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Biofach 2018: höher, weiter,nächste Generation…

Biofach 2018: höher, weiter,nächste Generation… © NürnbergMesse_Erich Malter

Nürnberg, 14.02.2018 | Die Zukunft gehört der nächsten Generation Bio. Unter diesem Motto der „next generation“ stand die 29. Ausgabe der Weltleitmesse Biofach für Bio-Lebensmittel und Naturwaren in Nürnberg vom 14. bis 17. Februar 2018. Die Branche konnte auf der Eröffnungsveranstaltung mit Erfolgszahlen glänzen. Das spiegelte sich für Besucher und Aussteller ganz offensichtlich in dem Angebot im Messezentrum Nürnberg wider: Zum ersten Mal wurde die Marke von 3.000 Ausstellern geknackt.

Exakt 3.218 Anbieter aus 93 Ländern waren auf der Biofach 2018 vertreten und wurden dem Anspruch der Messe an Buntheit und Vielfalt mehr als gerecht. Und: Die Branche setzte auf dem umsatzstärksten Markt in Europa, in Deutschland, zum ersten Mal in ihrer Geschichte mehr als zehn Milliarden Euro um und ist weiter auf Wachstumskurs. Global betrachtet belief sich der Handel mit ökologischen Erzeugnissen auf mehr als 80 Milliarden Euro im Jahr 2016, so die neuesten Zahlen im Jahresbericht, wie sie auf den eröffnenden Pressekonferenzen vom schweizerischen Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL zusammen mit IFOAM, der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (International Federation of Organic Agriculture Movements) präsentiert wurden. Die Zahlen für das gerade abgelaufene Jahr werden gerade erhoben und nach aller Voraussicht dieses Ergebnis toppen.

In Deutschland ist die Zielmarke bis 2030 gesetzt, sie soll dann 20 Prozent Anteil der gesamten Anbaufläche halten. In dieser Kategorie spielen derzeit wenige europäische Länder, wie Spanien und Italien aber auch kleinere Nationen wie Liechtenstein und Österreich. Insgesamt liegt der Anteil ökologisch bewirtschafteter Anbauflächen in Europa bei 23 Prozent und wird nur von nahezu 50 Prozent der Gesamtagrarflächen in der unter dem geografischen Begriff Ozeanien subsummierten Weltgegend übertroffen.

Dieser hohe prozentuale Anteil ist vor allem auf die riesigen Grasweideflächen auf dem australischen Kontinent zurückzuführen sowie kurioserweise auf kleine aber prozentual gewichtige Agargüterproduzenten wie Samoa und französisch Polynesien.

Die Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft

Der von solch Erfolgszahlen begeistere Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly eröffnete den Reigen der Ansprachen mit packender Rhetorik und überzeugte für seinen Messestandort und die Entwicklungen der Biometropole Nürnberg. Dagegen beließ es der bayerische Innenminister Herrmann bei der formalen Begrüßung und konnte damit den voll besetzten Saal nicht für sich gewinnen. Er wurde vom Staatssekretär im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Dr. Hermann Onko Aeikens in Vertretung von ExBundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt im Lauf seiner Rede spielend mit der Aussage übertroffen, die „konventionelle Landwirtschaft werde in Zukunft ohnehin ökologischer werden.“ Angesichts der von seinem Vorgesetzten verantworteten Glyphosa­tzulassung für weitere fünf Jahre eigentlich ein Affront für die anwesende Zielgruppe, der angesichts der Abwesenheit des Bundesministers vom Publikum mit Gleichgültigkeit quittiert wurde.

Hierarchie war gestern

Solche Widersprüche zu überwinden und die Erfolge der Pioniergeneration in die Zukunft zu tragen, hat sich die ,nächste Generation Bio‘ auf die Fahnen geschrieben. Wie sehr sie getrieben ist von den schwer revidierbaren Fehlern des ungetrübten Wachstumsgedankens, demonstrierte eine Gruppe ihrer Vertreter mit einem organisierten Einzug durch den Saal des Nürnberger Convention Centers (NCC) auf die Bühne.

Dort wurde die mit Bannern, Postern und Luftballons gewappnete Truppe von der frisch gewählten Präsidentin von IFOAM – Organics International World Board, Peggy Miars in Empfang genommen und in einen Dialog mit Dr. Felix Prinz zu Löwenstein über ihre Ziele und Absichten gebracht. Die internationalen Teilnehmer zeigten sich besorgt über die ungehemmte Ausbeutung natürlicher Ressourcen, über die Hinterlassenschaften ihrer Vorgängergeneration, die sie und weitere Generation abzutragen haben.

