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Verbände

Bioland auf neuen Wegen

Flächendeckende Präsenz mit Transparenz und Fair Trade-Regeln

Für Jan Plagge, Präsident des größten deutschen Öko-Landbauverbandes Bioland, ist Bio für alle nicht nur vom Zuwachs bei Bio-Bauern und Anbaufläche abhängig. Auch der Verbraucher müsse auf Bio umgestellt werden. Dazu gehöre die Verbreitung von Bioprodukten in allen Regalen und Transparenz - wer steht hinter was? - als Nachhaltigkeitsgrundsatz.

Bioland ist mit über 7.300 landwirtschaftlichen Erzeugern der größte Verband für ökologischen Landbau in Deutschland und Südtirol. Anfang der 70er gegründet, steht der Verband für eine ökologisch, ökonomisch und sozial verträgliche Alternative zur konventionellen Landwirtschaft und die Fortentwicklung des organischen Landbaus.

Präsident von Bioland ist seit 2011 der Agrar-Ingenieur Jan Plagge - gleichzeitig Präsident der IFOAM EU Gruppe (International Federation of Organic Agriculture Movements). Er selbst ist Gärtner und besitzt zusammen mit seinem Bruder einen landwirtschaftlichen Betrieb. Seine Amtszeit ist von Umwälzungen und mutigen Entscheidungen geprägt, zuletzt die Ende vergangenen Jahres heftig diskutierte Partnerschaft mit dem Discounter Lidl.

Kooperation mit Lidl

Seit November 2018 sind bundesweit erste mit dem Bioland-Siegel gekennzeichnete Artikel der Eigenmarke BioOrganic in den Filialen von Lidl erhältlich. Das Angebot werde jetzt kontinuierlich weiter ausgebaut. Zwei Jahre sollen sich die Verhandlungen mit Lidl hingezogen haben, in deren Eigenmarke sehr viele Bioland-Rohstoffe schlummerten, ohne sichtbar zu werden.

Doch dem Kunden sei dies nicht vermittelt worden. Durch die Verwendung des Verbandssiegels werde hier durchgehender Transparenz als Nachhaltigkeitsgrundsatz entsprochen: Wo Bioland drin steckt, steht auch Bioland drauf.

Stärkung durch Sichtbarkeit und Transparenz

Die Gefahr eines Vertrauensverlustes sieht Plagge nicht, im Gegenteil: Das Siegel Bioland werde durch die Präsenz vor einem breiteren Publikum gewinnen. Ein großes Problem sei, dass immer noch zu wenig Kunden heute genau wissen, was Bioland eigentlich ist und wofür der Verband stehe. Das Marketing werde in Zukunft vermehrt die hinter dem Verband stehenden Erzeugergeschichten nutzen. Allein phantasieloses Bio-Labeling werde in der Zukunft nicht mehr ausreichen.

Für Plagge ist bisher nicht zu Ende gedacht, wie die als Ziel propagierten 20 Prozent Bioanteil real erreicht werden können: „Mit Bioland sind wir seit fast 50 Jahren Experte bei der Umstellung von landwirtschaftlichen Betrieben. Aber wo findet die Umstellung der Kunden statt?“. Ein Weg dahin sei über die Fläche, sprich Lidl mit seinen rund 3.200 Filialen in Deutschland.

Schutz vor Preisdruck

Die Furcht der Bioland-Mitglieder vor Preisdruck kann Plagge verstehen. Doch er sieht in der neuen Partnerschaft vor allem Lidl in der Abhängigkeit. Sie seien mit der Nutzung des Labels auf die Bioland-Waren angewiesen. Diese seien jetzt nicht mehr einfach austauschbar. Und ein Scheitern der Kooperation würde einen enormen Imageschaden für Lidl nach sich ziehen. Nach Plagge ist die Veränderung bei Lidl größer als bei Bioland.

Außerdem habe Bioland sich auf ein neues Gebiet vorgewagt, indem der Verband Regeln für einen fairen Handel entworfen und einen Rahmen für die Durchsetzung geschaffen habe. Unterstützung bei der Erarbeitung sei von der globalen Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam gekommen. Deren Experten seien erfahren in den rechtlichen Fragen des Fairen Handels. Heraus gekommen sei ein Fairplay-Regelwerk, dessen Einhaltung durch eine von Bioland aufgebaute Ombudsstelle garantiert werden soll. Die Fair-Play Regeln und eine Verfahrensordnung für die Ombudsstelle wurden auf der Bioland-Delegiertenversammlung Ende November 2018 einstimmig beschlossen.

