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Editorial

Editorial Ausgabe 101/Oktober 2019, 4. Quartal

Liebe Leserinnen, liebe Leser.

Im Zweijahresrhythmus versammelt sich in Köln die weltweite Lebensmittelbranche und zelebriert ihre neuesten Errungenschaften. Viele Trends kommen und gehen, nur Bio bleibt beständig. Das heißt jedoch nicht, immer gleich. In diesem Jahr explodiert die Präsenz von Bio-Angeboten. Aus dem Ausland drängen Marken- und Rohstoffanbieter auf den Weltmarktplatz ebenso wie aus dem Inland. Noch einen Unterschied konnten wir im Vorfeld der Messe spüren. Selten war das Biomarketing zur Anuga so präsent.  Das zeigt, das Thema Bio erobert nicht nur den Mainstream, auch immer mehr Hersteller springen auf den Zug auf und stellen Bio in den Fokus ihrer Entwicklungen.

Die klassische Bioszene nennt das Trittbrettfahren. Diese Einstellung mag stimmen, bringt Bio jedoch nicht vorwärts. Aus Amerika dringen Geschichten über Bio-Industrialisierung über den Teich, die die Glaubwürdigkeit von Bio beschädigen und neue Kämpfer für echtes Bio notwendig machen. Bioqualität wird konterkariert und im Großformat des Kapitalismus mit allen negativen Nebenerscheinungen wird die Back to the Roots- und weg von Agro-Chemie-Bewegung okkupiert.

Anbau in Containern ohne Boden, nur mit Nährlösungen (wer liefert die?) oder 20.000 Rinder in riesigen Ställen wird unter der Fahne Organic aufgewertet. Das trifft kleine und mittelständische US Bio-Bauern nicht weniger hart, als das Landgrabbing mit der Verdrängung von Hunderttausenden von Kleinbauern. Mit Lebensmitteln lässt sich schon sehr lange viel Geld verdienen.

Die Entwicklung hin zum ökologischen Landbau sollte gerade diese Strukturen verändern. Zum Erhalt der Natur und noch viel mehr der Überwindung von gesellschaftlichen Machtstrukturen sollte der Mensch und die Natur wieder im Mittelpunkt des Handelns stehen.

Im Gegensatz zu Amerika scheinen hier in Deutschland und Europa die Glocken etwas anders zu läuten. Auch in der IFOAM sind die Regeln für den ökologischen Landbau noch nicht unterwandert. Möglicherweise liegt das an der Vielfalt von Einflüssen unterschiedlicher Staaten in Europa und deren verschiedenen Kulturen. Vor allem die privatrechtlichen Entwicklungen hoher Standards vor der staatlichen Gesetzgebung haben dazu beigetragen.

Es waren Zusammenschlüsse von Bauern in Erzeugergemeinschaften und Verbänden mit ihren Kriterien und der gegenseitigen sozialen Kontrolle.
Es ist das Eine, in kleinen Kreisen übersichtliche Einigungen zu erzielen. In der Produktion wie auch im Handel. Wir stehen jedoch vor der Aufgabe Bio für ALLE zu moderieren. Ausgrenzungen mithilfe von Lieferbeschränkungen auf die, die Bio schon immer konnten, ist nicht zukunftsfähig, wenn es darum geht, Bio in die Breite zu entwickeln.

100 Prozent Bio ist möglich. Das zeigen erste Beispiele in der Welt. Dazu müssen viele Kräfte zusammen arbeiten. Bernward Geier wird mit Renate Künast auf dem Anuga-Forum diese Perspektiven diskutieren (s. ab S.72).
Der Handel spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Gesellschaften sind weit weg von der Substitutionswirtschaft. Daneben existieren weltweit Milliarden von Kleinbauern, die noch nicht darüber hinaus gekommen sind und hauptsächlich von der Selbstversorgung leben ohne jemals Chemie kennen gelernt zu haben. In ihnen liegt eine große Hoffnung. Es muss gelingen, deren Potenziale zu schöpfen, durch Förderung, nicht durch Ausbeutung.
Lebensmittel vom Feld auf die Teller zu bringen, ist die Aufgabe des Handels.

Also sollte die Biobranche diese ernsthafte Aufgabe unterstützen und moderieren, nicht verdrängen. Die weltgrößte Lebensmittelmesse bietet da­für eine starke Plattform. Wenn auf der Anuga vor 20 Jahren nur wenige Prozent Bioangebote sichtbar waren, haben heute rund ein Drittel der Aussteller Bio im Programm. Diese Entwicklung ist natürlich. Nur wer mit ihr arbeitet, kann sie auch lenken.

Der Einfluss von Bio im Mainstream ist für Kaufleute und noch viel mehr für Lebensmittelhersteller und -Anbieter zur Zukunftsaufgabe geworden. Lange Jahre hat sich für die Pioniere unter den Bionanbietern die Frage gestellt, ob der Weg dorthin nur mit einer Zweitmarke möglich ist. Aus Rücksicht auf die Pionierarbeit des Fachhandels.

Der Blick auf 50 Prozent mehr Anmeldungen zur Anuga-Sonderschau Organic Market 2019 bestätigt beides: Zweitmarken und Vertrieb der starken Hersteller-Biomarken, beipielsweise Bauck oder Andechser, auch in den herkömmlichen Handel. Noch etwas viel Interessanteres zeigen die aktuellen rund 140 Anmeldungen: Wer beispielsweise seine Marmelade nur dem Fachhandel vorbehält, muss in Zukunft zuschauen, wie Biomarken aus dem Ausland, EU und darüber hinaus, in den Markt drängen und die Lücken füllen.

bioPress lädt seine Leser ein in das Anuga-Forum, das viele aktuelle Fragen aufgreift, und  auf die Sonderschau Anuga Organic Market in Halle 5.1. Der Messe-Dienstag bietet mit dem Bio-Abendempfang Gelegenheit zum Treffen alter Freunde und Bekannter und zum Kennenlernern neuer Kontakte.

Erich Margrander
HerausgeberHerausgeber


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