Die Analyse hierzu lieferte in einem grandiosen und rhetorisch überzeugenden Vortrag Dr. Steffi Burkhart, Keynote-Sprecherin auf globaler Mission ihrer Generation. Sie berief sich auf die Generation Y oder auch ,Millenials‘ genannte technikaffinen, ab den 80ern geborenen Jahrgänge. Sie bestimmen die Marktentwicklung und richten ihr Konsumverhalten an den technologischen Möglichkeiten der Selbstvermessung aus. Diese Entwicklungen stehen erst am Anfang und sorgen schon jetzt für einen boomenden Markt. Ihre Aussage im Interview mit dem Online-Magazin der Nürnberger Messe: „Je mehr Daten wir über unsere eigene bio-psycho-soziale Gesundheit erfassen und auswerten können, desto mehr sind wir Herr über uns selbst.“

Die Zahl bewusst konsumierender Menschen steigt weiterhin und den damit verbundenen Wertewandel und den Nachhaltigkeitsgedanken beziehe diese Generation nicht nur auf den Konsum, sondern explizit auf Lebensbereiche wie Arbeit, Führung und Personalmanagement. „Hierarchie war gestern, heute und morgen geht es um Kooperation, Partizipation, Interaktion, Teamarbeit und gute Kommunikation“, so Burkhart, und „dazu gilt es, starre Hierarchien – auch in den Köpfen der Menschen – aufzulösen und mehr in Netzwerken zu denken und zu agieren.“

Die klassische Parteienpolitik müsse daran interessiert sein, mehr junge Menschen für sich zu begeistern. „Wenn es um das Thema Führung geht, müssen wir anfangen, Management, Leadership und Fachexpertise differenziert(er) zu betrachten. Denn was wir derzeit, vor allem auch bei den Millenials, beobachten: Wenn Chefs keine Lust auf Menschenführung haben, dann sind wir weg“, erklärt sie weiter. Organisationen und Menschen, die permanent Ideen entwickeln und agiler arbeiten wollen, brauchen gut ausgebildete Führungspersönlichkeiten, die es verstehen, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gute Ideen entstehen und Menschen sich entwickeln können. „Wir bilden junge Menschen immer noch aufs alte Industriezeitalter aus.

Heute leben wir aber im Informations- und Digitalzeitalter, bei dem es auf andere Kompetenzen ankommt, als still zu sitzen und auswendig zu lernen, Dienst nach Vorschrift zu machen und guten Noten hinterher zu jagen. Denn all das werden zukünftig Maschinen besser können als wir. Wir müssen endlich anfangen, junge Menschen in den Kompetenzen zu entwickeln, in denen wir uns als Mensch zukünftig von Maschinen unterscheiden.“

Die Vortragsreisende in Sachen ,Next Generation‘ bezeichnet sich selbst in einem Interview als eine Art ,Mutmacherin‘ der jungen Generation und plädiert dafür, eine Kultur des Scheiterns in der Gesellschaft zu entwickeln, die das Scheitern als notwendigen Entwicklungsprozess akzeptiert und beurteilt.

Zukunftsfragen der nächsten Generation

Parallel zur Frage der Generationenfolge muss sich die Biobranche der Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit in der Nachzucht ihrer Produktionsgüter stellen. Die Agrarindustrie versucht seit Langem ihre quasi Monopolstellung besonders in diesem Sektor für sich zu nutzen und die Abhängigkeiten weltweit zu zementieren, indem Züchtungen nur auf spezifisch definierte synthetisch-chemische Nährstoffkomplexe ansprechen.  Die im Eingangsbereich Mitte angesiedelte Sonderschau ,Bio von Anfang an‘ dokumentiert die Erfolge der Bio-Züchtungen bei Flora und Fauna.

Markus Johann, Geschäftsleiter des für die Sonderschau verantwortlichen Firmenpartners bioverita sagte zur Eröffnung der Sonderschau: „Mit der Sonderschau ‚Bio von Anfang an‘ möchten wir einerseits würdigen, was die Bio-Züchtung bis heute schon erreicht hat, sowie andererseits aufzeigen, in welchen Bereichen es noch viel Aufbauarbeit bedingt.“

Die Branche hat die Zeichen der Zeit bisher immer erkannt und wird ihre Wirkung in die sich verändernde Welt haben. Das zeigt allein schon die weiter wachsende Ausstellungsfläche und die Zahl der Aussteller, die heuer aus so fernen Ländern wie Myanmar und Togo kamen.

Thomas W. Baier


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