selbständigen Kaufleute sind vor allem die regionalen Zentralläger, etwa Edeka Südwest. Belieferung auf Strecke könne und wolle die Bohlsener Mühle nicht leisten. Für den Naturkostfachhandel erfolge der Vertrieb über die Bio-Großhändler. Mathias Kollmann wünscht sich, dass diese Bio-Großhändler auf ihren Lieferstrecken auch die konventionellen Kunden mit beliefern. Die Offenheit gegenüber diesem Thema müsse noch wachsen, aber „die Ansätze sind da, teilweise tun sie es schon“.

Dezentralisierung der Warenlager als Aufgabe

Durch den stark gewachsenen Warenumsatz während Corona kam es zu großen logistischen Problemen. Im Moment laufe alles über Bohlsen, das solle sich ändern. „Wir müssen in die dezentrale Lieferstruktur investieren“ sagt Kollmann. Die Dezentralisierung der Warenlager in Kooperation mit externen Logistikunternehmen stehe ganz oben auf der Zukunfts-Agenda und es werde bereits für dieses Jahr daran gearbeitet.

Auf die Frage nach einem eventuellen zweiten Unternehmens-Standort schüttelt Volker Krause aber den Kopf. Stabilität und resiliente Strukturen entstehen seiner Meinung nach durch mehrere Standbeine und die Einhaltung einer vernünftigen optimalen Größe. Er stehe für eine Wirtschaft, in der Wachstum nicht zwangsläufig ist.

Klimapositiv bis 2025

Die Bohlsener Mühle geht in Sachen Wertschöpfung seit 2019 noch einen Schritt weiter: „Aus den Getreidespelzen erzeugen wir in einem Heizwerk, das wir gemeinsam mit einer Bürger-Energiegenossenschaft betreiben, CO2-neutrale Energie für bislang 76 Haushalte in Bohlsen“, erläutert Kollmann. Die Dinkelspelzenheizung könnte bis zu 650 Tonnen CO2 im Jahr einsparen und erreicht bislang 400 Tonnen. Diese Heizmethode sei bisher einzigartig und ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Unternehmensziel, bis 2025 klimapositiv zu sein.

Demselben Ziel dient auch der gemeinsam mit der Bioland Stiftung geförderte Humusaufbau. Hier arbeitet die Bohlsener Mühle mit verschiedenen ihrer Landwirte im Pilotprojekt Boden.KLIMA zusammen.

Partnerschaft schafft Zukunft

Auf solche langfristigen Partnerschaften mit den Landwirten vor Ort legt die Bohlsener Mühle großen Wert. Schon jetzt kommt es aufgrund der starken Nachfrage zur Konkurrenz um die Rohstoffe. Kleinere Hersteller haben im direkten Wettbewerb mit großen Handelsketten und ihren Lieferanten das Nachsehen.

Dagegen steuere die Bohlsener Mühle mit regionalen Kooperationen und mit ihrer aktiven Einbindung auch in die sozialen Strukturen vor Ort. Volker Krause ist sich sicher: „Wir müssen heute in die Beziehung zum Erzeuger investieren“. So sehe eine lohnende Investition in die Zukunft aus.

Elke Reinecke

 

Lüneburger Markenladen
Der 2020 eröffnete Markenladen im nahe gelegenen Lüneburg verstärkt noch einmal mehr den direkten Kontakt zum Endkunden. Die Ausstattung ist überwiegen gemäß der sogenannten Cradle to Cradle Prinzipien realisiert, also im Hinblick auf eine konsequente Kreislaufwirtschaft. 
Auf 100 Quadratmetern werden nicht nur die verpackten Bio-Produkte der Bohlsener Mühle verkauft, sondern es gibt auch eine Unverpackt-Station und frische Backwaren. Fast 50 Unverpackt-Produkte sind erhältlich.
Im Eventbereich mit traditionellem Bäckertisch finden Backworkshops statt und es sei Platz für Gespräche mit Landwirten oder Käufern. Hier würden sowohl Getreidevielfalt als auch die Verarbeitung in Mühle und Bäckerei gezeigt.

 

Deutscher Nachhaltigkeitspreis
Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis würdigt wegweisende Unternehmen, die in vorbildlicher Art und Weise die Transformation einer nachhaltigen Zukunft vorantreiben und wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und schonendem Umgang mit der Umwelt verbinden. 
Vor fünf Jahren gewann die Bohlsener Mühle den Titel als ‚Deutschlands nachhaltigste KMU 2015‘. 2020 war sie im Bereich Transformationsfeld Gesellschaft & Fairness ein weiteres Mal im Finale dieses Preises. 

 

Die Bohlsener Mühle bis heute
1265 wurde eine Mühle in Bohlsen erstmalig urkundlich erwähnt.
1952: Betriebsgründung der Firma Bohlsener Mühle durch Helmut Krause, den Vater des heutigen Inhabers. Anfang der 70er Jahre bis 1978 Lohnverarbeitung von Demeter-Getreide.
1979: Volker Krause übernimmt den väterlichen Betrieb und stellt auf 100 Prozent Bio um.
1982: Helmut Vollmer kommt zur Bohlsener Mühle und startet die Bäckerei.
1989: Der Neubau der Frischebäckerei wird fertiggestellt.
1988: Die erste Flockenanlage startet die Produktion.
1994/1995: Bau des ersten Lagers und Erweiterung des Verwaltungsgebäudes Mühlenstraße 1.
2004: Einweihung der dritten Betriebsstätte mit einer Backstraße für Flach- und Formgebäck und einer modernen Abpackanlage.
2003/04: Erweiterung der zweiten Betriebsstätte um neue technische Optionen. Anbau von 3.000 Quadratmetern Lagerfläche mit 2.000 Hochregalpalettenplätzen, 400 Blocklager- und 330 Durchlauflagerplätzen.
2008: Inbetriebnahme der zweiten Backstraße, auf der nun auch Crunchys gebacken werden können. 
2009: Kulturkontaktpreis für die Zusammenarbeit mit dem Museumsdorf Hösseringen.
2011: Erweiterung der Produktions- und Lagerkapazitäten um weitere 4.800 Quadratmeter auf 11.000 Quadratmeter Nutzfläche und Umfirmierung zu einer GmbH + Co. KG.
2012: Silo-Erweiterung um 800 Tonnen für Getreidelagerung und Bau der Pelletieranlage für Dinkelspelzen.
Alena e.V., die Akademie für ländliche Entwicklung und Nachhaltigkeit wird gegründet. 
2015: Start Quinoa-Projekt der Bohlsener Mühle, Deutscher Nachhaltigkeitspreis und Großer Preis des Mittelstands für die Bohlsener Mühle.
2016: Gründung der Bürgerenergie Bohlsen e.G. für die Umsetzung eines Nahwärmenetzes in Bohlsen mit Dinkelspelzen als Energiequelle.
2018: Mitarbeiter der Bohlsener Mühle erhalten eigenen Acker auf dem Firmengelände.
2019: Öko seit 1979 – die Bohlsener Mühle feiert ihr 40. Betriebsjubiläum.
2020: Bau einer zweiten, 4.000 Quadratmeter großen Produktionshalle beendet und eine neue dritte Backstraße angelaufen. Der Markenladen in Lüneburg wird eröffnet.

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