Start / Ausgaben / bioPress 103 - April 2020 / Der Grüne Deal der Kommission

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Der Grüne Deal der Kommission

Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat mit dem Grünen Deal eine Vereinbarung veröffentlicht, die einen tiefgreifenden Wandel der europäischen Wirtschaft einleiten soll.

Der Grüne Deal titelt im zweiten Kapitel ,Umgestaltung der EU-Wirtschaft für eine nachhaltige Zukunft‘. Die Gesellschaft ist also nicht direkt angesprochen, die Wirtschaft soll aktiv werden. Das ist bemerkenswert. Ebenfalls bemerkenswert sind die Ziele, die darunter benannt werden: das ,Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung‘ abzukoppeln und in Europa im Jahr 2025 ,keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr‘ freizusetzen. Weiterhin soll ,das Naturkapital der EU geschützt, bewahrt und verbessert werden und die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen vor umweltbedingten Risiken und Auswirkungen geschützt werden‘.

Das Abkommen stellt in vielen Dimensionen eine Chance und Herausforderung dar - auch für die ökologische Lebensmittelwirtschaft. Man muss sich verdeutlichen, wie stark die Veränderungen in Bezug auf Energienutzung, Transport, Verpackung und Stoffkreisläufe sein werden. Auch eine angepeilte, konsequente Umweltkennzeichnung für Lebensmittel wird die Bio-Lebensmittelwirtschaft herausfordern.

Schon im Laufe des Jahres wird damit begonnen, zu den Prioritäten, die die obige Grafik zeigt, konkrete Strategiepläne zu entwickeln. Mit der Wirtschaft und hoffentlich auch Gesellschaft sollen verbindliche Vereinbarungen zu den Vorgehensweisen getroffen werden. Für die Unternehmen ist das insofern eine Herausforderung, als dass es gilt, diesen Prozess mitzugestalten und in der Folge effektive Maßnahmen und Strategien für die Zielerreichung zu etablieren.

Viele der Themen, die im Grünen Deal angesprochen werden, sind ganz im Sinne der Bio-Branche. Das ist gut und hat zur Folge, dass die Unternehmen der Branche an verschiedenen Stellen eine Vorreiterrolle haben. Diese nun politisch zu verdeutlichen ist das Gebot der Stunde.

Aber es gibt weitere Herausforderungen. Die Unternehmen, die auf ökologische Lebensmittelproduktion ausgerichtet sind, müssen eine Debatte darüber führen, wie Umweltfreundlichkeit über die gesamte Warenkette zu einem schlüssigen Konzept werden kann. Große Aufgaben gibt es für die Öko-Akteure auch im Bereich Verpackung, Logistik, Abfallmanagement und Energieverbrauch. Letztlich ist vor allem auch zu diskutieren, welche Begriffe und welche Themen zukunftsfähig sind. So stellt der Grüne Deal den Begriff Bio allein dadurch infrage, dass er diesen in eine Reihe mit anderen nachhaltigen Landwirtschaftsformen wie Präzisionslandwirtschaft, Agrarökologie und Agrarforstwirtschaft stellt.

Schwierig an der Vereinbarung der Kommission ist vor allem, dass sie sich als ein Programm für die Wirtschaft versteht. Aber aller Einsatz ist nichtig, wenn die Gesellschaft nicht mitzieht, wie das Beispiel der Lebensmittel zeigt. Die zentrale Transformationsaufgabe ,gesunde ökologische Ernährungsstile‘ wird im Papier überhaupt nicht angesprochen. Auch ein offenes Wort in Hinblick auf nachhaltige Lebensstile und die damit notwendigen Veränderungen in unserem Ressourcen- und Materialverbrauch, der Mobilität oder dem Urlaubsverhalten fehlt. Wieder wird mit den Menschen nicht Klartext gesprochen – das ist eine Schwäche des Deals. Denn ich persönlich fände es schön, wenn Politik beginnen würde, die Bürger als politische Subjekte ernst zu nehmen. 

Dr. Alexander Beck

 

Save the Date:

Herbsttagung der AöL mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft am 18. November 2020, Morgensternhaus, Fulda

Thema:

Green Deal – was bringt die EU-Initiative für unsere
Zukunftsfähigkeit?                                            
 

 

Einige Auszüge aus dem Papier der EU-Kommission, 
um die Bedeutung des Deals herauszustellen:  
  • Die EU-Kommission wird Anforderungen ausarbeiten, um sicherzustellen, dass alle in der EU in Verkehr gebrachten Verpackungen bis 2030 (…) wiederverwertbar und recycelbar sind, (...) und Maßnahmen gegen Einwegkunststoffe durchführen.
  • Vorranging sollte ein wesentlicher Teil des Anteils von 75 Prozent des Güterbinnenverkehrs, der derzeit auf der Straße abgewickelt wird, auf die Schiene und auf Binnenwasserstraßen verlagert werden.
  • Der Preis für die Verkehrsdienstleistungen muss die Auswirkungen des Verkehrs auf die Umwelt und die Gesundheit wiederspiegeln.
  • Diese Pläne sollten zur Nutzung von nachhaltigen Verfahren wie ökologischem Landbau, Präzisionslandwirtschaft, Agrarökologie, Agroforstwirtschaft und strengen Tierschutzstandards führen.
  • Die Kommission wird neue Wege ausloten, um die Verbraucherinnen und Verbraucher besser über die Einzelheiten wie Ursprungsort des Lebensmittels, seinen Nährwert und seinen ökologischen Fußabdruck zu informieren (…).
  • Für eine schadstofffreie Umwelt sind zusätzliche Maßnahmen zur Vermeidung neuer Umweltverschmutzungen sowie zur Bereinigung und Beseitigung bestehender Verschmutzungen erforderlich (…).

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