Start / Ausgaben / bioPress 97 - Oktober 2018 / Trendwende in Sicht

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Trendwende in Sicht

Trendwende in Sicht © Foto/Esther Michel
Der Getreidezüchter Herbert Völkle steht ein für Biodiversität und Sorten aus Biozüchtung.

Nicht nur auf unseren Äckern herrscht inzwischen eine Monotonie von Weizen, Reis und Mais, auch innerhalb dieser Pflanzenarten werden nur wenige Sorten gezüchtet. Das Saatgut wird einseitig und von wenigen Unternehmen dominiert. Die Aöl will mit ihrer Biodiversitätskampagne „Vielfalt verbindet“ auf diese schädliche Entwicklung aufmerksam machen. In diesem Rahmen führte sie auch im Juni dieses Jahres ein Gespräch mit dem Schweizer Getreidezüchter Herbert Völkle zum Thema Saatgutzüchtung.

AöL: Was ist das Problem bei der modernen (konventionellen) Saatgutzüchtung?
Völkle: Saatgut hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte endgültig zu einer Handelsware entwickelt, die vorgelagerte Pflanzenzüchtung ist aus einer öffentlichen Aufgabe zu einem Business geworden und wie nahezu jeder andere Wirtschaftszweig dem Zwang zur Rendite unterworfen. Aus den somit veränderten Motiven entstehen die bekannten Nachteile im Sozialen, für die Biodiversität, für die Praxis des Biolandbaus, sowie ethische Probleme.
Im Sozialen entsteht zunehmende Abhängigkeit von wenigen Konzernen, eine zunehmende Intransparenz sowie die Privatisierung von geistigem Eigentum und Kulturerbe. Die Arbeitsteilung zwischen Landwirtschaft und Züchtung/Saatgut, ein Faktum seit vielen Jahrzehnten, ist bisher nie wirklich gestaltet worden und wird zur Bedrohung. Die Biodiversität schwindet auf allen Ebenen: es kommt zu einer reduzierten Anzahl von Sorten pro Art, es gibt keine Weiterentwicklung bei Nischen-Arten und es entsteht indirekt Monotonie auf dem Acker, die die Vielfalt bei Wildpflanzen und -Tieren reduziert.
Eine neue Herausforderung entsteht durch die neue Gentechnik (genome editing), die, möglicherweise ohne Deklaration, in den Züchtungsunternehmen Einzug hält. Da sich der Ökolandbau (IFOAM) aus dem Vorsorgeprinzip und ethischen Erwägungen gegen Eingriffe unterhalb der Zellebene entschieden hat, ergeben sich zwei logische Konsequenzen: Einsatz konventionell gezüchteter Sorten nur bei vollständiger Transparenz der Methoden und Ausweitung der Biozüchtung um ein Vielfaches.
AöL: Warum ist es sinnvoll, ein vielfältiges Saatgut zu haben? Wozu brauchen wir viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten?
Völkle: Vielfalt an Arten, Sorten und Rassen ist neben der Humuserhaltung der wichtigste Faktor für eine resiliente Landwirtschaft und gesunde Ernährung. Und diese Vielfalt kann sinnvoll nur im Lebendigen erhalten werden, tiefgekühlte Vielfalt in der Genbank kann nur eine Ergänzung sein.
AöL: Welchen Vorteil hat die Bio-Züchtung für die Biodiversität und unsere Ernährung?
Völkle: Die Zuchtgärten der Biozüchtungsinitiativen sind aus der Sache heraus Orte von großartiger Vielfalt. Züchten im klassischen Sinn heißt immer in einem ersten Schritt größtmögliche Diversität zu erzeugen um daraufhin gezielt Pflanzen mit spezifischen Eigenschaften heraus zu selektieren. Die Einzelpflanze, die dem Ideal des Züchters bestmöglich entspricht, bildet die Grundlage der neuen Sorte. Die verbleibende Vielfalt im Zuchtgarten wird weiter erhalten, für spätere Sorten.
,Bio von Anfang an‘ heißt, dass nicht nur die letzte Stufe der Saatgutproduktion unter Biobedingungen erfolgt, sondern die gesamte Biografie einer Pflanze über viele Generationen. BiozüchterInnen le- gen Wert auf hohe Nahrungsqualität, wo diese analytisch oder sinnlich zu erfassen ist. Die ganzheitliche Betrachtung der Pflanze in Bezug auf arttypisches Wachstums- und Reifeverhalten und ausgewogene Inhaltsstoffe bis hin zu sekundären Pflanzeninhaltsstoffen kann einen weiteren Beitrag zur Nahrungsqualität leisten.
AöL: Inwieweit unterstützt die Bio-Lebensmittelwirtschaft die Bio-Züchtung? Was könnte noch getan werden?
Völkle: Der erste wichtige Schritt ist die Erkenntnis, dass der Biolandbau die Biozüchtung braucht. Die in Handel und Industrie gewohnten und stets steigenden Standards in Bezug auf Uniformität und technische Qualität sind die größte Herausforderung für die Biozüchtung. Oft sind diese Standards von Hybridsorten gesetzt und nur mit diesen zu erreichen. Doch es scheint eine Trendwende einzusetzen. Verarbeiter sowie Groß- und Einzelhändler fragen in noch geringem Umfang und bei einigen Arten gezielt nach Sorten aus Biozüchtung. Auch das Biozüchtungs-Label ,Bioverita‘ wird zunehmend gefragt und es entstehen Kooperationen. Wo Biozüchtung nicht thematisiert wird, werden vor allem bei Gemüse nahezu 100 Prozent konventionelle Sorten eingesetzt. Beim Brotgetreide gewinnen biodynamisch gezüchtete Sorten Marktanteile dadurch, dass sie zuverlässig backfähige Qualitäten garantieren. Doch trotz steigendem Saatgutverkauf kann die Biozüchtung auch zukünftig nicht von den Rückflüssen leben, sie bliebe chronisch unterfinanziert oder müsste sich auf die cash crops beschränken. Derzeit stammen höchstens zehn Prozent der Haushaltsmittel in den Züchtungsinitiativen aus dem Saatgutverkauf.
Einzelspenden von Firmen in den Saatgutfonds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft sowie direkt an die Initiativen sind wichtig. Besonders erwähnenswerte Projekte sind beispielsweise das FAIR-BREEDING® -Projekt vom Naturata-Verein, die Initiative Biosaatgut Sonnenblumen mit Beteiligung einiger AöL-Mitgliedsunterneh­men oder die Unterstützung der biodynamischen Möhrenzüchtung durch die Firma Völkel.

 

Zur Person:
Herbert Völkle arbeitet bei der Getreidezüchtung Peter Kunz, dem gemeinnützigen Verein für Kulturpflanzenentwicklung in der Schweiz. Der gelernte Landwirt hat die Geschäftsführung seit April 2015 übernommen und wirkte vorher lange Jahre in Unternehmen der Biobranche, Schwerpunkt Rohstoffe, mit.
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