Bioland setzt effektive Ombudsstelle auf

Bisherige Bemühungen zur Bekämpfung unlauterer Handelspraktiken wie die vom europäischen Einzelhandel gegründete Supply Chain Initiative leiden unter anderem unter fehlenden Durchsetzungs­möglichkeiten. In Deutschland gäbe es zwar eine Dialogplattform mit einer Schlichtungsstelle, doch in den drei Jahren ihrer Existenz sei noch kein Fall verhandelt worden. Die Beschwerdeträger müssten namentlich antreten – was aus Furcht vor Repressalien nicht geschieht. Bei der neu geschaffenen Bioland-Ombudsstelle sei dagegen eine anonyme Beschwerde und ein Verfahren möglich, bei dem die Namen unbekannt blieben.

Die Bioland-Delegierten wählen zwei Juristen mit Befähigung zum Richteramt zu Ombudsmännern, die eine Klage entgegen nehmen. Ernannt wurden der Kortellrechtsexperte Christoph Peter und der Trierer Rechtsprofessor Frank Immenga.

Liege ein Verstoß gegen die Fair Play-Regeln vor, drohten hohe umsatzabhängige Vertragsstrafen und eventuell Lizenzentzug. Plagge ist stolz darauf, dass „Europas größter Händler und der dagegen kleine Verband Bioland machen, was die Fair Trade-Organisationen schon lange gefordert haben“ - ein großer Schritt in Richtung fairen Handel.

Stärkung des Fach- und Einzelhandels

Die selbstständigen Kaufleute aus LEH und Naturkosthandel werde Bioland nicht aus den Augen verlieren. „Wir wollen Fach- und Einzelhandel stärken“, stellt Plagge klar. Was Großkonzerne nicht schaffen, sei die direkte Beziehung zu den Produzenten vor Ort. Hier sei der Kaufmann gefragt, der das besondere Produkt aus der regionalen Heimat als Allein- stellungsmerkmal anbieten könne.

Gegenwärtig gäbe es bei Bioland insgesamt 180 Regional- und Fachgruppen, die sich zu gegenseitiger Unterstützung und Erfahrungsaustausch treffen. Sie arbeiten aber auch bei Vermarktung und der Vermittlung von Kontakten zu Verarbeitern und Erzeugergemeinschaften zusammen. Bioland könne die selbstständigen Kaufleute effektiv unterstützen, indem der Verband sie in seine regionalen Netzwerkplattformen einbeziehe: „Wir wollen gerne helfen, die regionalen Lieferketten zu systematisieren.“

Neue Mitgliederstruktur 2019

Die Zusammenarbeit werde demnächst auch durch eine veränderte Mitgliederstruktur gefördert. Als Plagge im März 2016 mit 94 Prozent aller Delegiertenstimmen in seine zweite Amtszeit als Präsident gewählt wurde, kündigte er an: „Ich möchte, dass die Händler und Hersteller, dass alle Mitglieder der Wertschöpfungskette in den demokratischen Prozess bei Bioland einbezogen werden.“

Für 2019 ist auf der Agenda des Verbands, über die Form der Einbindung der Tausend Lizenznehmer zu entscheiden. Plagge – und Bioland – stehen für Breite und Transparenz auf allen Ebenen.

Elke Reinecke

 

Bioland in Zahlen und Fakten
Bioland ist der größte Verband für ökologischen Landbau in Deutschland. Seine Vorläuferorganisation wurde Anfang der 70er gegründet und im Laufe der nächsten Jahre Bioland als Vereinsname und Warenzeichen etabliert. Gründungsimpuls war es, die Unabhängigkeit der Bauern gegenüber dem immer marktmächtigeren Handel zu sichern.
Heute sind über 7.300 landwirtschaftliche Erzeuger im Verband organisiert. Dazu kommen mehr als 1.000 Partner aus Herstellung und Handel wie Bäckereien, Molkereien, Metzgereien und Gastronomie, die aber keine stimmberechtigten Vollmitglieder sind.
Alle angeschlossenen Erzeuger wirtschaften nach den sieben Bioland-Prinzipien
- Im Kreislauf wirtschaften
- Bodenfruchtbarkeit fördern
- Tiere artgerecht halten
- Wertvolle Lebensmittel erzeugen
- Biologische Vielfalt fördern
- Natürliche Lebensgrundlagen bewahren
- Menschen eine lebenwerte Zukunft sichern
Nach dem zweistelligen Verbandswachstum im Vorjahr ist Bioland auch 2017 um elf Prozent gewachsen. Der Verband hat 444 neue Betriebe mit 44.491 Hektar hinzu gewonnen. Damit wurden Ende 2017 über 380.000 Hektar Anbaufläche nach den Prinzipien von Bioland bewirtschaftet. In den letzten fünf Jahren bis 2018 sind insgesamt über 111.000 Hektar dazu gekommen (Stand: 1.1.2018).


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